ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2014Gerhard Trabert: Auf der Seite der Schwachen

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Gerhard Trabert: Auf der Seite der Schwachen

Dtsch Arztebl 2014; 111(22): A-1022 / B-872 / C-825

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Prof. Dr. med. Dipl.-Soz.päd. Gerhard Trabert (57) hat das „Mainzer Modell“ etabliert – eine niedrigschwellige medizinische Versorgung für Obdachlose und Menschen ohne Kran­ken­ver­siche­rung. Foto: dpa
Prof. Dr. med. Dipl.-Soz.päd. Gerhard Trabert (57) hat das „Mainzer Modell“ etabliert – eine niedrigschwellige medizinische Versorgung für Obdachlose und Menschen ohne Kran­ken­ver­siche­rung. Foto: dpa

Prof. Dr. med. Dipl.-Soz.päd. Gerhard Trabert (57) hat das „Mainzer Modell“ etabliert – eine niedrigschwellige medizinische Versorgung für Obdachlose und Menschen ohne Kran­ken­ver­siche­rung.

Armut macht krank, Krankheit macht arm: Das sind die Zusammenhänge, die Prof. Dr. med. Dipl.-Soz.päd. Gerhard Trabert immer wieder thematisiert. „Ein demokratisch-humanistischer Staat muss sich daran messen lassen, wie er mit seinen Schwachen umgeht“, sagt er. Bereits in den Neunzigerjahren initiierte er das „Mainzer Modell“ – ein niedrigschwelliges, aufsuchendes Angebot für die medizinische Versorgung Wohnungsloser. Später gelang es ihm, in Mainz eine Ambulanz für Wohnungslose und Patienten ohne Kran­ken­ver­siche­rung einzurichten. Darüber hinaus opfert er seine Zeit regelmäßig für humanitäre Auslandseinsätze. Zuletzt versorgte er 2012 Gefängnisinsassen in Äthiopien und 2013 syrische Flüchtlinge im Libanon.

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Gerhard Trabert wurde am 3. Juli 1956 in Mainz geboren. Während seiner Kindheit verbrachte er viel Zeit in dem Waisenhaus, in dem sein Vater damals tätig war. Das sensibilisierte ihn für das Schicksal benachteiligter Menschen. Trabert besuchte zunächst die Haupt- und dann die Handelsschule. Nach dem Erwerb des Fachabiturs schrieb er sich für ein Studium der Sozialarbeit an der Fachhochschule in Wiesbaden ein, das er als Diplom-Sozialpädagoge abschloss. Es folgte eine mehrjährige Berufstätigkeit im Krankenhaussozialdienst.

Von 1983 bis 1989 studierte er Humanmedizin in Mainz. Als Assistenzarzt sammelte er unter anderem Erfahrungen in der Inneren Medizin, der Psychosomatik und der Onkologie. Trabert erwarb die Facharztanerkennung für Allgemeinmedizin, außerdem die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin.

Von Beginn seiner ärztlichen Tätigkeit an absolvierte er zahlreiche Auslandsaufenthalte, um den Menschen zu helfen, die nicht auf ein funktionierendes Gesundheitswesen zurückgreifen und sich eine medizinische Versorgung nicht leisten können. Vor allem in Asien und Afrika war er tätig – häufig mit den Organisationen „Ärzte für die Dritte Welt“ und „Humedica“. Sein erster Auslandseinsatz überhaupt führte ihn in ein Leprakrankenhaus im indischen Hyderabad. Dort erlebte er, dass die Ärzte die langwierigen Behandlungen direkt in den Dörfern anboten. Die Ärzte suchten also ihre Patienten auf, um so die Erfolgsquoten zu erhöhen. In Indien reifte aber auch sein Entschluss, sich zunächst mit der Armut in seiner Heimat zu befassen, anstatt sich allein im Ausland dieser Problematik zu widmen.

Geprägt von diesen Erfahrungen und von einer Hospitation bei einem Wohnungslosenprojekt in New York, initiierte er 1994 das „Mainzer Modell“. 1997 gründete er den Verein „Armut und Gesundheit in Deutschland“, dessen erster Vorsitzender er bis heute ist. Der Verein ermöglichte die Anschaffung eines Fahrzeugs. Mit dem „Arztmobil“ sind Trabert und seine Mitstreiter in der Stadt und Umgebung unterwegs und bieten ärztliche Hilfe an einschlägigen Punkten an. 2013 gelang es ihm, in Räumlichkeiten der Stadt eine Ambulanz für Wohnungslose und Patienten ohne Versicherungsschutz einzurichten. Dort gibt es feste Sprechzeiten von Ärzten verschiedener Fachgebiete. Besonders pensionierte Kollegen konnte er für die ehrenamtliche Arbeit gewinnen. Auch eine zahnmedizinische Versorgung wird dort angeboten. Die Ärzte der „Medizinischen Ambulanz ohne Grenzen“ kümmern sich um diejenigen, die durch die Maschen des Versorgungssystems fallen. Zunehmend beobachtet Trabert, dass sich die Klientel ändert. Nicht nur Wohnungslose versorgt er, sondern auch immer mehr Selbstständige, die sich ihre Kran­ken­ver­siche­rung nicht mehr leisten können. Hinzu kommen Menschen ohne Papiere und Haftentlassene.

Neben seiner praktischen Arbeit ist Trabert auch Wissenschaftler und hat Fachartikel unter anderem zu den Themen Armut und Gesundheit, Kinderarmut sowie Armut und Suizidalität veröffentlicht. Von 1999 bis 2009 war er Professor für Medizin und Sozialmedizin im Fachbereich Sozialwesen an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg. Seit 2009 hat er eine Professur für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie im Fachbereich Sozialwesen der Hochschule RheinMain in Wiesbaden inne.

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