ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2014Medizinische Versorgungszentren: Chancen für ländliche Regionen

POLITIK

Medizinische Versorgungszentren: Chancen für ländliche Regionen

Dtsch Arztebl 2014; 111(22): A-994 / B-848 / C-804

Rieser, Sabine

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MVZ gelten als Angebot der Städte, bei dem manchem Träger der Erlös oder die Patientenrekrutierung fürs Krankenhaus wichtiger sein sollen als die kooperative Patientenversorgung. Doch sie können auch Lücken in ländlichen Regionen schließen helfen.

Eine gemischte Bilanz für die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) hat Mitte Mai Dr. med. Bernd Köppl gezogen. Es sei eine „ausgemachte Erfolgsgeschichte“, dass in den letzten Jahren Quartal für Quartal durchschnittlich 30 MVZ neu gegründet worden seien, befand der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Medizinische Versorgungszentren – Gesundheitszentren – Integrierte Versorgung (BMVZ) in Berlin bei einem Strategiekongress des Verbands. MVZ-Gründungen seien in der Regel erfolgreich, fügte er hinzu, und angestellte Ärzte in der ambulanten Versorgung, ob in MVZ oder in Einzelpraxen, würden nicht länger schief angesehen. „Der angestellte Arzt ist eine völlige Normalität geworden, er wird nicht mehr diskreditiert, er gilt nicht mehr als schlechter Arzt“, befand Köppl. Das zeige auch die Zunahme: 2013 arbeiteten bereits 22 300 angestellte Ärztinnen und Ärzte im ambulanten Bereich. Es habe aber auch Rückschläge gegeben: „In der letzten Legislaturperiode ist es für MVZ und ärztliche Kooperationen schleichend zu Verschlechterungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und zu rechtlichen Diskriminierungen gekommen.“

Auf dem Kongress ging es aber nicht nur um eine Bilanz, sondern auch darum, welche Rolle MVZ im ländlichen Raum spielen können. Dass MVZ fast ausschließlich Patienten in großen Städten oder dicht besiedelten Regionen versorgen, stimmt nicht mehr uneingeschränkt. Schon Mitte 2012 hatte die Kassenärztliche Bundesvereinigung darauf hingewiesen, dass mehr und mehr MVZ Zweigpraxen gründen – auch auf dem Land.

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Dr. med. Claudia Schwenzer, Ärztin und Ökonomin, berichtete vom Umbau eines geschlossenen Krankenhauses im Sauerland zu einem MVZ (siehe „Vorher Krankenhaus, heute MVZ im Ausbau“). Ralph Schibbe, Geschäftsführer der Elbland Polikliniken GmbH, schilderte die Chancen und Mühen eines dezentralen Verbunds von Praxen (siehe „Das etwas andere MVZ“).

Wunsch nach Flexibilität ist eine Chance für MVZ

Köppl forderte beim Kongress zudem, dass MVZ-Träger die Wünsche der Ärztinnen und Ärzte in Bezug auf ihre Berufsausübung ernst nehmen sollten. Die heutige Gesellschaft fordere Flexibilität. Deshalb sei nicht länger zu erwarten, dass sich junge Ärztinnen und Ärzte mit Anfang 30 auf einen Praxisstandort für den Rest ihres Berufslebens festlegten. Sie wünschten sich häufig außerdem einen fachgruppenübergreifenden Austausch am Arbeitsplatz. Diesen Wunsch könnten MVZ erfüllen, befand Köppl: „Das spricht sich herum, und das bindet die Kollegen auch.“ Darin sieht Köppl eine Chance für unterversorgte Gebiete: „Zwei bis fünf Jahre in ländlichen Regionen ein Arztnetz durch jüngere Kollegen zu stabilisieren, das ist schon etwas.“

Der BMVZ-Vorstandsvorsitzende ging aber auch ausführlich auf Nachteile für MVZ ein, unter anderem die Trägereinschränkungen bei der Neugründung von Versorgungszentren und die nachrangige Berücksichtigung von MVZ bei Ausschreibungsverfahren um freie Arztsitze, sofern diese nicht mehrheitlich in ärztlicher Trägerschaft sind. Dieser Nachrang gilt für jüngere MVZ, nicht für solche, die bereits Ende 2011 zugelassen waren.

