ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2014Interview mit Sabine Dittmar (SPD), Rudolf Henke (CDU) und Dr. med. Harald Terpe (Bündnis 90/Die Grünen): „Von jedem Ärztetag gehen Impulse für die Politik aus“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Sabine Dittmar (SPD), Rudolf Henke (CDU) und Dr. med. Harald Terpe (Bündnis 90/Die Grünen): „Von jedem Ärztetag gehen Impulse für die Politik aus“

Dtsch Arztebl 2014; 111(21): A-926 / B-792 / C-750

Osterloh, Falk; Rieser, Sabine

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Rudolf Henke fährt seit etwa 30 Jahren zu Ärztetagen, Harald Terpe kämpft als Delegierter mit Terminproblemen, Sabine Dittmar war noch nie vor Ort – die drei Ärzte im Gesundheitsausschuss des Bundestags über ihre Blickwinkel auf eine Institution.

Fotos: Svea Pietschmann
Fotos: Svea Pietschmann

Frau Dittmar, Herr Dr. Terpe, Herr Henke: Welche praktischen Erfahrungen mit Ärztetagen haben Sie?

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Sabine Dittmar: Ich war noch nie auf einem Ärztetag. Aber ich habe die Berichterstattung darüber im Deutschen Ärzteblatt immer intensiv verfolgt.

Harald Terpe: Als Vorstandsmitglied der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern bin ich nicht automatisch Delegierter, aber ich bin mehrmals als solcher gewählt worden. Leider hatte ich wegen meines Bundestagsmandats häufig Terminprobleme und musste mich teilweise vertreten lassen.

Herr Henke, Sie sind seit zig Jahren bei Ärztetagen. Wie hat es begonnen?

Rudolf Henke: 1985 war ich zum ersten Mal Delegierter, in Travemünde. Aber ich war zuvor schon als Studentensprecher aus den Reihen des Marburger Bundes zu Gast.

Wie war das erste Mal als Delegierter?

Henke: Als Ärztetagsfrischling, damals im sechsten Berufsjahr, wurde ich mit offenen Armen empfangen. Alle waren sehr freundlich zu mir als dem berufspolitischen Nachwuchs. Ich erinnere mich, dass ich mich für die Abschaffung des Röntgenpflichtjahres in der Inneren Medizin eingesetzt habe.

Inzwischen haben Sie etwa 30 Ärztetage absolviert. Was hat sich verändert?

Henke: Damals war der Deutsche Ärztetag für mich das berufspolitische Highlight des Jahres. An einer Versammlung teilnehmen zu dürfen, auf der sich die Ärzteschaft gemeinsam eine Meinung bildet, habe ich als großes Privileg empfunden. Dieses Gefühl des Besonderen hat sich abgeschwächt, auch weil ich inzwischen in vielen Gremien mitarbeite und Meinungsbildung sozusagen ein Stück Alltag geworden ist. Aber der Ärztetag ist nach wie vor das zentrale meinungsbildende Gremium der Ärzteschaft und hat für die Verständigung untereinander eine hohe Bedeutung.

Welche Bedeutung hat der Ärztetag für Sie, Herr Terpe?

Terpe: Ich hätte vor 30 Jahren gar nicht zu einem Ärztetag fahren können, weil ich aus Ostdeutschland stamme. Ich bin aber nach dem Mauerfall ein großer Fan der ärztlichen Selbstverwaltung geworden und geblieben, bei aller Diskussion darum. Ich halte sie für eine Errungenschaft, und deshalb haben Ärztekammern und Ärztetage auch eine wichtige Funktion.

Dittmar: Ich halte den Ärztetag ebenfalls für ein wichtiges Gremium der Meinungsbildung. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Sorgen und Nöte der ambulant tätigen Kollegen etwas zu kurz kommen, weil viele Delegierte aus dem stationären Bereich stammen. Und ich finde es bedauerlich, dass es nur so wenig weibliche Delegierte gibt.

Henke: Soweit ich weiß, sind Niedergelassene eher überrepräsentiert.

Terpe: Der Ärztetag ist männerdominiert, das stimmt, und das muss sich ändern. Aus meiner Sicht kommen auch die Probleme der Jüngeren zu kurz. Wir müssen aufpassen, dass da nicht etwas auseinanderdriftet. Andererseits dauert es eben auch, bis man Delegierter wird.

Gehen von Ärztetagen Impulse für Ihre bundespolitische Arbeit aus?

Terpe: Eigentlich von jedem. Natürlich ist die Frage, wie sich die Ärzteschaft mehrheitlich zur Suizidbeihilfe stellt, aktuell von großer Bedeutung. Oder die Frage, wie man die Probleme des hausärztlichen Nachwuchses lösen kann.

