ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2014Psychische Erkrankungen: Angst als Ursache thematisieren

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Psychische Erkrankungen: Angst als Ursache thematisieren

Dtsch Arztebl 2014; 111(21): A-942 / B-795 / C-763

Bühring, Petra

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Angststörungen sind die häufigsten psychischen Erkrankungen, werden aber in knapp der Hälfte der Fälle aufgrund der somatischen Symptomatik nicht erkannt und richtig behandelt. Eine neue S3-Leitlinie soll die Versorgung verbessern.

Angst hilft, Gefahren zu erkennen und entsprechend zu reagieren, sie dient so als Schutz. Kommt es jedoch zu übertriebenen oder objektiv grundlosen Reaktionen, kann eine Angststörung vorliegen. Die Zwölfmonatsprävalenz in der Bevölkerung liegt bei 15,3 Prozent (Jacobi et al. 2014); praxisrelevant sind dabei vor allem Panikstörungen, die generalisierte Angststörung und die soziale Phobie. Damit sind Angststörungen die häufigsten psychischen Erkrankungen.

Eine neue interdisziplinäre S3- Behandlungsleitlinie soll nun die Versorgung von Patienten mit Angststörungen verbessern. Fachgesellschaften und Patientenvertreter haben die Leitlinie nach etwa sechsjähriger Arbeit Anfang Mai in Berlin vorgestellt.

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Trotz ihrer Häufigkeit werden Angststörungen nach Angaben des Expertenkonsortiums aus 20 Fachgesellschaften in knapp 50 Prozent der Fälle nicht erkannt. „Die Patienten zeigen häufig körperliche Symptome, wie ständiges Schwitzen oder Herzrasen, und werden dann vom Hausarzt erstmal zum Kardiologen geschickt“, sagte Prof. Dr. med. Manfred Beutel, Mainz, der die Deutsche Gesellschaft und das Deutsche Kollegium für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie vertritt. Oftmals beginne dann eine Odyssee durch das Gesundheitswesen. „Angst als Ursache ist viel zu wenig Thema, und auch bei den Ärzten besteht noch großer Aufklärungsbedarf“, mahnte Beutel. Denn unbehandelt komme es häufig zu Chronifizierungen, längeren Krankschreibungen und Frühverrentungen. Bei Angststörungen bestehe zudem ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Suchterkrankungen, somatoforme Störungen und Zwangsstörungen. Damit einher gehe auch ein erhöhtes Suizidrisiko.

Die neue S3-Leitlinie will deshalb durch transparente Standards die Diagnostik und Behandlung für die verschiedenen Versorgungsebenen verbessern. Die Leitlinie empfiehlt, Patienten mit Angststörungen, die einen hohen Leidensdruck oder eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität haben, Psychotherapie und Pharmakotherapie in Kombination anzubieten. „Konsens besteht darin, den Wunsch des informierten Patienten besonders zu berücksichtigen“, betonte Dipl.-Psych. Jürgen Matzat, Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen. Ärzte sollen insbesondere über den Wirkeintritt der Medikamente, die unerwünschten Wirkungen, aber auch die Verfügbarkeit einer Psychotherapie informieren.

Die S3-Leitlinie empfiehlt an erster Stelle die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) (Empfehlung A) in Kombination mit medikamentöser Behandlung. „Psychodynamische Verfahren werden dann empfohlen (Empfehlung B), wenn eine KVT nicht wirksam war, oder wenn der informierte Patient dies wünscht“, erläuterte Prof. Dr. med. Borwin Bandelow, Göttingen, Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde und Gesellschaft für Angstforschung. „Empfehlungen über die Dauer der Therapie können wir nicht geben“, sagte Bandelow. Weitere Therapieansätze wurden evaluiert, jedoch für wenig wirksam bei Angststörungen befunden: Internettherapie, Applied Relaxation, EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) und Virtual-Reality-Therapie.

Bei der Pharmakotherapie haben SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) und SNRI (selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) Empfehlung A erhalten. Werden diese nicht vertragen oder wirken sie nicht, können auch Pregabalin, Clomipramin oder Buspiron verordnet werden. „Benzodiazepine sollten aufgrund des hohen Abhängigkeitspotenzials nicht gegeben werden – dies ist leider noch häufig der Fall“, erklärte Bandelow. Als ergänzende Maßnahmen raten die Experten zur Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe und auch zu Ausdauersport.

Probleme, die in der hausärztlichen Praxis auftreten, erläuterte Prof. Dr. med. Thomas Lichte, Magdeburg, Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM): „Häufig nehmen Patienten eine psychische Diagnose nicht an und werden dann doch wieder mit Herzrasen zum Kardiologen geschickt.“ Lichte fordert deshalb eine noch stärkere Enttabuisierung psychischer Erkrankungen. Wünschenswert sei zudem ein verpflichtendes Basisweiterbildungsmodul „psychosomatische Grundversorgung“ für Kardiologen, um Angstpatienten besser zu erkennen.

Petra Bühring

@Kurzversion der S3-Leitlinie zur
Behandlung von Angststörungen:
www.aerzteblatt.de/14942

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