„Insgesamt wird das enorme Potenzial der neuen Versorgungsformen nicht gestützt, sondern es bestehen kleinliche bürokratische Hürden“, ist Köppl überzeugt. Auch von Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) sieht der BMVZ seine Mitglieder benachteiligt. Köppl verwies auf geringere Prüfsummen in der Zeitplausibilitätsprüfung für angestellte Ärzte und auf Honorareinbußen, weil die kooperative Erbringung von Leistungen häufig durch die gewährten Kooperationszuschläge nur unzureichend gewürdigt werde. Auch würden Entwicklungsmöglichkeiten, die man Jungärzten und Neupraxen einräume, neuen MVZ-Ärzten verwehrt.

Diese Auseinandersetzungen ziehen sich in einigen Bundesländern bereits länger hin. Die KV Bayerns beispielsweise hat Vorwürfe der Diskriminierung von MVZ mehrfach zurückgewiesen. Ihr Vorstandsvorsitzender Dr. med. Wolfgang Krombholz hat gleichwohl immer wieder die Risiken durch MVZ in nichtärztlicher Trägerschaft hervorgehoben, so bereits Anfang 2011: „Das Risiko, dass ein Eindringen von Managementgesellschaften auf einen Markt, der bislang freiberuflich tätigen Ärzten und Psychotherapeuten vorbehalten war, negative Auswirkungen hat, ist relativ groß.“

Manche Auseinandersetzung hat denn auch mit umstrittenen Strategien von MVZ-Trägern zu tun. Die KV Hamburg streitet nach eigenen Angaben mit dem Klinikkonzern Asklepios um die Verlegung von Arztsitzen aus einem MVZ in ein anderes. Sie kritisiert, dass eine an den Arztsitz gebundene Zulassung auf einen Arzt übertragen werde, der aber sofort darauf verzichte – zugunsten einer Anstellung bei einem anderen MVZ. So lassen sich Prüfungen bei Verlegung eines Arztsitzes umgehen.

Versorgungs- sind auch Transportprobleme

Auf ganz andere Kooperationsprobleme ging Christof Herr ein, Geschäftsführer des Zweckverbands Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen. Er verwies auf die Rolle des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) für die medizinische Versorgung auf dem Land und gab zu bedenken, dass Versorgungsprobleme letztlich Transportprobleme seien. Der demografische Wandel führe zu einer immobileren Bevölkerung, deren medizinischer Versorgungsbedarf aber steige – bei gleichzeitig größer werdenden Entfernungen zu Kliniken und Praxen.

„Dadurch werden in den nächsten Jahren gewaltige Anforderungen auf uns zukommen“, erklärte Herr für den ÖPNV. Dass Krankenkassen immer mehr Geld für Krankentransporte ausgeben und parallel der Steuerzahler immer mehr Geld für den ÖPNV, hält Herr für unrealistisch. Es müsse darum gehen, Kooperations- und Finanzierungsmöglichkeiten „zwischen der ÖPNV-Welt und den Akteuren des Gesundheitswesens“ zu finden. Ein Projekt hierzu, an dem unter anderem die KV Niedersachsen beteiligt ist, ist auf dem Weg. Auf die Schnelle helfen manchmal schon Kleinigkeiten: beispielsweise der Hinweis auf die gute Anbindung einer Klinik an Bus oder Bahn auf der eigenen Homepage.

Sabine Rieser

VORHER KLINIK, HEUTE MVZ IM AUSBAU

Foto: Klinikum Arnsberg GmbH
Foto: Klinikum Arnsberg GmbH

Kann man ein ehemaliges Grundversorgerkrankenhaus in ein ambulantes Gesundheitszentrum umwandeln und so zur Sicherung der medizinischen Versorgung in einer ländlichen Region beitragen, in der die Wege weit sind? „Wir versuchen es“ – so ließe sich die Position der Ärztin und Betriebswirtin Dr. med. Claudia Schwenzer zusammenfassen. Sie ist Geschäftsführerin des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) Bad Fredeburg im Sauerland, dessen Träger das 45 Kilometer entfernte Klinikum Arnsberg ist.

