ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2014Körperbilder: Eugène Delacroix (1798–1863) – Tolldreiste Posse

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Körperbilder: Eugène Delacroix (1798–1863) – Tolldreiste Posse

Dtsch Arztebl 2014; 111(22): [68]

Schuchart, Sabine

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Eugène Delacroix: „Ludwig von Orléans zeigt seine Geliebte“, 1825–1826, Öl auf Leinwand, 35 × 25,5 cm: In schummriger Atmosphäre liegt eine nackte Frau auf einem Diwan, vor einem Betrachter bis zur Taille durch ein weißes Laken verborgen, das ein hinter ihr sitzender Mann hält. Eine frivole Geschichte aus dem französischen Herrscherhaus Valois inspirierte Delacroix zu dem Gemälde. © Museo Thyssen-Bornemisza. Madrid
Eugène Delacroix: „Ludwig von Orléans zeigt seine Geliebte“, 1825–1826, Öl auf Leinwand, 35 × 25,5 cm: In schummriger Atmosphäre liegt eine nackte Frau auf einem Diwan, vor einem Betrachter bis zur Taille durch ein weißes Laken verborgen, das ein hinter ihr sitzender Mann hält. Eine frivole Geschichte aus dem französischen Herrscherhaus Valois inspirierte Delacroix zu dem Gemälde. © Museo Thyssen-Bornemisza. Madrid

Was den Maler Eugène Delacroix 1825 veranlasste, zwischen seinen monumentalen Historienbildern, die von heroischen Schlachten und blutigen Massakern handeln, eine pikante Schlafzimmerszene auf der Leinwand festzuhalten, ist nicht überliefert. Wohl aber die Literatur, die ihn dazu inspirierte: Barantes „Histoire des Ducs de Bourgogne“ und Brantômes „Les Vies des Dames Galantes“, die beide kurz zuvor in Paris neu aufgelegt worden waren. Darin taucht eine Anekdote aus dem Leben von Ludwig von Orléans (1372–1407) auf, dem jüngeren Bruder König Karls VI. Der Machtpolitiker und notorische Schürzenjäger spielte seinem früheren Kämmerer Aubert Le Flamenc, dessen Frau seine Geliebte war, einen tolldreisten Streich: Unter dem Vorwand, Flamenc solle über die Schönheit seiner Mätresse urteilen, präsentierte er ihm deren nackten Körper, wobei er die obere Hälfte mit einem Schleier verdeckte. Laut Überlieferung amüsierte sich Ludwig königlich, als der Betrogene die eigene Ehefrau nicht erkannte.

Ungewöhnlich für Delacroix ist nicht nur das Motiv, sondern auch das kleine Format des zauberhaften Bilds aus der Madrider Sammlung Thyssen-Bornemisza. Dass die Episode im Mittelalter stattfand, interessierte ihn weniger als deren erotischer Gehalt: Mit der für ihn typisch reichen Farbpalette wie dem Rot des Kissens, dem Weiß der Betttücher, dem Blau der Strümpfe und dem Gold der Kleidung versetzte er die Szene in ein luxuriös ausgestattetes Boudoir. In passiv ergebener Haltung bietet sich die entblößte Ehebrecherin dem Besucher dar. Während ihr Gesicht im Schatten liegt, leuchtet ihr farblich fein nuancierter Leib im Wettstreit mit den hellen Laken, dem Zentrum des Werks. Noch bis Ende Juli ist es Teil einer faszinierenden Ausstellung, die „Geschichten von Herz und Schwert“ aus der Sicht der Kunst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erzählt.

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Das Zusammenspiel von Liebe und Macht war Delacroix nicht unvertraut. In Frankreich kursierte das Ge-rücht, dass nicht Charles-François Delacroix sein Vater sei, sondern der Liebhaber seiner Mutter, Maurice de Talleyrand. 1797 löste der Politiker den betrogenen Ehemann als Außenminister ab. Sabine Schuchart

Ausstellung
„L’Invention du Passé. 1802–1850“
Musée des Beaux-Arts de Lyon, 20 place des Terreaux, Lyon, www.mba-lyon.fr;
Sa.–Mo. und Mi./Do. 10–18, Fr. 10.30–18 Uhr; bis 21. Juli

Stephen Bann: „L’invention du Passé. Histoires de cœur et d’épée en Europe 1802–1850“ (nur in französischer Sprache), Éditions Hazan, 320 Seiten, circa 39 Euro

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