ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2014Tele­ma­tik­infra­struk­tur: Ärztliche Expertise wichtiger denn je

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Tele­ma­tik­infra­struk­tur: Ärztliche Expertise wichtiger denn je

Dtsch Arztebl 2014; 111(23-24): A-1066 / B-911 / C-860

Krüger-Brand, Heike E.

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Der Ärztetag spricht sich dafür aus, möglichst rasch sinnvolle medizinische Anwendungen für die elektronische Gesundheitskarte einzuführen. Dem Vorstand der Bundes­ärzte­kammer stärkt er den Rücken für die Weiterarbeit in der gematik.

Franz-Joseph Bartmann: „Wir brauchen den ärztlichen Sachverstand, um Tests durchzuführen.“
Franz-Joseph Bartmann: „Wir brauchen den ärztlichen Sachverstand, um Tests durchzuführen.“

Telematikdebatte beim Deutschen Ärztetag 2014 – same procedure as every year? Nicht ganz, denn erstmals nach vielen Jahren und Ärztetagen haben die Delegierten nach intensiver Diskussion dem Vorstand der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) den Rücken für die weitere Arbeit in der für den Aufbau der Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) verantwortlichen Betriebsgesellschaft gematik gestärkt. Zugleich haben sie damit auch den zuständigen Fachgremien – dem Ausschuss für Telematik und dem Dezernat Telemedizin und Telematik – Anerkennung für die bisher geleistete Arbeit in einem überaus komplexen Gebiet gezollt.

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Dies ist umso wichtiger, als die Vorbereitungen für die Online-Tests von ersten Anwendungen bereits laufen. Anfang 2015 sollen das Versichertenstammdatenmanagement, die sichere Kommunikation zwischen Ärzten und der sichere Internetanschluss für Arztpraxen hinsichtlich Praxistauglichkeit und Akzeptanz getestet werden. Jeweils mindestens 500 Ärzte und mehrere Krankenhäuser unterschiedlicher Versorgungsstufen nehmen in den beiden Testregionen Nordwest (Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz) und Südost (Bayern, Sachsen) teil.

Vor der Aussprache im Rahmen des Tätigkeitsberichts der BÄK ging Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Vorsitzender des Ausschusses Telematik, auf den Sachstandsbericht über die Zusammenarbeit mit der gematik ein. Der Bericht des Vorstandes der Bundes­ärzte­kammer resultiert aus einem Ärztetagsbeschluss vom vergangenen Jahr. Er sollte den Delegierten des Ärztetages 2014 in Düsseldorf eine sachgerechte Diskussion über die weitere Zusammenarbeit der BÄK mit der gematik ermöglichen. Die Delegierten hatten den 48-seitigen Bericht, der Bartmann zufolge „mit einer Reihe von Mythen“ aufräumt, zu ihrer Information bereits Ende April erhalten.

„Die Grundsatzentscheidung des Gesetzgebers, die gemeinsame Selbstverwaltung von Ärzten, Zahnärzten, Apothekern und Krankenhäusern auf der einen Seite und den gesetzlichen Krankenkassen auf der anderen Seite mit dem Aufbau einer Tele­ma­tik­infra­struk­tur zu betrauen, war und ist richtig“, betonte Bartmann vorweg. Die Heterogenität der Interessen spiegele sich natürlich auch in der Gesellschafterversammlung der gematik wider: „Während die Kostenträger primär das Ziel der TI in der Senkung von Kosten für ihr Verwaltungshandeln sehen, erhoffen sich Ärztinnen und Ärzte eine bessere Verfügbarkeit behandlungsrelevanter Informationen ihrer Patienten. Sie versprechen sich eine Plattform, auf der sie vertrauliche Patientendaten, zum Beispiel Arztbriefe oder digital erhobene Originalbefunde, elektronisch sicher versenden können.“

Vieles für die Ärzte erreicht

Nach dem Sachstandsbericht hat die Arbeit in der gematik im Sinne der Ärzte und im Sinne eines vertrauensvollen Arzt-Patient-Verhältnisses positive Ergebnisse gebracht. „Alle medizinischen Anwendungen sind für den Patienten freiwillig. Auch kann kein Arzt gezwungen werden, mit seinem Praxisverwaltungssystem online zu gehen“, hob Bartmann hervor. Der Gesetzgeber habe den Vorschlag des Ärztetages aufgenommen und die „Stand-alone“-Lösung, einen vom Praxiscomputer unabhängigen Internetzugang, in den § 291 Sozialgesetzbuch V aufgenommen. Zentrale Speichermedien würden vermieden. „Kein Patient muss, wenn er medizinische Anwendungen nutzen will – also etwa Notfalldaten auf der elektronischen Gesundheitskarte oder Daten für die Arznei­mittel­therapie­sicherheit –, diese Daten auf Servern in der TI abspeichern. Dezentrale Speicher sind Kernbestandteil der Tele­ma­tik­infra­struk­tur.“ Ebenso sei die Beibehaltung des Papierrezepts erreicht worden, und es werde keine Pseudotests der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) geben.

