ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2014Weiterbildung zum Facharzt: Der Nachwuchs ist unzufrieden

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Weiterbildung zum Facharzt: Der Nachwuchs ist unzufrieden

Dtsch Arztebl 2014; 111(20): A-868 / B-744 / C-708

Korzilius, Heike

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Der Marburger Bund hat Ärztinnen und Ärzte über ihre Weiterbildungssituation befragt. Das Ergebnis: Nur etwas weniger als die Hälfte von ihnen würde ihre Weiterbildungsstätte weiterempfehlen.

Ich habe gerade die Facharztprüfung für Innere Medizin abgelegt und habe einen großen Wunsch: Ich würde gerne ein paar Zeilen zur teilweise katastrophalen Weiterbildungssituation der jungen Assistenzärzte in Deutschland veröffentlichen“, heißt es in einer E-Mail vom 8. Mai an das Deutsche Ärzteblatt. Das ist nicht die einzige Zuschrift dieser Art. Die Weiterbildung an deutschen Krankenhäusern und in den Praxen niedergelassener Ärzte hat nach wie vor nicht den besten Ruf.

Dabei versuchen die ärztlichen Körperschaften seit längerem, hier gegenzusteuern. Nach zwei Online-Befragungen zur Situation der Weiterbildung in den Jahren 2009 und 2011 sprach sich der Deutsche Ärztetag im vergangenen Jahr für eine dauerhafte Fortführung des Projekts aus. Die nächste bundesweite Evaluation soll 2015 stattfinden. Zurzeit befragen die Lan­des­ärz­te­kam­mern Baden-Württemberg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein und Westfalen-Lippe in einer Art Pretest für die bundesweite Umfrage ihre Ärztinnen und Ärzte über deren Zufriedenheit mit der Weiterbildung.

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Bereits im Januar und Februar wandte sich der Marburger Bund (MB) an den Nachwuchs. Die Ergebnisse der repräsentativen Umfrage zur Weiterbildungssituation seiner Mitglieder stellte die Ärztegewerkschaft am 12. Mai in Berlin vor. In deren Auftrag hatte das Institut für Qualitätsmessung und Evaluation (IQME) online 10 796 Ärztinnen und Ärzte befragt, die zurzeit ihre Weitbildung absolvieren oder diese 2013 abgeschlossen haben. Geantwortet haben 1 118, also gut zehn Prozent.

Das Ergebnis: Etwas weniger als die Hälfte der Ärzte (47 Prozent) würden ihre Weiterbildungsstätte weiterempfehlen. Wie es zu diesem Urteil kommt, zeigt ein Blick auf die Detailauswertungen: Obwohl die (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung der Bundes­ärzte­kammer vorsieht, dass die Weiterbildung unter Anleitung „befugter Ärzte“ erfolgen soll, gaben 23 Prozent der Befragten an, überwiegend von anderen Ärzten in der Weiterbildung angeleitet zu werden. Die Mehrheit (53 Prozent) wird in erster Linie von Oberärzten angeleitet, 18 Prozent erhalten ihre Anleitung von Fachärzten und nur drei Prozent von Chefärzten.

Zu wenig Feedback

Unzufrieden zeigen sich die Befragten auch mit der Vermittlung von Weiterbildungsinhalten. Sie könnten im klinischen Alltag nur unzureichend erworben werden, meinen 63 Prozent der Befragten. 58 Prozent müssen vorgeschriebene Inhalte außerhalb der regulären Arbeitszeit erlernen. Kritisiert wird zudem eine mangelnde Strukturierung der Weiterbildung und ein unzureichendes Feedback durch die Weiterbilder: 85 Prozent der Assistenzärzte haben keinen strukturierten Weiterbildungsplan, 67 Prozent haben kein Logbuch zur Erfassung ihrer Leistungen – dabei verlangt die Weiter­bildungs­ordnung beides. Ein regelmäßiges Feedback erhalten nur neun Prozent der Assistenten, 44 Prozent wird einmal im Jahr ihre Leistung rückgespiegelt, 47 Prozent erhalten kein regelmäßiges Feedback. Dennoch fühlen sich 43 Prozent der Befragten von ihrem Weiterbilder gefördert und immerhin 50 Prozent halten ihren Weiterbilder für didaktisch kompetent.