Das MVZ hieß früher St. Georg und war ein Krankenhaus, bis es Ende 2012 in die Insolvenz ging. Zum Schluss ließ es sich nur noch durch hohe Zuschüsse halten, kompetente Ärzte konnte man nicht mehr gewinnen, berichtete Schwenzer: „Die niedergelassenen Ärzte haben Patienten nur noch im äußersten Notfall eingewiesen.“ Eine neue Perspektive war nicht einfach zu finden. Weitere Krankenhäuser in der Gegend wurden geschlossen, drei Häuser unterschiedlicher Träger in Arnsberg zusammengelegt.

Weil es bereits ein kleines MVZ mit einem Chirurgen- und einem Psychiatriesitz in St. Georg gab, und weil Kommunalpolitiker und die Kassenärztliche Vereinigung Unterstützung signalisierten und auf Dauer ambulanten Versorgungsbedarf sahen, begann der MVZ-Umbau der Klinik. Die Sprechstundenzeiten wurden erweitert; ein Orthopäde, ein Chirurg und eine Gynäkologin eingestellt. Aus der Klinik in Arnsberg kommt mittlerweile Verstärkung: „Ärzte der Generation Y sind durchaus bereit, im MVZ zu arbeiten, wenn sie feste Arbeitszeiten haben und nicht nach Schmallenberg ziehen müssen“, erläutert Schwenzer.

Einfach ist die Umwandlung dennoch nicht. Die Miete für das ehemalige große Krankenhaus ist ein erheblicher Kostenblock. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, brauchte das MVZ mehr Arztsitze. Schwenzer verweist auf gute Kontakte zu den Hausärzten in der Region, räumt aber auch ein, dass die Fachärzte vor Ort die Entwicklung kritisch beobachten: Sie akzeptierten das MVZ als Komplementärmodell, aber nicht als Konkurrenz.

DAS ETWAS ANDERE MVZ

Foto: Elbland Polikliniken GmbH
Foto: Elbland Polikliniken GmbH

Elbland Polikliniken GmbH – das klingt nach einem großen Haus mit vielen Praxen, weiß Ralph Schibbe, der Geschäftsführer. In diesem Fall handelt es sich aber um ein Netz von vier MVZ sowie Arzt- und Physiotherapiepraxen an neun Standorten, zwischen Radebeul, Meißen und Riesa.

Die Patienten werden in den Praxen dezentral von etwa 50 Mitarbeitern ambulant versorgt, die Praxen agieren selbstständig. Einkauf, Marketing, Finanzen übernimmt die GmbH. Sie gehört zur Elblandkliniken-Gruppe, einem Zusammenschluss von vier sächsischen Krankenhäusern.

Zehn Prozent des Gewinns der Praxen gehen in die Verwaltungsumlage. Die MVZ-Ärztinnen und -Ärzte werden variabel vergütet, wobei Schibbe betont, es gehe nicht allein darum, bestimmte Fallzahlen zu erreichen, sondern darum, insgesamt wirtschaftlich zu arbeiten. Dazu erstellt er unter anderem Monatsübersichten zur Fallzahlentwicklung und zu Schwerpunkten der Patientenversorgung, analysiert die Honorarbescheide der Kassenärztlichen Vereinigung und die beanspruchten Arzneimittel- und Heilmittelbudgets.

Der Geschäftsführer weist darauf hin, dass das Praxennetz nicht nach einem bestimmten Konzept gewebt wurde: „Wir sind dorthin gegangen, wo wir gerufen wurden.“ So meldeten sich auch Gemeinden, die die ambulante Versorgung vor Ort sichern wollen und dafür nach neuen Wegen suchen.

Einfach ist das Vernetzen nicht, daraus macht Schibbe keinen Hehl. Neun ambulante Standorte sind nicht leicht zusammenzubringen, und Hürden zwischen den Sektoren machen auch der Elbland-Gruppe zu schaffen. Darüber hinaus verweist Schibbe auf die ambulante spezialfachärztliche Versorgung. Hier würde man gern einsteigen. Doch die geforderten Wegezeiten für das Kernteam sind in dieser ländlichen Region Sachsens nicht von allen benötigten Ärzten zu garantieren.

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