ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2014Ärzte in Weiterbildung: Virtueller Wissensaustausch

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Ärzte in Weiterbildung: Virtueller Wissensaustausch

Dtsch Arztebl 2014; 111(22): A-1002 / B-856 / C-810

Heintze, Christoph; Beck, Sabine; Dini, Lorena

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Eine Online-Plattform soll die ärztliche Weiterbildung Allgemeinmedizin unterstützen und die Vorbereitung für die spätere Facharztprüfung erleichtern.

Für ambulant tätige Ärzte entwickeln sich in den letzten Jahren zunehmend Internetangebote in der Form von Online-Portalen. Die Ausrichtung dieser Portale ist breit und reicht von der Bereitstellung vielfältiger Informationen über neue Behandlungsmethoden bis hin zur Einordnung von Leitlinien. Zudem werden auch Foren für eine ärztliche Diskussion genutzt, in denen meist ein asynchroner Informationsaustausch stattfindet, bei dem Fragen gestellt und zu einem späteren Zeitpunkt von Kollegen kommentiert werden. Es ist daher naheliegend, dass Internetangebote auch für die ärztliche Fortbildung eine immer größere Rolle spielen.

Bis auf Ausnahmen gehen diese deutschsprachigen Portale wenig spezifisch auf strukturierte Inhalte von Ärzten in Weiterbildung ein. Dabei ist davon auszugehen, dass die Bedeutung digitaler Netzwerke zur Unterstützung der individuellen Weiterbildung in den nächsten Jahren wächst.

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Die Etablierung von Online-Portalen bietet auch für die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin ein großes Potenzial. Bedingt durch die Weiter­bildungs­ordnung sind die jungen Ärzte verpflichtet, unterschiedliche klinische Bereiche zu durchlaufen. Die Weiterbildung findet oftmals in fachlich und örtlich voneinander getrennten Einrichtungen statt, die nicht immer untereinander vernetzt sind.

Ärzte fühlen sich häufig als Einzelkämpfer

Verbundweiterbildungen werden zwar zunehmend etabliert, sind aber nicht flächendeckend verfügbar. Dadurch fühlen sich viele junge Ärzte als Einzelkämpfer. Ein berufliches Peer-Netzwerk aufzubauen und dieses im klinischen Alltag in einzelnen Weiterbildungsabschnitten zu pflegen, gestaltet sich für angehende Fachärzte schwierig. Während in anderen europäischen Ländern, wie etwa in Großbritannien, die hausärztliche Weiterbildung inhaltlich stärker durchstrukturiert ist und individuelle Lernzeiten vorgesehen sind, ist die Weiterbildung in Deutschland häufig durch das Lernen im Arbeitsalltag geprägt. Eine gezielte Vorbereitung auf die Inhalte der Facharztprüfung erfolgt meist am Feierabend.

So entstand im Jahr 2012 die Idee, mit KOLEGEA („Kooperatives Lernen und mobile Gemeinschaften für berufsbegleitende Weiterbildung in Allgemeinmedizin“; www.kolegea.de) eine Online-Plattform zu initiieren, die angehenden Allgemeinmedizinern einen virtuellen Wissensaustausch ermöglicht. Das Institut für Allgemeinmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat dafür gemeinsam mit der Humboldt-Viadrina School of Governance, der Universität Duisburg-Essen und The Code AG eine Plattform geschaffen. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Ansicht auf bearbeitete Patientenfälle (Ausschnitt): Die Fälle können von anderen Ärzten kommentiert und diskutiert werden.
Ansicht auf bearbeitete Patientenfälle (Ausschnitt): Die Fälle können von anderen Ärzten kommentiert und diskutiert werden.
Nutzungsmöglichkeiten der Plattform (Ausschnitt): Ob Vorbereitung auf die Facharztprüfung oder Rat bei einem unklaren Fall – die Community hilft weiter.
Nutzungsmöglichkeiten der Plattform (Ausschnitt): Ob Vorbereitung auf die Facharztprüfung oder Rat bei einem unklaren Fall – die Community hilft weiter.

Auf der Plattform können Ärzte ihre Patientenfälle während oder nach der Sprechstunde anonym auf einer Anamnesematrix darstellen und Fragen formulieren. Die Fälle werden von anderen Ärzten gelesen und kommentiert. So besteht die Möglichkeit, komplexe oder vielschichtige Beratungsanlässe aus der ärztlichen Sprechstunde mit Gleichgesinnten online zu diskutieren. Zusätzlich sind auf der Online-Plattform visualisierte Leitlinien integriert, um die Auseinandersetzung mit evidenzbasierten Vorgehensweisen zu unterstützen. So können die eingestellten Fälle mit den dazu passenden Leitlinien verknüpft werden.

