POLITIK

Biosicherheit: Der Ethikrat plädiert für eine verstärkte Risikovorsorge

Dtsch Arztebl 2014; 111(20): A-874 / B-747 / C-712

Richter-Kuhlmann, Eva

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Deutsche Biosicherheitsstandards seien international vorbildlich, meint Bun­des­for­schungs­minis­terin Johanna Wanka. Dennoch sei verstärkte Vorsorge nötig. Foto: dpa
Deutsche Biosicherheitsstandards seien international vorbildlich, meint Bun­des­for­schungs­minis­terin Johanna Wanka. Dennoch sei verstärkte Vorsorge nötig. Foto: dpa

Ein Kodex und eine Kommission könnten mehr Sicherheit schaffen um den Missbrauch biologischer Forschung durch Dritte zu verhindern, meint der Rat.

Die Angst, dass Details von wissenschaftlichen Studien in falsche Hände gelangen und als „Bauanleitung“ für Biowaffen missbraucht werden könnten, ist nicht neu. Nährboden erhielt sie, als es Forschern 2011 gelang, Vogelgrippeviren durch Mutationen so zu verändern, dass sie im hohen Grad per Tröpfcheninfektion zwischen Säugetieren übertragbar wurden. Nachdem das US-National Science Advisory Board for Biosecurity daraufhin die Zeitschriften „Science“ und „Nature“ aufforderte, keine Details der Forschungsergebnisse zu veröffentlichen, entbrannte eine internationale Diskussion über die Freiheit von Forschung.

Auch die deutsche Bundesregierung erteilte 2012 dem Deutschen Ethikrat den Auftrag, eine Stellungnahme zu diesem Thema zu erarbeiten und somit die Möglichkeiten auszuloten, den Missbrauch biologischer Forschung durch Dritte zu verhindern, ohne dabei die Forschungsfreiheit übermäßig zu beeinträchtigen. Diese Stellungnahme zur „Biosicherheit – Freiheit und Verantwortung in der Wissenschaft“ liegt jetzt vor.

Seine Empfehlungen, in denen er sich für einen bundesweit gültigen Forschungskodex für Wissenschaftler, rechtlich verbindliche Regelungen zur Biosicherheit sowie internationale Initiativen ausspricht, übergab der Ethikrat am 7. Mai in Berlin an Bun­des­for­schungs­minis­terin Johanna Wanka und Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (beide CDU). Beide begrüßten, dass die Empfehlungen vorrangig auf die Verantwortung der Wissenschaftler setzten und plädierten für ein „in sich stimmiges Regelsystem“.

Bislang existierten zwar schon viele Regelungen, aber kein kohärentes System an Maßnahmen, bekräftigte Prof. Dr. jur. Silja Vöneky, die innerhalb des Ethikrates federführend mit der Erarbeitung der Stellungnahme betraut war. Nach Ansicht des Ethikrates seien deshalb bewusstseinsbildende und verantwortungsfördernde Maßnahmen sowie durchaus auch rechtliche Regelungen für eine angemessene Risikovorsorgestrategie notwendig.

Im Einzelnen legte das Beratergremium fünf Empfehlungen vor:

  • Erstens sollen die Forschenden vermehrt für das Thema Biosecurity sensibilisiert und darin ausgebildet werden, um das Risiko- und Missbrauchspotenzial ihrer Forschung richtig einzuschätzen.
  • Hochschulen, öffentliche und private Forschungseinrichtungen sowie wissenschaftliche Fachgesellschaften ruft der Ethikrat zweitens auf, gemeinsam einen nationalen Biosecurity-Forschungskodex für Deutschland zu erstellen. Forschungsvorhaben sollen durch eine Kommission auf ihre Biosicherheit geprüft werden. Ein Teil der Mitglieder des Ethikrates würde dabei auf Forschungsvorhaben verzichten, bei denen die Gefahr der Epidemie einer schwerwiegenden Erkrankung bei Menschen gegeben ist – sofern nicht ein überwiegender Nutzen für die Gesundheit von Menschen zu erwarten ist.
  • Eine dritte Empfehlung richtet sich an die Forschungsförderer. Sie sollen sicherstellen, dass besorgniserregende biosecurity-relevante Forschung (Dual Use Research of Concern, DURC) nur dann gefördert wird, wenn sich die Wissenschaftler auf den deutschen Biosecurity-Forschungskodex verpflichtet haben und ein positives Votum der DURC-Kommission vorliegt.
  • In seiner vierten Empfehlung plädiert der Ethikrat für neue gesetzliche Regelungen. Diese sollen nicht nur die gesetzliche Definition von DURC umfassen, sondern auch die Einsetzung der DURC-Kommission vorschreiben sowie eine verpflichtende Beratung und Evaluation der Forschungsvorhaben durch die DURC-Kommission.
  • Der Ethikrat ruft Wissenschaftler und Wissenschaftsorganisationen in einer fünften Empfehlung ferner dazu auf, die Risiken eines Missbrauchs von Erkenntnissen und Ergebnissen biologischer Forschung zum Anlass zu nehmen, auch international verstärkt über die Chancen und Risiken von DURC zu diskutieren.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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