ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2014Franz Kafka (1883–1924): Ein Opfer der Tuberkulose

KULTUR

Franz Kafka (1883–1924): Ein Opfer der Tuberkulose

Dtsch Arztebl 2014; 111(21): A-958 / B-814 / C-772

Krämer, Sandra

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„Manchmal scheint es mir, Gehirn und Lunge hätten sich ohne mein Wissen verständigt. ,So geht es nicht weiter’, hat das Gehirn gesagt, und nach fünf Jahren hat sich die Lunge bereiterklärt, zu helfen.“*

Seine eigentliche Berufung sah der zu einem soliden Beruf gezwungene Franz Kafka bereits zu Studienzeiten im Schreiben. Sein schriftstellerisches Selbstverständnis ist jedoch geprägt von einer permanenten Spannung zwischen radikalster Entschlossenheit für die Literatur und größten Zweifeln an der eigenen Fähigkeit hierfür. Selbstzweifel und Lebensunfähigkeit, die er wiederum schreibend zu bewältigen versuchte, sind für den Schriftsteller generell kennzeichnend. Der von Kindheit an mit Minderwertigkeitskomplexen und Schuldgefühlen beladene Kafka fühlte sich Zeit seines Lebens bedroht von der Notwendigkeit der Ausübung eines existenzsichernden Berufes und der Dominanz seines Vaters. Sein Verhältnis gegenüber Frauen war geprägt von einem Wechsel zwischen Bindungsbegehren und -ängsten, die sich in seinen wiederholten Verlobungen und Trennungen äußerten. Die seelischen Konflikte führten rasch zu körperlichen Beschwerden: Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Herzbeschwerden, Gewichtsabnahme. Kafkas permanente Beobachtung des eigenen Körpers war begleitet von der ständigen Angst vor einer Krankheit, die ihn niederwerfen würde. Nach einem nächtlichen Blutsturz im August 1917 diagnostizierten die Ärzte Tuberkulose. Als Gegner der Schulmedizin stand Kafka einem ärztlich empfohlenen Sanatoriumsaufenthalt zunächst ablehnend gegenüber, bevorzugte private Erholungsurlaube. Ein Kuraufenthalt in der ungarischen Hohen Tatra 1920 erwies sich dann auch als kontraproduktiv. Hier wurde Kafka zum ersten Mal die Bedeutung seiner Krankheit bewusst; bereits im Mai 1921 war er von der Unmöglichkeit einer Heilung überzeugt.

„Mann an Tisch“, eine Illustration Kafkas zu dem Roman „Der Prozess“ aus dem Jahr 1905 Foto: picture alliance
„Mann an Tisch“, eine Illustration Kafkas zu dem Roman „Der Prozess“ aus dem Jahr 1905 Foto: picture alliance
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Für Kafka selbst stellte seine Krankheit vor allem eine Art Regression, ein Zurückweichen vor den Forderungen des bürgerlichen Erwachsenenlebens und Abnahme von Verantwortung dar. Wiederholte mehrmonatige Freistellungen befreiten ihn von dem ungeliebten Beruf. Der Ausbruch der Krankheit löste die unerträgliche Unentschiedenheit hinsichtlich seiner Beziehung zu seiner Verlobten. Die im Oktober 1920 diagnostizierte Infiltration beider Lungenflügel bot ihm erneut einen Trennungsvorwand. In Wahrheit war es jedoch, wie die Journalistin Milena Jesenská gegenüber Max Brod kundtat, Kafkas „Angst“ vor „nacktem Fleisch“.

War die Phase seit Ausbruch der Krankheit und ersten Erholungsurlauben bereits von einer zunehmenden Abstinenz vom Schreiben gekennzeichnet, artikulierten sich 1921 in seiner testamentarischen Anordnung, sämtliche Werke zu vernichten, immer größere Zweifel an seinem schriftstellerischen Können. Erst zwei Jahre vor seinem Tod konnte Kafka die lange Phase des Schreibstillstandes überwinden. Zur permanenten Bettlägerigkeit gezwungen, vertauschte er den Schreibtisch mit seinem Nachtlager. Brennen im Hals und zunehmender Stimmverlust waren die ersten Symptome für die 1922 einsetzende sekundäre Kehlkopftuberkulose als Folgeerkrankung der Lungentuberkulose. Als würde sein Leben von der Literatur eingeholt werden, muten daher die vor seinem Tod am 3. Juni 1924 veröffentlichten Erzählungen Ein Hungerkünstler und Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse an, in denen der Prozess des fortschreitenden Verhungerns und Verstummens literarisch vorweggenommen wird.

Sandra Krämer M.A.

Sandra.Kraemer@studium.uni-hamburg.de

*an Max Brod am 14. September 1917

Kafka – Biografisches

Nach dem Jurastudium in Prag arbeitete Kafka von 1908 bis zur Frühpensionierung 1922 bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt für das Königreich Böhmen. 1904 verfasste er die Erzählung Beschreibung eines Kampfes, 1907 die Novelle Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande; seit 1908 Veröffentlichung von Prosastücken und nichtfiktionalen Artikeln in der Zeitschrift Hyperion, in der Tageszeitung „Bohemia“ und im Sammelband Betrachtung. Der literarische Durchbruch gelang ihm 1912 mit der Erzählung Das Urteil. Es folgten Texte wie Die Verwandlung, Der Heizer, In der Strafkolonie, Eine kaiserliche Botschaft und die drei Romane Der Verschollene, Der Prozess und Das Schloss.

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