In den Bundesländern Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern besteht zusätzlich die Möglichkeit, Patientenfälle in geschützten Kleingruppen mit Fachärzten für Allgemeinmedizin zu reflektieren, die einzelne Gruppen als Mentoren begleiten. In einer solchen Kleingruppe werden zur Diskussion gestellte Patientenfälle von dem erfahrenen Hausarzt klinisch eingeordnet und kommentiert. Sind die Fälle abschließend diskutiert, werden sie für die anderen Nutzer der Austauschplattform zugänglich. Die KOLEGEA-Plattform soll über die Vernetzung der Akteure und das Angebot der fachlichen Unterstützung durch Mentoren die Attraktivität der hausärztlichen Weiterbildung steigern und die Vorbereitung für die spätere Facharztprüfung erleichtern. Die Projektbeteiligten erhoffen sich dadurch auch, zur Verbesserung der hausärztlichen Versorgung in ländlichen und strukturschwachen Gebieten beizutragen.

Nach zwei Jahren Entwicklungsarbeit ist die Web 2.0-basierte Plattform seit Oktober 2013 in Deutschland freigeschaltet. Sie kann auch mobil per Tablet oder Smartphone-App genutzt werden. So können die Nutzer ortsunabhängig aktuelle Fälle aus dem Praxisalltag zur Kommentierung einstellen. Die Nutzer haben die Plattform bisher sehr positiv evaluiert. Für die Registrierung unter www.kolegea.org benötigen interessierte Ärzte nur ihre von der zuständigen Ärztekammer vergebene Fortbildungsnummer.

Der Einsatz neuer Medien für die hausärztliche Weiterbildung wird, wenn auch mit anderer Ausrichtung, ebenfalls in Baden-Württemberg erprobt. Dort gibt es eine internetbasierte Plattform, die allerdings nur für Ärzte in Weiterbildung aus diesem Bundesland zur Verfügung steht. Die vom Institut für Allgemeinmedizin der Universität Heidelberg entwickelte Plattform ist eng mit dem dort entwickelten kompetenzbasierten Curriculum verzahnt, mit dem die hausärztliche Weiterbildung strukturiert unterstützt werden soll.

Enge curriculare Anbindung der Online-Inhalte

Vermutlich wird die Weiterbildung von Ärzten künftig verstärkt durch internetbasierte Angebote begleitet werden. Zu klären ist, wie sich regional unterschiedliche Weiter­bildungs­ordnungen mit den Inhalten solcher digitalen Plattformen verzahnen lassen. Je enger die curricularen Inhalte der Weiterbildung auf entsprechend angepassten Plattformen hinterlegt werden können, desto höher wird das Interesse von Ärzten in Weiterbildung sein, diese Angebote aktiv zu nutzen. Zudem ist zu klären, welche Akteure an der Ausgestaltung solcher zielgruppenspezifischen Web 2.0-Plattformen zu beteiligen sind, um einen finanziell abgesicherten nachhaltigen Gebrauch gewährleisten zu können.

Priv.-Doz. Dr. med. Christoph Heintze, MPH

Dr. med. Sabine Beck, Dr. med. Lorena Dini

Charité – Universitätsmedizin Berlin
christoph.heintze@charite.de

3Fragen an . . .

Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Vorsitzender der Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer

Welche Rolle spielen neue Medien und das Web 2.0 bei der geplanten Reform der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung?

Bartmann: Das Internet hat die Vermittlung von Faktenwissen auch in medizinischen Fachberufen nachhaltig verändert. Zeitaktueller und umfassender als klassische Lehrbücher und Printmedien beziehen Ärztinnen und Ärzte einer großen Teil ihres Wissenszuwachses aus diversen Quellen im Internet, unter anderem auch aus eigens zu diesem Zweck etablierten Portalen. Das iPad ersetzt das Kompendium in der Kitteltasche. Dabei werden zunehmend auch komplexere Inhalte im Rahmen von Weiter- und Fortbildung vermittelt. Die bevorstehende Novelle der Weiter­bildungs­ordnung mit ihrer mehr inhalts- als zeitbezogenen Orientierung sieht ausdrücklich die Integration derartiger Quellen im kognitiven Bereich – dem Weiterbildungsmodus 2 – vor.

Wie lassen sich internetbasierte Angebote in die ärztliche Weiterbildung konkret einbinden?

Bartmann: Da nach wie vor ein großer Teil der Weiterbildungszeit im klinischen Bereich abgeleistet wird und dort der Einsatz von Tablets auch in der unmittelbaren Patientenversorgung Einzug hält, sind damit in der Regel auch die technischen Voraussetzungen für einen Zugriff auf Informationen auch unter Sicherheitsaspekten relativ problemlos möglich.

Welche Möglichkeiten der Finanzierung solcher Web 2.0-Plattformen wären denkbar?

Bartmann: Falls entsprechende Inhalte etwa Teil eines verbindlichen Curriculums eines Weiterbildungsträgers sein sollten, wäre auch die Finanzierung der Software dort angesiedelt. Gerade im Fortbildungssektor werden jedoch entsprechende Investitionen substitutiv zu ansonsten anfallenden abzugsfähigen Kosten für Lehrmaterial, Reisekosten etc. auch von der einzelnen Ärztin/dem einzelnen Arzt zu tragen sein.

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