ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2014Karriere: Wie viel „Ellenbogen“ ist o.k.?

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Karriere: Wie viel „Ellenbogen“ ist o.k.?

Dtsch Arztebl 2014; 111(20): [2]

Kutscher, Patric P.

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Selbstlosigkeit kontra Ellenbogenmentalität: Wie so oft im Leben verspricht der goldene Mittelweg den größten Erfolg.

Differenzierung tue not, sagt Dr. med. Benno Wölfel, Facharzt für Allgemein- und Sportmedizin mit Praxis in Alsbach-Hähnlein in der Nähe von Darmstadt: „Natürlich muss ein Arzt auch einmal die Ellenbogen ausfahren, entscheidend ist meistens, die goldene Mitte zwischen angemessener Durchsetzungsstärke und der Berücksichtigung der Interessen der Menschen im Umfeld zu finden.“ Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Unterscheidung zwischen kritischen Situationen im Umgang mit den Patienten und im Umgang mit Vorgesetzten, Kollegen und Mitarbeitern. Tendenziell sollte im Patientenkontakt jedes Ellenbogenanzeichen vermieden werden.

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Sicherlich muss ein Arzt im Gespräch mit dem Patienten zuweilen auf seiner Fachmeinung bestehen – im Zweifel soll und muss er seine Ansichten aber argumentativ begründen und durchsetzen, nicht nach dem Ellenbogenprinzip.

In den meisten Gesprächen – und das gilt auch für die Kommunikation zwischen Patient und Arzt – prallen unterschiedliche und subjektive Weltbilder und Einstellungen aufeinander. Jeder versucht den anderen so zu überzeugen, dass dieser sein Handeln entsprechend den eigenen Zielen verändert. Aber: Diese Überzeugungsarbeit kann immer nur in der jeweiligen Realität und Wirklichkeit dessen stattfinden, der überzeugt werden soll – also in der Wirklichkeit des Patienten. Wölfel ist darum sicher: „Der Arzt sollte Verhaltensweisen und Gesprächsstrategien entwickeln, die ihm helfen, sich in die Welt des Patienten zu versetzen und aus dessen Nutzenerwartung heraus zu argumentieren.“

Hart in der Sache, weich zum Patienten

Eine grundsätzliche Ellenbogenmentalität hilft wenig weiter – aber das Prinzip „Selbstlosigkeit“ zeitigt zuweilen ebenfalls kontraproduktive Auswirkungen. Der „goldene Mittelweg“ könnte hier wie folgt ausschauen: Der Arzt darf und soll sich in aller Regel wenig kompromisslos in medizinischen Angelegenheiten zeigen – wenn ein Patient sich gegen eine notwendige Therapie sperrt, muss er ihm unmissverständlich die Konsequenzen aufzeigen. Auf der menschlichen Ebene allerdings geht der Arzt wertschätzend vor: Er versucht zu ergründen, warum sich der Patient gegen Maßnahmen sperrt, um ihm zum Beispiel Ängste nehmen und Bedenken zerstreuen zu können.

Wölfel argumentiert: „Das Durchsetzen der eigenen Meinung nach dem Ellenbogen-Prinzip ‚Das wird jetzt so und nicht anders gemacht‘, zerstört das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Der Vorteil, die Therapie durchgeboxt zu haben, wird durch diesen Verlust konterkariert.“

Die Ellenbogenmentalität, die im Patientenkontakt „out“ ist, darf bei der Mitarbeiterführung und im Umgang mit Kollegen schon eher Anwendung finden. Zwar wird diese Eigenschaft oft nicht gerne gesehen, etwa bei den Kollegen und Vorgesetzten. In einer Gesellschaft, die mehr auf Kooperation als auf Konfrontation setzt, ist die Ellenbogenmentalität kein probates Mittel, um seine Interessen durchzusetzen. Jedoch ist es blauäugig zu behaupten, es ginge ohne Konfrontation.

Die Überzeugungskraft des besseren Arguments

Der Arzt sollte wiederum differenzieren und den situativen Kontext berücksichtigen: Wenn sich ein Mitarbeiter einfach nicht an die notwendigen Anweisungen hält oder ein Kollege das Kooperationsklima in der Abteilung zu seinem Vorteil ausnutzt, ist es durchaus angebracht, die eigenen Interessen in den Vordergrund zu schieben und mit allen Mitteln zu verteidigen.

Grundsätzlich jedoch ist es zielführender, Win-win-Situationen herbeizuführen und einen Interessenausgleich oder Konsens anzustreben, bei dem keiner der Beteiligten einen Schaden nimmt oder sein Gesicht verliert.

Immerhin gibt es Untersuchungen, die belegen, dass es hilfsbereite und großzügige Menschen im Beruf weiter bringen als egoistische Ellenbogentypen. Nach dem Psychologen Adam Grant gibt es „Geber“ und „Nehmer“ unter den Menschen, wobei die Geber als hilfsbereite Menschen oft mehr Erfolg haben, eben weil sie sich um andere Menschen kümmern („Von Gebern und Nehmern“, DÄ, Heft 48/2013). Grant zeigt in seinem Buch „Geben und Nehmen“, dass die Geber mit ihrem Engagement für ihre Mitmenschen im Durchschnitt erfolgreicher, zufriedener und auch anerkannter sind als die Nehmer-Typen.

Der Arzt sollte sich daher in kritischen Situationen mit Mitarbeitern oder Kollegen zunächst einmal auf die Überzeugungskraft und die Macht des besseren Arguments verlassen. Fruchtet dies nicht und verhält sich das Gegenüber unkooperativ, dürfen auch die Ellenbogen eingesetzt werden. Auf das aggressive Ellenbogenverhalten des Gegenübers wird mit eben dieser Verhaltensweise geantwortet.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Fähigkeit, auf Angriffe und Verbalattacken schlagfertig zu reagieren. Wenn ein Mitarbeiter unsachlich argumentiert und offensichtlich unfair agiert, helfen kooperative Verhaltensweisen und Gesprächsstrategien allein oft nicht weiter. Wieder gibt es einen goldenen Mittelweg: Der Arzt bleibt selbst im hitzig und emotional geführten Gespräch fair und sachlich, souverän, ruhig und gelassen – zugleich gibt er dem Mitarbeiter entschieden und deutlich zu verstehen, dass dieser eine rote Linie überschritten hat und der Arzt nicht bereit ist, dies zu akzeptieren.

Wölfel zieht ein Resümee: „Die Frage lautet weniger, ob der Ellenbogen ausgefahren oder auf Kooperation gesetzt werden soll. Der Arzt muss über mehrere Optionen verfügen, sich die Situation genau anschauen und den Gesprächspartner betrachten – und dann eine situations- und personenangemessene Verhaltensweise wählen.“

Patric P. Kutscher
MasterClass Education, Zellertal

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