ArchivDeutsches Ärzteblatt4/1996BfArM: Alle Jahre wieder?
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LNSLNS . . . Im Herbst 1993 erfolgte eine Anordnung, daß alle Östrogene, die peri- und postmenopausal verordnet werden, mit einem Gestagen zyklisch zu kombinieren sind. Darunter fiel auch das Östriol, welches bekannterweise nur einen sehr geringen Effekt auf das Endometrium hat. Erst nach heftiger Intervention von Experten (Menopause-Gesellschaft etc.) wurde diese Bestimmung 1994 geändert!
Mitte August 1994 kam die Schreckensmeldung: Diane verursacht Leberkarzinom! Da die Pressemitteilung erst am Freitagnachmittag erfolgte, erfuhren es Ärzte und Patientinnen durch die Medien ohne fachliche Information beziehungsweise Hintergrundwissen. Da dieses Präparat inzwischen 20 Jahre in der Praxis erprobt war und meines Wissens kein einziger Fall von Leber-Ca. bei alleiniger Anwendung von Diane bekannt wurde, halte ich dieses Vorgehen für äußerst verwerflich! Skurrilerweise erhielten wir Ärzte am 23. Oktober 1995 die Mitteilung der Firma Schering, das Stufenplanverfahren sei abgeschlossen, und wir dürften das Medikament wieder uneingeschränkt verschreiben unter der Voraussetzung, daß sich Haupt- und Nebenindikation umgekehrt haben – nun natürlich zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen!
Genau zu diesem Termin (21. Oktober 1995) erfolgte nach gleichem Schema (System?) die Hiobsmeldung, OCS mit Gestoden und Desogestrel wären für doppelt so viele Thromboembolien (auf 100 000 Frauen!) verantwortlich wie ältere Gestagene. Vorausgegangen war ein "drug alert" in Großbritannien, dem sich das BfArM in Nach-Plapper-Manier sofort anschloß. Radio, TV und Sonntagszeitungen brachten diese Nachricht groß heraus – Panik, Angst und Schrecken nahmen ihren Lauf. Als Basis dienten drei Studien, von denen zwei weder abgeschlossen, autorisiert noch zur Veröffentlichung freigegeben waren (Spitzer, Jick), und eine der WHO, die es an Wissenschaftlichkeit und Sorgfalt erheblich mangeln läßt! Eine Woche später (27. Oktober) traf sich in London das CPMP der Europäischen Arzneimittelbehörde und beschloß einstimmig, daß "nach Abwägung des Nutzen-RisikoVerhältnisses kein Grund besteht, diese Präparate vom Markt zu nehmen". Eine relative Beruhigung trat nun in unseren Praxen ein. Am 6. November, wieder Freitag nachmittags, verschickte das BfArM eine neue Pressemitteilung, in der die jetzt bekannte Anordnung über die Verschreibung dieser Präparate verkündet wurde (gültig ab 11. Dezember 1995!).
Geht man davon aus, daß außer den Ärzten 1993 Tausende von Frauen verunsichert wurden, die Zahl dieser verängstigten Frauen 1994 auf zirka eine Million stieg und diesmal zirka vier bis fünf Millionen umfaßt, darf man gespannt sein, ob 1996 neue Rekordmarken durch das BfArM erreicht werden. Ich frage mich ernsthaft, ob es die Aufgabe einer von Steuergeldern finanzierten Bundesbehörde sein kann, die Bevölkerung durch wiederholte Aktionen dieser Manier derart zu verschrecken, daß Angst, Panik und Hysterie bestehen. Warum wendet sich dieses Bundesinstitut nicht an wirkliche Experten, die mehr Kompetenz und Sachverstand besitzen als die hochdotierten Beamten in Berlin (Züricher Gesprächskreis, Arbeitsgemeinschaften der Fachgesellschaften, Lehrstühle der Universitäten etc.)? Es ist auch nachzufragen, wer für den entstandenen "Schaden" haftet: Die ungewollten Schwangerschaften, die psychischen Belastungen der Patientinnen, der "Rufmord" an den genannten Präparaten und zuletzt auch der Vertrauensverlust gegenüber uns Ärzten! Das BfArM – ein schlechter Witz?
Es wäre sehr wünschenswert, wenn sich diese Herren in Berlin für ihr Geld mehr Gedanken über eine wesentlich verbesserte Informationspolitik machen würden – ansonsten ist diese Behörde nicht zu retten. Der von uns Ärzten so sehr verehrte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter darf sich in seiner smarten Art mal wieder weniger um unausgegorene Gesundheitsreformen als mehr um seinen eigenen Stall kümmern – Berlin ist wirklich eine Reise wert!
Dr. med. Richard Hampe, Oberhofer Platz 4, 80807 München
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