ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2014Behandlungsfehlerstatistik: Mehr Gutachten, weniger Fehler

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Behandlungsfehlerstatistik: Mehr Gutachten, weniger Fehler

Dtsch Arztebl 2014; 111(20): A-867 / B-743 / C-707

Rieser, Sabine

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Erneut haben die Medizinischen Dienste der Kran­ken­ver­siche­rung ihre Statistik zu Behandlungsfehlern vorgelegt. Dabei wurden auch die Grenzen der vorliegenden Datensammlung umfangreich erläutert.

Etwa 14 600 Gutachten bei einem vermuteten Behandlungsfehler haben die Medizinischen Dienste der Kran­ken­ver­siche­rung (MDK) im Jahr 2013 erstellt. Das sind circa 2 000 und damit 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der dabei festgestellten Behandlungsfehler ist allerdings leicht gesunken. Knapp 3 700-mal kamen die Gutachterinnen und Gutachter zu dem Ergebnis, dass ein Behandlungsfehler vorliegt (2012: 3 900-mal), also in etwa jedem vierten Fall. Bei zwei von drei dieser Fehler befanden sie, dass diese auch kausal für den Schaden verantwortlich waren. Das geht aus der Statistik zur Behandlungsfehlerbegutachtung hervor, die der Medizinische Dienst aktuell in Berlin vorgestellt hat. Sie umfasst Vorwürfe im ärztlichen, zahnärztlichen und pflegerischen Bereich.

Die meisten Vorwürfe betreffen operative Fächer

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Ob die jüngsten Entwicklungen ein Trend oder eine zufällige Schwankung seien, bleibe abzuwarten, erklärte Dr. med. Stefan Gronemeyer, Leitender Arzt und stellvertretender Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des GKV-Spitzenverbandes (MDS). Prof. Dr. med. Astrid Zobel, Leitende Ärztin Sozialmedizin des MDK Bayern, ergänzte, dass erwartungsgemäß in den operativen Fächern die meisten Vorwürfe erhoben wurden – unabhängig vom Versorgungssektor: „So beziehen sich die meisten Fehlervorwürfe auf Behandlungen in der Orthopädie und in der Unfallchirurgie, gefolgt von der Zahnmedizin. Erst dann folgen die Innere Medizin und die Gynäkologie.“ Eine hohe Zahl an Vorwürfen bedeute aber nicht automatisch eine hohe Zahl an Behandlungsfehlern: „Über alle Fächer hinweg werden in unserer Statistik die meisten Vorwürfe in der Pflege bestätigt, gefolgt von der Zahnmedizin. Dies entspricht dem Bild der Vorjahre.“

Zobel hob hervor, dass sich aus den Statistiken keine Rückschlüsse auf die Gesamtzahl aller Behandlungsfehler ziehen ließen beziehungsweise dass nicht einzelne Fachgebiete oder Behandlungen besonders risikobehaftet seien. „Die Dunkelziffer ist hoch, weil Fehler entweder nicht als solche zutage treten oder weil Patienten sich nicht dazu entschließen können, einem Fehlerverdacht nachzugehen“, gab sie zu bedenken. Auch liege für viele Behandlungen keine Gesamtzahl vor, so dass die erhobenen Daten nicht in Relation dazu gesetzt werden könnten. Zobel erwähnte darüber hinaus, dass auch andere Institutionen Behandlungsfehlervorwürfen nachgehen, so die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern.

Die zehn häufigsten ärztlichen Behandlungsanlässe bei den bestätigten Behandlungsfehlern sind Knie- und Hüftgelenksverschleiß, Bruch des Ober- oder Unterschenkels, Bruch des Unterarms, Dekubitus, Rückenschmerzen, sonstige Bandscheibenschäden, Frakturen im Bereich der Schulter und des Oberarms und erworbene Deformitäten der Finger und Zehen.

„Die Summe der Begutachtungen, wie sie in der MDK-Statistik zum Ausdruck kommt, ist eine unverzichtbare Quelle, damit alle Akteure im Gesundheitswesen aus diesen Vorgängen lernen“, urteilte Hardy Müller, Geschäftsführer des Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V., das von der Bundes­ärzte­kammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gefördert wird (siehe auch Titel „ Patientensicherheit: Viel zu tun – viel erreicht“, Heft 15/2014). Ziel sei es, aus den Daten und dokumentierten Fehlern zu lernen. Müller forderte den Ausbau einer „Sicherheitskultur“ in der gesundheitlichen Versorgung.

Bundes­ärzte­kammer: Schäden im Promillebereich

„Angesichts von fast 700 Millionen Behandlungsfällen im ambulanten Bereich und mehr als 18 Millionen Fällen in den Kliniken jährlich bewegt sich die Zahl der festgestellten ärztlichen Behandlungsfehler im Promillebereich“, kommentierte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, die Statistik. Dies zeigten sowohl die vorgelegten Zahlen als auch die jährlichen Statistiken der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern. „Beide Erhebungen beruhen auf belastbaren Daten und unterscheiden sich damit erheblich von Veröffentlichungen der AOK, die vor einigen Monaten versucht hatte, mit Uraltschätzungen zu Behandlungsfehlern Stimmung gegen Ärztinnen und Ärzte zu machen“, ergänzte der BÄK-Präsident.

Die Bundes­ärzte­kammer kündigte an, Ende Juni ihre aktuelle Behandlungsfehlerstatistik zu veröffentlichen. Nach ersten Analysen wurde 2013 bei knapp 8 000 Sachentscheidungen der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen in knapp einem Drittel der Fälle ein Behandlungsfehler festgestellt. Dieser Trend entspreche dem Niveau der vergangenen Jahre, eine signifikante Verschlechterung sei nicht festzustellen, hieß es.

Sabine Rieser

@Details zur Statistik:
www.aerzteblatt.de/14867

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