Bartmann kritisierte es in diesem Zusammenhang als „zutiefst unkollegial“, dass Ärzte, die an den Tests teilnehmen und sich damit auch potenziell Ärger und Aufwand in die Praxis holten, beschimpft würden. „Vielmehr brauchen wir doch ärztlichen Sachverstand, um Tests durchzuführen – genau das haben wir doch immer gefordert!“

Notwendiges Engagement

Aus Sicht von Bartmann ist das konstruktiv-kritische Engagement der Ärzte in der politischen Diskussion unbedingt erforderlich, zumal sich die Digitalisierung des Gesundheitswesens vor dem Hintergrund von sozialen Netzwerken, Apps und Entwicklungen wie Big Data nicht auf die Gesundheitskarte oder die TI reduzieren lässt. „Der Vorstand der BÄK vertritt daher die Position, dass eine Weiterarbeit in der gematik notwendig und richtig ist“, betonte er. Dieser Argumentation folgte das Ärzteparlament schließlich nach einer teilweise kontrovers geführten Diskussion, an der sich auch der Geschäftsführer der gematik, Prof. Dr. Arno Elmer, mit einem kurzen Gastbeitrag beteiligte (Kasten). Den von mehreren Delegierten aus unterschiedlichen Lan­des­ärz­te­kam­mern eingebrachten Antrag VII-76, der unter anderem die weitere Mitarbeit in der gematik und im eGK-Projekt zumindest erschwert, wenn nicht verhindert hätte, lehnten sie hingegen ab und votierten mehrheitlich für den Antrag aus dem BÄK-Vorstand.

Susanne Blessing, Svante Gehring und Christiane Groß (unten): Intensive, teilweise kontroverse Diskussionen kennzeichneten die Aussprache zur Telematik im Gesundheitswesen.
Susanne Blessing, Svante Gehring und Christiane Groß (unten): Intensive, teilweise kontroverse Diskussionen kennzeichneten die Aussprache zur Telematik im Gesundheitswesen.

Dieser setzt sich dafür ein, möglichst rasch medizinische Anwendungen in der Tele­ma­tik­infra­struk­tur zu schaffen. „Dabei muss die Kernfunktion dieser Infrastruktur die Unterstützung der medizinischen Versorgung sein“, stellt die Entschließung klar. Die geplante erste Anwendung, das Versichertenstammdatenmanagement, bringe keinerlei Verbesserung für die Patientenversorgung, sondern erst Anwendungen wie der elektronische Arztbrief und die Notfalldaten auf der eGK.

Die Etablierung und Nutzung einer TI im Gesundheitswesen werde zudem nur dann die Investitionen rechtfertigen, wenn die Anwendungen nicht zu mehr Bürokratie führten, neue ärztliche Leistungen wie das Anlegen eines Not­fall­daten­satzes gesondert vergütet würden und die ärztliche Schweigepflicht gewahrt bleibe. Auch müssten bestehende Vernetzungsaktivitäten der ärztlichen Selbstverwaltung wie das sichere Netz der Kassenärztlichen Vereinigungen in der Hoheit der entsprechenden Organisationen verbleiben. Eine Tele­ma­tik­infra­struk­tur, die auf Zwang oder gesetzlichen Druck setze, werde weder bei Ärzten noch bei Patienten Erfolg haben, heißt es weiter in dem Entschließungsantrag.

Keine zusätzliche Bürokratie

In einem weiteren Beschluss lehnten die Delegierten die Übertragung des Online-Versichertenstammdatenmanagements als Verwaltungsaufgabe der Krankenkassen auf die Ärzteschaft ab. „Dies bedeutet einen zusätzlichen Bürokratieanstieg, der unsere Arbeit behindert“, erläuterte Dr. med. Susanne Blessing, Baden-Württemberg, ihren Antrag VII-73, den sie gemeinsam mit mehreren Delegierten aus anderen Lan­des­ärz­te­kam­mern eingebracht hatte. Der geplante Ver­sicher­ten­stamm­daten­ab­gleich sei ein rein administrativer Vorgang, der mit der originär ärztlichen Tätigkeit in den Arztpraxen nichts zu tun habe.

Ähnlich ist die Position der Ärzte zur Validierung von Verwaltungsdaten durch Identitätsprüfungen bei der eGK. „Es gibt ärztliche Bereiche, in denen es notwendig ist, eine Identitätsprüfung zu machen, egal, ob es um Papierdokumente oder elektronische Dokumente geht. Wir müssen sie da machen, wo es ärztlich notwendig ist, aber nicht dort, wo wir Krankenkassenarbeit verrichten“, meinte Dr. med. Christiane Groß, M. A., Delegierte der Ärztekammer Nordrhein. In dem unter anderem von ihr eingebrachten Entschließungsantrag, der mit großer Mehrheit angenommen wurde, heißt es: „Voraussetzung für eine berufsrechtlich korrekte ärztliche Dokumentation mit Bezug auf die eGK ist, dass Personendaten einschließlich der Fotos auf den eGK von den Krankenkassen mit Bezug auf ein amtliches Ausweisdokument validiert sind.“ Dies sei eine originäre Aufgabe der Krankenkassen und dürfe nicht in die Praxen überführt werden.

