ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1999Unterschätzte Gefahr Methadon-Substitution

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Unterschätzte Gefahr Methadon-Substitution

Dtsch Arztebl 1999; 96(11): A-649 / B-545 / C-521

Glöser, Sabine

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LNSLNS Ärzte, die Drogenabhängige mit Methadon substituie-ren, müssen dies verantwortungsbewußt und mit großer Sorgfalt tun. Dem Mißbrauch, so scheint es, steht Tür und Tor offen. Welche fatalen Folgen das hat, legt die Statistik der Drogentodesfälle in Hamburg offen: 1998 sind 32 Drogenabhängige an Heroin, 38 an Methadon gestorben; in acht Fällen vergifteten sich die Opfer mit Heroin und Methadon. Erstmals sind mehr Drogenabhängige an Methadon als an Heroin gestorben. Zum Vergleich: 1996 starben in Hamburg drei Drogenabhängige an Methadon, 77 an Heroin.
In der Drogenszene hat sich offenbar ein Schwarzmarkt für Methadon etabliert. Und das kommt so: Ärzte, die Drogenabhängige mit Methadon substituieren, verabreichen den Ersatzstoff in ihrer Praxis. Sie dürfen dem Patienten jedoch auch ein Rezept für Tages-("take-home"-)Dosierungen aushändigen - und ihm die Verantwortung für die Einnahme übertragen. Anfang 1998 wurde die Regelung in der 10. Novelle der Betäubungsmittel-Verschreibungs-Verordnung gelockert. Bis dahin durften Ärzte nach einer erfolgreichen einjährigen Therapie drei Tagesrationen verschreiben; jetzt können sie den Drogenabhängigen nach sechs Monaten Therapie bis zu sieben Tagesrationen überantworten.
Anscheinend machen einige Ärzte mit zuviel Optimismus von dieser Möglichkeit Gebrauch. Denn es gibt, das legt die Hamburger Statistik nahe, Substituierte, die ihr Methadon in der Drogenszene verkaufen. Hinzu kommt: In bislang fünf Fällen sind in Hamburg Familienangehörige oder Freunde von Drogenabhängigen an MethadonIntoxikationen gestorben. Sie haben das Mittel "aus Versehen" eingenommen.
Der (sozial-)medizinische Nutzen der Methadonsubstitution an sich steht außer Frage. Die Behandlung Heroinabhängiger mit Methadon senke erwiesenermaßen die Mortalitätsrate, bekräftigte der Vorsitzende des Ausschusses Sucht und Drogen der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Ingo Flenker. Die Gefahr sieht er vielmehr in der Arzneimittelsicherheit.
In seinem Richtlinienentwurf zur Methadonsubstitution hat der Bundesausschuß der Ärzte und Krankenkassen die Behandlung in ein umfassendes Konzept eingebettet. Er konkretisierte Dokumentationspflichten des Arztes und verbesserte die Qualitätssicherung. Um eine Mehrfachsubstitution - und damit auch Mißbrauch - zu verhindern, sollte die zuständige Krankenkasse alle Fälle registrieren.
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer hat die Richtlinien jüngst beanstandet. Daß scharfe Kontrollen notwendig sind, dürfte jetzt wohl nicht mehr bestritten werden. Dr. Sabine Glöser
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