ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2014Körperbilder: Henri Matisse (1869–1954) – Die tranchierte Frau

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Henri Matisse (1869–1954) – Die tranchierte Frau

Dtsch Arztebl 2014; 111(20): [60]

Schuchart, Sabine

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Henri Matisse: „Stehender Blauer Akt“, 1952, Scherenschnitt (Gouache auf Papier, aus - geschnitten und aufgeklebt), 112,7 × 73,7 cm Mit 82 Jahren schuf Matisse die berühmte Serie seiner „Blue Nudes“ – ein Höhepunkt seines Spätwerks. Den expressiven weiblichen Akt mit den erhobenen Armen und seitwärts zeigenden Brüsten setzte er aus sechs blau kolorierten Papierausschnitten zusammen. © Succession Henri Matisse/DACS 2014

Als sich Henri Matisse mit 72 Jahren einer schweren Krebsoperation unterziehen musste, schien seine künstlerische Karriere beendet. Das lange Stehen vor der Staffelei, selbst der Auftrag der Farbe auf die Leinwand waren für den in der Folgezeit an Bett und Rollstuhl gefesselten Maler unmöglich geworden. Ein weniger innovativer Künstler hätte sich damit abgefunden. Matisse aber gelang in den verbleibenden 14 Jahren seines Lebens das Kunststück, mit dem Scherenschnitt, mit dem er schon früher gelegentlich Gemälde vorskizziert hatte, eine einfache Technik genial-unkonventionell zu nutzen. So kam es zu keiner Zäsur, sondern zur Weiterentwicklung seines Werks. In seinen „Blauen Akten“ aus dem Jahr 1952, einer Serie von etwa zwölf Gouacheschnitten, gestaltete er den weiblichen Körper allein aus Farbe und Form und gelangte „ohne Zuhilfenahme irgendwelcher Umgebungsmotive gleichzeitig zu skulpturaler Körperhaftigkeit wie auch zu flächig dekorativer Präzision“, wie er selbst diesen kreativen Prozess beschrieb.

Seine Auffassung der Figur als ornamentalem Gebilde findet man bereits in seinen gemalten Odalisken der 1920er Jahre. „Es besteht keine Kluft zwischen meinen früheren Bildern und meinen Schnittarbeiten“, betonte der Franzose gegen Ende seines Lebens. „Ich habe lediglich durch größere Abstraktion eine auf das Wesentliche reduzierte Form erreicht.“ Dies war komplizierter, als es scheint. In seinem Atelier in Nizza ließ er seine Assistenten riesige Papierbögen mit monochromen Gouachefarben bemalen, um dann selbst mit einer großen Schere freie Formen auszuschneiden. Dann kam die lange Phase des immer wieder neuen Arrangements der einzelnen Elemente an den Atelierwänden. Monate konnten vergehen, bis er mit einer Komposition zufrieden war – für ihn eine Synthese aus Zeichnung, Malerei und Skulptur, die er „mit der Schere zeichnen“ nannte.

Ironie der Geschichte: Erst durch eine lange Krankheit war der als Jurist ausgebildete Matisse überhaupt zur Kunst gekommen. Als er 1890 nach einer Blinddarmoperation für ein Jahr das Bett hüten musste, schenkte ihm seine Mutter zur Ablenkung Farbstifte. Matisse: „In dem Moment, als ich die Schachtel in den Händen hielt, wusste ich, dies ist mein Leben.“ Sabine Schuchart

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Ausstellung

„Henri Matisse: The Cut-Outs“

Tate Modern, Bankside, London; www.tate.org.uk/:
So.–Do. 10–18, Fr./Sa.10–22 Uhr; bis 7. September

Museum of Modern Art, New York: 14. Oktober 2014 bis 15. Februar 2015

Gilles Néret: „Henri Matisse – Scherenschnitte“, broschiert, 96 Seiten, 5. Auflage, Taschen (Erscheinungstermin: 3. Juni 2014); ca. 8 Euro

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