Dittmar: Ich habe die Diskussion um die Finanzierung des Gesundheitswesens auf dem zurückliegenden Ärztetag sehr kritisch verfolgt. Und ich erinnere mich an die Debatten über Priorisierung 2008 und 2009. Damals war ich Abgeordnete im bayerischen Landtag und weiß, dass uns das sehr beschäftigt hat.

Terpe: Bei der Finanzierungsdiskussion habe ich mich aber auch gefragt: Ist das eigentlich immer Aufgabe der Ärzteschaft? Zu dieser Frage gibt es ja unterschiedliche Meinungen. Die muss man akzeptieren, auch die unterschiedlichen Vorstellungen in der Sache. Die Ärzteschaft ist schließlich kein monolithischer Block. Deshalb hat der Ärztetag ja auch parlamentarischen Charakter: Es werden Positionen verhandelt und dann in einer Mehrheitsmeinung abgestimmt.

Dittmar: Mir fällt noch eine Diskussion ein, die mich sehr interessiert hat, nämlich die über die elektronische Gesundheitskarte beziehungsweise Telemedizin. Damals wäre ein Patient von mir wegen einer Doppelmedikation fast gestorben. Ich hätte mir gewünscht, dass entsprechende Angaben auf seiner elektronischen Gesundheitskarte vermerkt sind, und konnte den Widerstand gegen die Karte nicht wirklich nachvollziehen.

Welche Impulse für die Bundespolitik sind Ihnen in Erinnerung, Herr Henke?

Henke: Aus meiner Sicht haben alle Ethikdebatten großen Einfluss gehabt. Ich erinnere mich, dass in der Diskussion über die Präimplantationsdiagnostik im Bundestag viele Kollegen die Diskussion auf dem Deutschen Ärztetag nachgelesen haben. Ähnlich war es beim Schwangerschaftskonfliktgesetz oder bei der Novellierung des Organspenderechts.

Haben Sie ein Wunschthema für einen künftigen Deutschen Ärztetag?

Terpe: Die Auswirkungen der Öko­nomi­sierung der Medizin auf die junge Generation. Finanzen sind auch eine Ressource, und als Grüner bin ich immer für Ressourcenschonung. Aber man muss Ökonomie und Medizin in einen Ausgleich bringen. Bei den Jüngeren spüre ich, dass sie das Gefühl haben, die Dominanz des Ökonomischen beeinträchtige ihre ärztliche Arbeit. Viele schätzen Teamarbeit und würden gern im Krankenhaus bleiben. Aber sie wenden sich wegen des ökonomischen Drucks ab und sagen: Dann suche ich mein Glück lieber in der Niederlassung.

Weitere Vorschläge?

Dittmar: Der Ärztetag sollte sich erneut mit Transplantationsmedizin und Organspende befassen. Zurückgehende Spenderzahlen, verlorenes Vertrauen in Institutionen – ich finde, da müssten noch einmal Signale kommen.

Henke: Ich fände es lohnend, das Thema Kommunikation in der Tiefe zu durchdringen. Wie man gut, schnell und verständlich mit Patienten kommuniziert, ist für Ärzte eine zentrale Frage. Mein Eindruck ist aber, ähnlich wie der von Herrn Terpe, dass das Ökonomische in der Medizin dominiert und jüngere Kollegen in ein Räderwerk gepresst werden. Das Spezifische der Profession, auch die Kommunikation, kommt zu kurz.

Beim nächsten Ärztetag wird es unter anderem um Prävention gehen. Viele Ärzte finden, dass ihre Rolle als Berater und Begleiter der Patienten gestärkt werden sollte. Was meinen Sie?

Terpe: Die Diskussion um das Präventionsgesetz ist im Grunde ja eine um die Primärprävention, ein Feld von großer Vielfältigkeit. Wenn man allein über den Bereich der medizinischen Prävention spricht, dann ist sie in den Händen der Ärzteschaft und anderer Gesundheitsberufe am besten aufgehoben. Hier müssten mehr Impulse gesetzt werden. Ich wundere mich, dass die Krankenkassen das nicht verstärkter tun.

Dittmar: Medizinische Prävention ist Aufgabe der Ärzteschaft, aber bei der Primärprävention sind sicherlich viele Akteure zu beteiligen. Wir sollten aber auch den Apothekern eine Rolle zugestehen, weil sie ebenfalls Ansprechpartner für viele sind und einen niedrigschwelligen Zugang bieten.