Für die Unterstützung des Antrags VII-74 zur Arznei­mittel­therapie­sicherheit als genuin ärztliche Aufgabe warb Dr. med. Svante Gehring, Schleswig-Holstein. „Der Medikationsprozess ist nicht zu reduzieren auf eine Tätigkeit beim Apotheker, der einen Interaktionscheck macht“, meinte Gehring. Der Medikationsprozess beginne mit der Verordnung. Der Arzt entscheide anhand zahlreicher klinischer Faktoren, welches Medikament ein Patient nehme. Die Arznei­mittel­therapie­sicherheit müsse federführend von den Ärzten und nicht von den Apothekern verfolgt werden, forderte Gehring. Dem schloss sich das Ärzteparlament an und lehnte zudem die „von der gematik geplanten Zusatztests für die Einführung einer zentralen Online-Medikationsdatei und die Speicherung von Patientendiagnosen“ ab.

Analyse der IT-Sicherheit

In einer weiteren Entschließung forderte der Ärztetag die Bundes­ärzte­kammer auf, die Sicherheit der Datenspeicherung und Kommunikation in der Medizin zu untersuchen. Vor allem sollen dabei die Sicherheit von Krankenhausinformationssystemen und Praxissoftware, der Datenaustausch mit der Kassenärztlichen Vereinigung und die zwischenärztliche Kommunikation beurteilt werden.

Die Delegierten forderten zudem den Gesetzgeber, die Kostenträger und die ärztliche Selbstverwaltung auf, die Potenziale der Telemedizin konsequent zu erschließen. Dabei gelte es, Telemedizin als sinnvolle Ergänzung zur herkömmlichen Behandlung, nicht aber als deren Ersatz zu betrachten. Die gemeinsame Selbstverwaltung müsse zudem ihrer Verpflichtung nachkommen, endlich eine Vergütungssystematik einzuführen.

Heike E. Krüger-Brand

@Sachstandsbericht der BÄK:
www.aerzteblatt.de/141066

Aufräumen mit Mythen

Prof. Dr. Arno Elmer, Geschäftsführer der gematik, nahm als geladener Gast des Ärztetages die Gelegenheit wahr, auf einige kritische Äußerungen im Rahmen der Debatte in einem kurzen Redebeitrag zu reagieren und einige „Mythen“ im Zusammenhang mit dem eGK-Projekt zu korrigieren:

„Es gibt keinen zentralen Server, auch wenn das seit zehn Jahren erzählt wird“, stellte Elmer klar. „Es ist ein reines Vernetzungsprojekt. Die Daten bleiben genau da, wo sie heute sind: beim Arzt, beim Zahnarzt, im Krankenhaus und so weiter. Es gibt auch keine zentrale Speicherung. Die gematik baut aber ein Netz auf. Wir wollen Technik, die es seit vielen Jahren in anderen Branchen gibt, auch im Gesundheitswesen nutzbar machen, und zwar auf dem höchsten Datensicherheits- und Datenschutzniveau, das es je gab.“ Das werde zudem vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik zertifiziert und vom Bundesdatenschutzbeauftragten abgenommen.

Anders als in Österreich oder Frankreich seien dabei die Ärzte in Deutschland von Anfang an in das Projekt eingebunden und an den Entscheidungen mit 50 Prozent der Stimmen in der gematik beteiligt worden. „Es sind mittlerweile viele Punkte realisiert worden, die ,nur‘ von den Kassen wahrscheinlich so nicht realisiert worden wären“, unterstrich Elmer.

Die Ärzteschaft sei auch in die Erprobung eingebunden. „Wir wollen Sie dabei haben, damit Sie fachlich, inhaltlich die Expertise, das Know-how der Ärzte einbringen“, warb Elmer um die Bereitschaft der Ärzte zur Zusammenarbeit. Das Ziel für dieses Projekt sei nicht der Ver­sicher­ten­stamm­daten­ab­gleich, sondern moderne Technik, die dem Patienten und der Ärzteschaft helfe. „Über eine gute, konstruktive, kritische Zusammenarbeit würde ich mich freuen.“

FAZIT

TOP VII: Tele­ma­tik­infra­struk­tur

  • Es sollten möglichst rasch sinnvolle medizinische Anwendungen für die elektronische Gesundheitskarte eingeführt werden.
  • Die Anwendungen müssen sich in die Abläufe in Praxis und Klinik einfügen und dürfen nicht zu mehr Bürokratie führen.
  • Neue ärztliche Leistungen wie das Anlegen eines Not­fall­daten­satzes sind gesondert zu vergüten.
  • Der Ärztetag lehnt den Online-Ver­sicher­ten­stamm­daten­ab­gleich in den Arztpraxen ab.
  • Die Federführung bei der Arznei­mittel­therapie­sicherheit muss bei den Ärzten bleiben.

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