ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2014Psychische Störungen bei Teenagern: Eine längere Dauer prädisponiert für spätere Rezidive

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Psychische Störungen bei Teenagern: Eine längere Dauer prädisponiert für spätere Rezidive

Dtsch Arztebl 2014; 111(21): A-946 / B-808 / C-767

Siegmund-Schultze, Nicola

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Psychische Störungen treten bei Heranwachsenden vergleichsweise häufig auf. Von den Erwachsenen mit psychischen Störungen berichten wiederum die meisten, sie hätten erste Symptome bereits als Jugendliche gehabt. Für ein australisches Forscherteam war daher die Frage, ob es Prädiktoren für eine Persistenz seelischer Störungen von der Adoleszenz bis ins Erwachsenenalter gibt. Die Forscher rekrutierten 1 943 Heranwachsende aus 44 Schulen im australischen Staat Victoria und befragten sie zu sechs Zeitpunkten in dieser Lebensphase zum Vorliegen psychischer Störungen (durchschnittliches Alter in den Erhebungswellen 1 und 2: 14,9 und 15,5 Jahre, bei der 6. Erhebungswelle: durchschnittlich 17,4 Jahre). In drei weiteren Wellen (7 bis 9) wurde dann im jungen Erwachsenenalter erneut der Gesundheitszustand erhoben (mit durchschnittlich 20,7 Jahren, 24,1 Jahren und 29,1 Jahren). Insgesamt umfasste die Dauer der prospektiven Untersuchung 14 Jahre. Befragungsgrundlagen waren strukturierte/standardisierte klinische Interviews.

29 % der männlichen Teilnehmer (95-%-Konfidenzintervall [KI] 25–32 %) und 54 % der weiblichen (95-%-KI 51–57 %) hatten mindestens zu einem Zeitpunkt in der Adoleszenz ausgeprägte Zeichen einer psychischen Störung. In dieser Gruppe berichteten fast 60 % (n = 434/734; circa 20 % mehr Frauen als Männer) von mindestens einer weiteren Episode im jungen Erwachsenenalter, wobei die Häufigkeit mit einer unterschiedlichen Dauer der Episoden in der Adoleszenz assoziiert war: Hatten die Episoden für mindestens 6 Monate bestanden, war die Wahrscheinlichkeit für eine psychische Störung im jungen Erwachsenenalter um den Faktor 3,16 (Odds Ratio [OR] 95-%-KI 1,86–5,37) erhöht. Bei psychischen Störungen zu mindestens zwei Erhebungszeitpunkten im jungen Erwachsenenalter (Wellen 7–9) hatten 60 % der Männer und 79 % der Frauen schon mindestens eine Episode als Teenager. Mädchen hatten ein im Vergleich zu Jungen größeres Risiko für Persistenz einer psychischen Störung bis ins junge Erwachsenenalter (OR 2,12; 95-%-KI 1,29–3,48) und Heranwachsende, deren Eltern sich getrennt hatten, ein höheres Risiko als Teenager ohne diesen familiären Hintergrund (OR 1,62; 95-%-KI 1,03–2,53). Die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten psychischer Störungen sank ab etwa Ende 20.

Geschätzte Wahrscheinlichkeit für psychische Störungen bei jungen Frauen von 21 bis 29 Jahren mit mindestens einer Episode in der Adoleszenz
Geschätzte Wahrscheinlichkeit für psychische Störungen bei jungen Frauen von 21 bis 29 Jahren mit mindestens einer Episode in der Adoleszenz
Grafik
Geschätzte Wahrscheinlichkeit für psychische Störungen bei jungen Frauen von 21 bis 29 Jahren mit mindestens einer Episode in der Adoleszenz

Fazit: Psychische Störungen im jungen Erwachsenenalter haben häufig Vorläufer in der Adoleszenz, andererseits sind diese bei einer vergleichsweise kurzen Dauer oft auf die Teenagerzeit beschränkt. „Das untersuchte Störungsspektrum sind Depressionen und Angststörungen, und hier zeigt die Studie erneut und eindrucksvoll auf, wie hoch die Belastung bei Jugendlichen ist“, kommentiert Prof. Dr. Gerd Schulte-Körner, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität München. „Es besteht, abhängig vom Schweregrad, eine hohe Kontinuität bis
ins Erwachsenenalter, weshalb eine frühzeitige, evidenzbasierte Behandlung im Jugendalter dringend notwendig ist. Auch die Forderung, präventiv zur Verminderung des Risikos für eine zweite Erkrankungsphase zu arbeiten, ist gut begründet. Hier zeigt die Studie, dass familiäre Belastungsfaktoren das Risiko, wieder zu erkranken, erhöhen, so dass präventive Methoden nicht nur auf den Jugendlichen ausgerichtet sein sollten, sondern auch familiäre Belastungsfaktoren integrieren sollten.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Patton GC, Coffey C, et al.: The prognosis of common mental disorders in adolescents: a 14-year prospective cohort study. Lancet 2014; 383: 1404–11. MEDLINE

Geschätzte Wahrscheinlichkeit für psychische Störungen bei jungen Frauen von 21 bis 29 Jahren mit mindestens einer Episode in der Adoleszenz
Geschätzte Wahrscheinlichkeit für psychische Störungen bei jungen Frauen von 21 bis 29 Jahren mit mindestens einer Episode in der Adoleszenz
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Geschätzte Wahrscheinlichkeit für psychische Störungen bei jungen Frauen von 21 bis 29 Jahren mit mindestens einer Episode in der Adoleszenz

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