Henke: Im Bereich der Primärprävention ist die Begrenzung auf die Ärzteschaft nicht möglich und nicht sinnvoll. Aber ich finde es richtig, dass sich ein Ärztetag mit der spezifischen Rolle, die das Setting ärztliche Behandlung bietet, auseinandersetzt. In vielen Behandlungssituationen sind Ärztinnen und Ärzte als Autorität anerkannt, die etwas zur Gesundheit sagen sollen – und die auch etwas zur Prävention sagen können. Mir wird das Ganze oft zu konfrontativ diskutiert. Manche Wissenschaftler tun so, als ob Ärzte gar nichts davon verstünden. Beim Thema Prävention sollte man für jeden sinnvollen Beitrag dankbar sein. Und in Arztpraxen sind die Patienten nun mal erreichbar für gesundheitliche Botschaften.

Der Ärztetag wird sich auch mit der schmerzmedizinischen Versorgung auseinandersetzen. Wie fällt Ihr Urteil zum Versorgungsstand aus?

Dittmar: Aus meiner hausärztlichen Erfahrung heraus finde ich, dass sich die schmerzmedizinische Behandlung von Krebspatienten deutlich gebessert hat. Aber ich sehe nach wie vor Defizite in der Versorgung von chronischen Schmerzpatienten, von Menschen mit dauerhaften Rückenschmerzen, Migräne oder Rheuma. Viele sind überhaupt nicht gut eingestellt. Ich finde, mit den Defiziten müsste sich zunächst die Selbstverwaltung auseinandersetzen und möglicherweise in Aus- und Weiterbildung etwas verändern.

Henke: Wir diskutieren häufig, ob Behandlungen gemacht werden, weil man damit Geld verdienen kann. Im Bereich der Schmerzmedizin muss man eher fragen, ob Behandlungen unterbleiben, weil sie nicht angemessen finanziert werden, also eine langwierigere konservative Therapie bei Rückenproblemen unterbleibt, aber eine Wirbelsäulenoperation bezahlt wird. Solchen Fragen müssen wir im Einzelnen nachgehen.

Terpe: Das Thema ist sehr vielschichtig. Die Versorgung hat sich verbessert, auch aufgrund von Impulsen aus der Ärzteschaft. Aber wir halten vielleicht nicht Schritt mit den Möglichkeiten, die es gibt, auch was beispielsweise sinnvolle Versorgungsverträge anbelangt. Natürlich sind die Ärztekammern gefordert, entsprechende Inhalte in der Weiter- und Fortbildung vorzusehen. Andererseits dauert es, bis man eine gewisse Zahl von Kollegen hat, die das umsetzen können.

Ein weiterer Tagesordnungspunkt umfasst die Herausforderungen des öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD). Wie nehmen Sie diese Debatte wahr?

Henke: Mir ist der Hinweis wichtig, dass sich die Finanzsituation vieler Kommunen verbessert, weil der Bund sie von Ausgaben entlastet hat, zum Beispiel im Bereich der Grundsicherung im Alter. Deshalb könnten die Kommunen selbst dafür sorgen, den ÖGD attraktiver zu machen und Stellen dort besser zu bezahlen. Der ÖGD ist unter anderem für die gesundheitliche Gefahrenabwehr zuständig. Hier besteht also auch ein gewisser Sicherstellungsauftrag von Bürgermeistern und Landräten.

Terpe: Wir haben ja innerhalb der Ärzteschaft die Kollegen vom ÖGD jahrelang gern ein wenig belächelt. Aber die Bedeutung, die wir ihnen zumessen, hat sich inzwischen stark geändert. Nur haben wir mittlerweile massive Nachwuchsprobleme. Ich finde, wir sollten mit der Debatte auf dem Ärztetag ein Signal für den ÖGD setzen. Allein die Tatsache, dass das Thema dort diskutiert wird, wird dazu beitragen, den ÖGD aus der Nische zu bringen.

Das Interview führten Falk Osterloh
und Sabine Rieser.

Sabine Dittmar

Die SPD-Bundestagsabgeordnete war zuvor Hausärztin und Abgeordnete im bayerischen Landtag. In Praxis und Politik schätzt sie „das gute Gefühl, wenn man helfen kann“. Bemerkenswert findet Dittmar an Ärztetagen, dass es keine Antragskommission gibt, sondern zehn Delegierte jederzeit Anträge einbringen können.

Rudolf henke

In seiner Heimat Aachen Ärztetagsdelegierter zu sein, zum ersten Mal – das hatte sich der heutige CDU-Bundestagsabgeordnete im Jahr 1984 gewünscht. Doch die Bundeswehr brauchte den damaligen Medizinalrat im Bundesgrenzschutz und ließ ihn nicht ziehen. Heute lächelt Henke darüber. Damals kochte er.

Harald terpe

Der grüne Bundestagsabgeordnete ist auch als Vorstandsmitglied der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern Anhänger gründlicher Erörterungen. Die Meinungsvielfalt in den Kammern spiegele sich in den Ärztetagsdebatten wider, findet Terpe. Sie wirkten manchmal umständlich, führten aber zu mehr Akzeptanz der Beschlüsse.

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