ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2014Schach: Der Prophet von Muggensturm

SCHLUSSPUNKT

Schach: Der Prophet von Muggensturm

Dtsch Arztebl 2014; 111(21): [56]

Pfleger, Helmut

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Ein unverzichtbarer Teil des alljährlichen Ärzteschachturniers ist der Schachstand des Ehepaars Monika und Manfred Mädler, eine mal wissenschaftlich-ernste, mal heiter-vergnügliche Fundgrube rund ums „Königliche Spiel“. Als Gratiszugabe garniert von oft verblüffenden, humorvollen Erklärungen und „Ausflügen“ des Schachliebhabers Manfred Mädler.

Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer

Beim letzten Turnier im April in Bad Neuenahr stellte Manfred bei einer lockeren Gesprächsrunde nach des Tages Mühen, sprich sechs anstrengenden Schnellschachpartien, einen wahrhaft skurrilen Vertreter der Spezies „Schachspieler“ vor.

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Auf Josef Emil Diemer, einen hochgewachsenen, hageren, weißbärtigen Mann, dem, prima vista erkennbar, jedwede Bürgerlichkeit schon von Kindesbeinen erfolgreich ausgetrieben worden war, geht das umstrittene Blackmar-Diemer-Gambit zurück, bei dem Weiß nach den Anfangszügen 1.d4 d5 mit 2.e4!? postwendend einen Bauern opfert, um Zeit und Raum für den Angriff zu gewinnen – nicht zuletzt Politikern sind ja „Bauernopfer“ bestens vertraut.

Mag das Opfer des Königsbauern mit e2-e4 durchaus seine Berechtigung haben, so sind bei seinem Diktum „Das ,Blackmar-Diemer-Gambit‘ verwandelt den ganzen Menschen“ schon mehr Zweifel erlaubt. Selbst ein guter, aber keinesfalls herausragender Spieler, konnte Diemer vom Schach allein nicht leben, aber dafür gab es eine treue Anhängerschaft, die ihn immer wieder unterstützte und durchfütterte. Doch wehe, als ihm ein Schachfreund einmal eine Arbeit anbot: „Ich lasse mich nicht zur Arbeit vergewaltigen!“

Unverdrossen pilgerte er indes täglich mit ausgreifenden Schritten, denen so leicht niemand nachkam, vom heimischen Muggensturm ins Schachcafé im sechs Kilometer entfernten Rastatt, gelegentlich auch auf dem Fahrrad mit einem Steckschach auf der Gabel.

Und zunehmend verfestigte sich sein Credo, dass das Gambit schnurstracks zum Matt führe: „Ich begann wie ein Hellseher zu spielen, Matt zu sehen in Stellungen, wo es meine Gegner noch nicht einmal ahnten. Das hat Aljechin (einen einstigen Weltmeister) immer wieder fragen lassen: ‚Woher nur hat der Diemer das?‘“

Manfred Mädler, der auch Literatur über Diemer und sein Gambit „Vom ersten Zug an auf Matt“ im Sortiment hat, wurde es allerdings ganz anders, als dieser in seinem Düsseldorfer Stammrestaurant plötzlich aufstand und den Gästen verkündete: „Ich bin der Messias des Schachs!“

Nun, zumindest hat er eine treue Gefolgschaft. Seit seinem Tod am 10. Oktober 1990 pilgern Anhänger alljährlich zum Todestag nachts mit Fackeln an das Grab des „Propheten von Muggensturm“ und skandieren dort: „d4 – d5 – e4, Josef, wir sind bei dir!“

Und wenn Sie jetzt, zumindest kurzzeitig, ebenfalls bei ihm sind, werden Sie vielleicht auch entdecken, mit welch feinem Zug Weiß in dieser „natürlich“ aus dem Blackmar-Diemer-Gambit hervorgegangenen Stellung (1.d4 d5 2.e4 dxe4 3.Sc3 Sf6 4.f3 exf3 5.Dxf3 Dxd4 6.Le3 Dg4 7.Df2 Db4 8.0–0–0 Sg4 9.Sb5 Da5) mindestens die schwarze Dame gewinnt. Nämlich?

Lösung:

Mit 1. De1!, wonach die bedrohte schwarze Dame überlastet ist, weil sie das Feld c7 überdecken muss: 1. . . . Dxe1 2. Sxc7 matt oder 1. . . . Sa6 2. Dxa5.

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