ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2014Innovationstransfer in der Personalisierten Medizin: Zentral testen, dezentral therapieren

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Innovationstransfer in der Personalisierten Medizin: Zentral testen, dezentral therapieren

Dtsch Arztebl 2014; 111(20): A-872 / B-748 / C-721

Siegmund-Schultze, Nicola

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Projekt mit Modellcharakter: Netzwerk Genomische Medizin bringt gemeinsam mit gesetzlicher Krankenkasse neue zielgerichtete Therapien in die Regelversorgung.

Durch die Allianz einer Krankenkasse (AOK Rheinland/Hamburg) mit dem Netzwerk Genomische Medizin der Universität Köln wird es möglich, dass alle bei dieser Krankenkasse versicherten Patienten mit Bronchialkarzinom Zugang zu neuen zielgerichteten Substanzen bekommen. Das gilt auch für Substanzen, die noch nicht zugelassen, sondern in klinischer Prüfung sind. Voraussetzung ist, dass die behandelnden Ärzte Biopsien vom Tumor an das Netzwerk Genomische Medizin Lungenkarzinom (NGML) am Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) in Köln senden. Dort wird die Probe am Institut für Pathologie molekularpathologisch untersucht. Danach geben die Ärzte des CIO eine Empfehlung ab, ob und wenn ja mit welchen zielgerichteten Substanzen eine Therapie sinnvoll wäre. Betreut werden die Patienten wohnortnah von niedergelassenen Onkologen oder im Krankenhaus. Das Grundprinzip ist also „zentral testen und dezentral therapieren“.

Wissenschaftliches Potenzial soll frühzeitig nutzbar werden

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„Das Land Nordrhein-Westfalen hat den Aufbau dieser Forschungsplattform mit 3,5 Millionen Euro gefördert“, erläuterte Svenja Schulze (SPD), NRW-Landesministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung, bei der Vorstellung des Projektes in der Düsseldorfer Staatskanzlei. Das Land wolle dazu beitragen, das wissenschaftliche Potenzial, das in der personalisierten Medizin stecke, frühzeitig für Patienten nutzbar zu machen. „Erstmalig finden solche neuen Therapieformen, für die es teilweise noch keine Zulassung gibt, ihren Weg in die Regelversorgung“, sagte Matthias Mohrmann von der AOK Rheinland/Hamburg. Die Kasse zahle für die molekulare Diagnostik 1 750 Euro pro Patient. Wolle dieser eine Zweitmeinung einholen, werde diese mit 200 Euro vergütet. Es gehe darum, Schwerkranken unkompliziert die optimale Versorgung zukommen zu lassen, was bei echten Innovationen nur qualitätsgesichert mit einem starken Partner in der Forschung möglich sei. Er hoffe, dass andere Krankenkassen dem Beispiel der AOK Rheinland/Hamburg folgten. Für ihren Versichertenkreis rechne die Kasse mit circa 2 000 Patienten jährlich.

Wissenschaftliche Grundlage für das Projekt ist die Erkenntnis der letzten Jahre, dass viele Tumorentitäten biologisch und molekulargenetisch extrem heterogen sind und es sinnvoll sein kann, systemische Behandlungsformen spezifisch an den beim individuellen Tumor vorhandenen sogenannten Treiber-Mutationen auszurichten. Basis ist aber eine hochsensitive und spezifische Diagnostik, die eine simultane Analyse auf mehrere Alterationen in kurzer Zeit nach Malignomdiagnose (zehn bis zwölf Tage) und eine rasche Integration neuer Mutationen in die molekulare Diagnostik zulässt. Dazu bedarf es besonderer, eng mit der Forschung verbundener Strukturen.

In den ersten 3 863 im Rahmen des NGML-Projektes untersuchten Biopsien von Lungenkarzinomen hätte man bei mehr als 50 Prozent tumorrelevante genetische Alterationen gefunden, berichtete Prof. Dr. med. Jürgen Wolf, Ärztlicher Leiter des CIO, bereits im Februar diesen Jahres beim Deutschen Krebskongress in Berlin. Es sind zum Beispiel bei Änderungen in den Genen EGFR, KRAS und BRAF, aber auch bei ALK-Genrearrangements und Her2-Genamplifikationen. Subkohortenanalysen des NGML hatten ergeben, dass sich das Gesamtüberleben von Patienten mit EGFR-Genmutation durch EGFR-Inhibition um durchschnittlich 20 Monate verlängerte gegenüber einer Chemotherapie (median 31,5 Monate vs. 9,6 Monate; p < 0,001).

Angebot für Teilnahme an Studien ist Teil des Projekts

Bei Lungenkarzinompatienten mit ALK-Genrearrangement betrug die Differenz durchschnittlich ein Jahr (median 23 Monate mit Crizotinib vs. 11 Monate unter Chemotherapie; p = 0,024). Für 16 bis 17 Prozent der Bronchialkarzinome gebe es zugelassene zielgerichtete Medikamente, sagte Wolf. Um Patienten mit nachweisbaren „Treibermutationen“ im Tumor, für die noch kein spezifisches Medikament zugelassen ist, personalisiert behandeln zu können, wurde am CIO eine Plattform für klinische Studien der Phase I und II aufgebaut, in die Patienten integriert werden können.

„Wir wünschen uns, dass es ähnlich wie beim erblichen Brustkrebs einige Knotenpunkte gibt, die auf die molekulargenetische Diagnostik spezialisiert sind und Befunde und Empfehlungen an die peripher versorgenden Ärzte und Zentren weitergeben“, sagte Prof. Dr. med. Reinhard Büttner, Direktor des Instituts für Pathologie der Uniklinik Köln. Dies könne auch ein Modell für andere Tumorentitäten werden. In das NGML seien schon die meisten regionalen Versorger integriert.

Lungenkarzinome sind bei Männern die häufigste tumorbedingte Todesursache (circa 29 400 im Jahr 2010) und bei Frauen die zweithäufigste nach Brustkrebs (13 600).

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

@Internetadressen:
www.aok.de/rheinland-hamburg;
www.cio-koeln.de
www.ngml.de

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