ArchivDeutsches Ärzteblatt10/1999Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Keine Verordnung von Zolpidem bei bekannter Benzodiazepinabhängigkeit

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Keine Verordnung von Zolpidem bei bekannter Benzodiazepinabhängigkeit

Dtsch Arztebl 1999; 96(10): A-648 / B-500 / C-460

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LNSLNS Die zur Behandlung von Schlafstörungen derzeit eingesetzten Medikamente lassen sich im wesentlichen in drei Gruppen einteilen: 1. Benzodiazepine,
2. Pflanzliche Präparate und 3. die neueren kurzwirksamen Benzodiazepin-Agonisten (chemisch andersartig) mit den Vertretern Zolpidem und Zopiclon.
Unter den innerhalb der GKV verordneten Schlafmitteln nimmt Zolpidem eine führende Stellung ein (zwischen 1991 und 1998 lag das Verordnungsvolumen bei 150 Millionen DDD); das meistverordnete diesbezügliche Fertigpräparat hat damit das bislang am häufigsten verordnete Lormetazepam-Präparat von seiner Spitzenposition verdrängt. Eine Rolle könnte dabei spielen, daß immer wieder betont wird, das Abhängigkeitsrisiko von Zolpidem sei wesentlich geringer als das von Benzodiazepinen. In der Tat gibt es dafür verschiedene, teilweise noch nicht publizierte, epidemiologische Hinweise. Kürzlich hat Keup anhand von quantitativen Ergebnissen aus dem "Frühwarnsystem" darauf hingewiesen, daß in den fünf Jahren seit Markteinführung die Zahl der Fälle von Mißbrauch und Abhängigkeit für Zolpidem bemerkenswert klein geblieben ist (Keup 1998). Die AkdÄ sieht sich jedoch veranlaßt, die Ärzteschaft aufgrund eigener ihr vorliegender Fälle, auch im Einklang mit der genannten Publikation, vor einem Mißverständnis dieser Information und vor falschen praktischen Konsequenzen zu warnen.
Die AkdÄ verfügt derzeit über 572 UAW-Meldungen im Zusammenhang mit einer Zolpidem-Therapie. Die überwiegende Mehrzahl betrifft den psychiatrischen Formenkreis, gefolgt von Störungen des zentralen und peripheren Nervensystems. In 19 Fällen wurde eine Arzneimittelabhängigkeit, in 12 Fällen eine Entzugssymptomatik und in 6 Fällen ein Arzneimittelmißbrauch berichtet. Mißbrauch und Abhängigkeit von Zolpidem kommen also vor, auch wenn es sich nach den bisher vorliegenden Informationen dabei fast ausschließlich um Fälle sekundärer Abhängigkeit handeln dürfte.
Die Angaben in der wissenschaftlichen Literatur zum Abhängigkeitspotential von Zolpidem sind widersprüchlich. Während einige Autoren allenfalls eine sekundäre Abhängigkeit als potentielles Risiko ansehen, sind auch Fallberichte erschienen, die ein primäres Abhängigkeitspotential im Zusammenhang mit der Einnahme von Zolpidem möglich erscheinen lassen. In jedem Fall bedeutet dies, daß ein Benzodiazepinabhängiger Patient nicht risikolos auf Zolpidem umgestellt werden kann in der Hoffnung, das Abhängigkeitsproblem werde damit gelöst werden. Vielmehr muß in solchen Fällen mit der Möglichkeit einer "Mißbrauchsverschleppung" auf Zolpidem gerechnet werden. Grundsätzlich müssen die auch für Benzodiazepine bekannten Caveats hinsichtlich der Verschreibung von Sedativa/Hypnotika an Personen mit schon bestehendem Substanzmißbrauch (Alkohol, Medikamente etc.) auch bei der Verordnung von Zolpidem beachtet werden.
Intensive Diskussionen mit dem Hersteller und Lizenzgeber haben erfreulicherweise inzwischen dazu geführt, daß dieser die Fach- und Gebrauchsinformation zu Zolpidem aktualisiert hat, so daß mit Stand vom November 1998 auf das erhöhte Risiko für Mißbrauch und Abhängigkeit bei Patienten mit einer Suchtanamnese hingewiesen wird.
Bitte teilen Sie der AkdÄ beobachtete Nebenwirkungen (auch Verdachtsfälle) mit. Sie können dafür den in regelmäßigen Abständen im Deutschen Ärzteblatt abgedruckten Berichtsbogen verwenden, Ihre Meldung aber auch formlos an die unten genannte Adresse senden.
Literatur
Keup W: Zolpidem und Zopiclon. Geringeres Mißbrauchspotential im Vergleich zu Benzodiazepin-Hypnotika. Arzneimitteltherapie 16: 246-253 (1998).
Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Aachener Str. 233-237, 50931 Köln, Tel 02 21/ 40 04-5 18, Fax 02 21/ 40 04-5 39, E-Mail: akdae@t-online.de
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