ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2014Psychiatrie-Entgeltsystem: Kleine Korrekturen genügen nicht

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Psychiatrie-Entgeltsystem: Kleine Korrekturen genügen nicht

Dtsch Arztebl 2014; 111(20): A-878 / B-750 / C-713

Bühring, Petra

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Das neue pauschalierende Entgeltsystem für die Psychiatrie sollte mit Hilfe einer multidisziplinären Expertenkommission grundlegend überarbeitet werden. Das forderten Sachverständige bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestages.

Eigentlich sollte das pauschalierende Entgeltsystem für Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) ab 2015 für alle Kliniken verpflichtend werden. Aufgrund der anhaltenden Kritik eines breiten Bündnisses aus leitenden Klinikärzten, Pflegekräften, Betroffenen und Angehörigen will die Regierungskoalition jetzt jedoch mit einem Änderungsantrag zum Krankenhausfinanzierungsgesetz die sogenannte Optionsphase und die anschließende budgetneutrale Phase um zwei Jahre verlängern. Das wurde von den Sachverständigen, die zur Anhörung im Gesundheitsausschuss am 7. Mai geladen waren, einhellig begrüßt. Gehört wurden sie zu den Anträgen von Bündnis 90/Die Grünen („Das psychiatrische Entgeltsystem überarbeiten und das Versorgungssystem qualitativ weiterentwickeln“) sowie der Linken („Einführung des neuen Entgeltsystems stoppen“).

„Die Mehrheit der Sachverständigen bestätigte, dass kleine Kurskorrekturen am PEPP unzureichend sind und eine adäquate Versorgung besonders von schwer psychisch Kranken sowie Kindern und Jugendlichen gefährden würden. Sie begrüßten unsere Vorschläge für eine grundlegende Strukturreform hin zu einem wohnortnahen, vernetzten, ambulant orientierten und multiprofessionellen Versorgungsangebot“, fasste Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, die Anhörung zusammen. Das neue Entgeltsystem begünstige stationäre Behandlungen und bremse innovative Projekte aus.

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„Es besteht kein Zweifel daran, dass wir ein neues Vergütungssystem brauchen“, sagte Prof. Dr. med. Thomas Pollmächer, Ingolstadt, Vorsitzender der Bundesdirektorenkonferenz – Verband leitender Ärzte der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie. „Doch das darf nicht dazu führen, dass Kliniken Patienten mit bestimmten Störungen bevorzugen und schwer psychisch Kranke zu früh entlassen.“ Weiter kritisierte Pollmächer, dass der Gemeinsame Bundes­aus­schuss, der Empfehlungen als Ersatz für die durch PEPP wegfallende Psychiatrie-Personalverordnung (PsychPV) erarbeiten soll, seine Arbeit noch nicht aufgenommen habe. Er sieht den Zeitrahmen gefährdet.

„Die PsychPV darf nicht wegfallen, solange es keine andere verbindliche Struktur gibt“, forderte Prof. Dr. med. Jörg Fegert, Ulm, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Gerade in der noch personalintensiveren Kinder- und Jugendpsychiatrie seien verbindliche Personalvorgaben enorm wichtig. Fegert hält den Einsatz einer Expertenkommission, die der Selbstverwaltung bei der weiteren Umsetzung von PEPP zur Seite steht, für notwendig. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie müsse dabei besonders berücksichtigt werden.

Eine multidisziplinäre Expertenkommission hält auch die Aktion Psychisch Kranke (APK) für notwendig. „Die Zusammenarbeit zwischen der Selbstverwaltung und den Fachverbänden war ungenügend“, sagte Prof. Dr. med. Peter Kruckenberg, APK, bei der Anhörung. Nur mit Experten könnten sinnvolle Korrekturen an den Bewertungsrelationen – orientiert am Schweregrad der Beeinträchtigung – vorgenommen werden.

Auch die Bundes­psycho­therapeuten­kammer, vertreten durch Dr. rer. pol. Christina Tophoven, forderte die Einrichtung einer Expertenkommission, die sich mit den Erfordernissen einer besseren Versorgung von psychisch Kranken mit komplexen Störungen befasst. Diese brauchten eine sektorenübergreifende ambulant orientierte Versorgung und möglichst kurze Klinikaufenthalte. „Für schwer psychisch Kranke gibt es bisher nur Insellösungen“, sagte sie. Notwendig sei aber ein neues Versorgungsangebot, in das die bisherigen Modellprojekte, Verträge zur integrierten Versorgung und die Institutsambulanzen integriert würden. „Die Regelungen könnten weitgehend in Analogie zu § 116 b SGB V (ambulante spezialfachärztliche Versorgung) gestaltet werden“, schlug Tophoven vor.

„Die notwendige Weiterentwicklung der gemeindenahen integrierten Versorgung von schwer psychisch Kranken wird durch PEPP aus den Augen verloren“, sagte Nils Greve vom Dachverband Gemeindepsychiatrie e.V. Das PEPP-System sollte grundlegend so überarbeitet werden, dass ambulante Behandlung und Home Treatment als gleichwertige Möglichkeiten mit ausreichender Finanzierung abgebildet würden, so Greve. Die Einführung eines neuen Entgeltsystems in der Psychiatrie biete eine „historische Chance“, die dysfunktionale Trennung der Sektorengrenzen aufzuheben.

Petra Bühring

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