Überrascht haben dürfte den MB, dass sich 55 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte für einen ambulanten Pflichtteil in der Weiterbildung aussprechen – dabei arbeiten von den Befragten gerade einmal zwei Prozent in der Praxis oder in einem Medizinischen Versorgungszentrum. Der MB lehnt dagegen eine ambulante Pflichtweiterbildung bislang kategorisch ab. Das Thema spaltete im vergangenen Jahr auch den Deutschen Ärztetag. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hatte dort die Diskussion über die Einführung einer ambulanten Pflichtweiterbildung angestoßen. Sie endete beinahe im Eklat. Erst nach zähem Ringen konnte sich der Ärztetag auf einen Kompromiss einigen, der zwar einen deutlichen Ausbau der ambulanten Weiterbildung vorsieht, sofern die zusätzliche Finanzierung von Weiterbildungsstellen gesichert ist, aber keine Pflicht.

Dass sich eine Mehrheit der Weiterbildungsassistenten im MB jetzt für eine ambulante Pflichtweiterbildung ausspricht, sei „nicht charmant für uns“, meint Dr. med. Hans-Albert Gehle, im MB-Vorstand zuständig für Weiterbildungsfragen. Das Ergebnis relativiere sich jedoch, wenn man die Freitext-Antworten berücksichtige. „Die Befürworter sagen: Da sind mehr Rotationen möglich, ich kann mir selber gute Stellen suchen, ich kann meinen Erfahrungsschatz erweitern und mich auf eine potenzielle Niederlassung vorbereiten“, erklärt Gehle. „Für viele steckt dahinter der Wunsch, möglichst viel kennenzulernen und zwar in einem geordneten Rahmen.“ Er vermutet, dass viele Befragte mit einer Pflichtweiterbildung auch eine Anbindung an den Tarifvertrag gleichsetzen.

Praxis ist attraktiv für Frauen

Nach der MB-Umfrage wollen vor allem Ärztinnen „andere Patienten, ein anderes Spektrum an Erkrankungen und andere Arbeitsweisen“ als in der Klinik kennenlernen. Das gehe ebenfalls aus den Freitext-Antworten hervor. Dazu passt, dass sich im Gegensatz zu 27 Prozent der Männer 39 Prozent der Frauen vorstellen können, nach ihrer Facharztprüfung im ambulanten Bereich zu arbeiten. Insgesamt wollen 52 Prozent der Befragten nach Abschluss ihrer Weiterbildung im Krankenhaus bleiben und nur fünf Prozent außerhalb der kurativen Versorgung tätig werden. 61 Prozent der Befragten gaben an, dass sich die Präferenz für den zukünftigen Arbeitsplatz erst während der Weiterbildung herausgebildet habe. Im Studium spielte diese Frage für die meisten noch keine Rolle.

Werden die geforderten Weiterbildungsinhalte während Ihrer alltäglichen klinischen Arbeit ausreichend vermittelt?
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Werden die geforderten Weiterbildungsinhalte während Ihrer alltäglichen klinischen Arbeit ausreichend vermittelt?
Fühlen Sie sich von Ihrem Weiterbilder gefördert?
Fühlen Sie sich von Ihrem Weiterbilder gefördert?
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Fühlen Sie sich von Ihrem Weiterbilder gefördert?
In welchem Bereich möchten Sie nach ihrer Facharztprüfung arbeiten?
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In welchem Bereich möchten Sie nach ihrer Facharztprüfung arbeiten?
Von wem werden Sie in ihrer Tätigkeit überwiegend angeleitet?
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Von wem werden Sie in ihrer Tätigkeit überwiegend angeleitet?
Welche Angebote gibt es seitens Ihres Arbeitgebers, um Beruf und Privatleben während der Weiterbildung miteinander vereinbaren zu können?
Welche Angebote gibt es seitens Ihres Arbeitgebers, um Beruf und Privatleben während der Weiterbildung miteinander vereinbaren zu können?
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Welche Angebote gibt es seitens Ihres Arbeitgebers, um Beruf und Privatleben während der Weiterbildung miteinander vereinbaren zu können?
Welche Möglichkeiten gibt es in Ihrer Weiterbildungsstätte zur Rotation oder zur Kooperation mit anderen Weiterbildungseinrichtungen?
Welche Möglichkeiten gibt es in Ihrer Weiterbildungsstätte zur Rotation oder zur Kooperation mit anderen Weiterbildungseinrichtungen?
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Welche Möglichkeiten gibt es in Ihrer Weiterbildungsstätte zur Rotation oder zur Kooperation mit anderen Weiterbildungseinrichtungen?
Erhalten Sie in Ihrem Fachgebiet ein regelmäßiges Feedback durch den Weiterbilder?
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Erhalten Sie in Ihrem Fachgebiet ein regelmäßiges Feedback durch den Weiterbilder?
Wann hat sich dieser Wunsch bei Ihnen manifestiert?
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Wann hat sich dieser Wunsch bei Ihnen manifestiert?
Halten Sie einen ambulanten Pflichtteil (in einer ambulanten Einrichtung wie z. B. Praxis, MVZ, Ambulanzen) in Ihrer Weiterbildung für wünschenswert?
Halten Sie einen ambulanten Pflichtteil (in einer ambulanten Einrichtung wie z. B. Praxis, MVZ, Ambulanzen) in Ihrer Weiterbildung für wünschenswert?
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Halten Sie einen ambulanten Pflichtteil (in einer ambulanten Einrichtung wie z. B. Praxis, MVZ, Ambulanzen) in Ihrer Weiterbildung für wünschenswert?

Auf der Beliebtheitsskala der angehenden Fachärzte steht das Fach Innere Medizin ganz oben. 25 Prozent der Befragten streben dort einen Abschluss an, gefolgt von Chirurgie/Orthopädie (15 Prozent) und Anästhesiologie (14 Prozent). Lediglich fünf Prozent der Befragten absolvieren eine Weiterbildung in Allgemeinmedizin – angesichts der stärker werdenden Nachfrage nach einer Tätigkeit im ambulanten Bereich sei diese Zahl vergleichsweise gering, findet der MB.

Alles in allem müsse man die Ergebnisse der Umfrage im Zusammenhang mit den vorhergehenden Evaluationen sehen, meint MB-Vorstand Gehle. Wie schon 2009 und 2011 seien insbesondere fehlende Logbücher und Weiterbildungspläne kritisiert worden. „Trotz der wirklich guten Bemühungen der Kammern in den letzten Jahren, scheint sich hier noch nicht viel verbessert zu haben“, meint Gehle.

Ermutigend sei allerdings, dass immerhin die Hälfte der Assistenten ihre Weiterbilder für didaktisch kompetent hielten. „Das erklärt vielleicht auch die guten Durchschnittsnoten, die es bei der Befragung der Bundes­ärzte­kammer 2009 und 2011 gegeben hat“, sagt Gehle. Damals lag das Globalergebnis („Ich würde die Weiterbildungsstätte weiterempfehlen“, „ich bin zufrieden mit der Arbeitssituation“) nach Schulnoten zwischen „drei plus“ (2,54) und „zwei minus“ (2,44). Angesichts der anhaltenden Kritik an der Weiterbildung fiel das Ergebnis damit aus Sicht der Initiatoren besser aus als erwartet.

Dasselbe gilt im Rahmen der aktuellen MB-Umfrage für die Bewertung der Möglichkeiten zur Rotation und Kooperation während der Weiterbildung. Beides werde offenbar in den Abteilungen gelebt, wie fast 70 Prozent der Befragten angaben, sagt Gehle. „Anscheinend hat uns die Realität hier schon überholt.“

Niedrige Teilnahmerate

Angesichts der häufig geäußerten Unzufriedenheit fällt immer wieder die relativ niedrige Teilnahmerate an den Evaluationen der Weiterbildung auf. Bei den bundesweiten Umfragen 2009 und 2011 lag sie bei 32,8 und 38,6 Prozent. Der MB muss sich mit einer Rücklaufquote von zehn Prozent zufrieden geben. „Wir wollten nicht die Umfrage der Bundes­ärzte­kammer ersetzen“, sagt dazu MB-Vorstand Gehle. Die Ärztegewerkschaft habe mit der aktuellen Umfrage auch ein Zeichen setzen wollen, wie wichtig eine kontinuierliche Evaluation der Weiterbildung sei. Die MB-Umfrage sei mit einem einmaligen Anschreiben per E-Mail und ohne Erinnerung abgelaufen. Da könne man mit dem Rücklauf eigentlich ganz zufrieden sein, „aber toll finde ich das nicht“, so Gehle. Wichtig sei, dass es jetzt im Anschluss wie geplant eine bundesweite Umfrage gebe.

Heike Korzilius

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Fühlen Sie sich von Ihrem Weiterbilder gefördert?
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Welche Angebote gibt es seitens Ihres Arbeitgebers, um Beruf und Privatleben während der Weiterbildung miteinander vereinbaren zu können?
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Erhalten Sie in Ihrem Fachgebiet ein regelmäßiges Feedback durch den Weiterbilder?
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Halten Sie einen ambulanten Pflichtteil (in einer ambulanten Einrichtung wie z. B. Praxis, MVZ, Ambulanzen) in Ihrer Weiterbildung für wünschenswert?
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