DEUTSCHER ÄRZTETAG

Öffentlicher Gesundheitsdienst: Die dritte Säule darf nicht bröckeln

Dtsch Arztebl 2014; 111(23-24): A-1048 / B-894 / C-844

Ollenschläger, Philipp

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Viele Gesundheitsämter sind chronisch unterbesetzt. Der 117. Deutsche Ärztetag fordert deshalb eine Aufwertung des öffentlichen Gesundheitsdienstes.

Erstmalig in der Geschichte des Deutschen Ärztetages wurde ein ganzer Tagesordnungspunkt dem öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) gewidmet. „Der ÖGD ist eine tragende Säule des Gesundheitswesens“, betonte Dr. med. Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD). Dennoch stehe der ÖGD deutlich im Schatten der ambulanten und stationären Versorgung. „Dieses Schattendasein verändert sich immer erst ein wenig, wenn Pandemien wie die Schweinegrippe oder EHEC ausbrechen – dann wird der Ruf nach einem starken ÖGD laut“, fuhr Teichert fort.

„Wir sind alle Ärzte und keine Verwaltungsangestellten.“ Ute Teichert, Vorsitzende des BVÖGD
„Wir sind alle Ärzte und keine Verwaltungsangestellten.“ Ute Teichert, Vorsitzende des BVÖGD

Die Zahlen seien alarmierend: Lediglich 0,5 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitswesen arbeiteten im ÖGD, auf einen Arzt jünger als 50 Jahre kämen fünf Ärzte über 50. „In zehn Jahren sind die meisten heute Aktiven im Ruhestand“, befürchtet Teichert. Derzeit sei jede siebte Facharztstelle im ÖGD länger als sechs Monate unbesetzt. Grund für diese missliche Situation sei in erster Linie die schlechte Bezahlung, betonte die BVÖGD-Vorsitzende. Ärzte verdienten beim Gesundheitsamt bis zu 1 000 Euro weniger als Ärzte im Krankenhaus. Trotz der offensichtlichen Schieflage stelle sich die Arbeitgeberseite taub, sagte Teichert. Außerdem sei das Berufsbild des Amtsarztes gerade unter Medizinstudierenden wenig bekannt: Kürzlich habe erstmalig überhaupt eine Studentin ihr praktisches Jahr im ÖGD absolviert. „Es fehlt die universitäre Verankerung“, so Teichert. Das öffentliche Gesundheitswesen müsse als ein eigenständiges Fach in die Approbationsordnung aufgenommen werden. Sie forderte die Ärzteschaft auf, bei der Beseitigung der herrschenden Missstände zu helfen. Ganz entscheidend für eine Aufwertung des ÖGD sei, dass er im Präventionsgesetz berücksichtigt werde. Teichert appellierte: „Die dritte Säule darf nicht bröckeln.“ Sie bat die Delegierten um ihre kollegiale Hilfe für den ÖGD: „Wir sind alle Ärzte und keine Verwaltungsangestellten.“

Mustafa Yilmaz, Delegierter: Wir sind der Anwalt der Schwachen.
Mustafa Yilmaz, Delegierter: Wir sind der Anwalt der Schwachen.

Teicherts Forderungen trafen bei den Delegierten auf breite Zustimmung. Dr. med. Mustafa Yilmaz, Amtsarzt aus Hannover, hob die Bedeutung der Papierlosensprechstunde an Gesundheitsämtern hervor. „Wir sind der Anwalt der Schwachen“, sagte Yilmaz, „halten Sie weiterhin Ihre schützende Hand über den ÖGD.“

Dr. med. Anne Gräfin Vitzthum, Baden-Württemberg, betonte, wie wichtig die Schuleingangsuntersuchungen seien, die die Gesundheitsämter durchführen. Dort ließen sich insbesondere Misshandlungen an Kindern erkennen, die sonst häufig unerkannt blieben. Dem pflichtete Dr. med. Christoph Ascheraden, Vorstand der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), bei. Gerade Familien, die mit ihren Kindern nicht zu Vorsorgeuntersuchungen gingen, könnten mit den Schuleingangsuntersuchungen erreicht werden.

Dr. med. Ellis E. Huber, Berlin, schlug ein Bündnis aus niedergelassenen Ärzten und Angehörigen des ÖGD zur Stärkung der Gesundheitsämter vor. Es bedürfe mehr „Inbrunst für den ÖGD“, forderte Huber.

Dr. med. Thomas Lipp, Sachsen, wies darauf hin, dass der ÖGD in Deutschland einst weltführend gewesen sei. Doch er sei „aus ökonomischen Gründen abgesoffen“, sagte Lipp. Man müsse dem ÖGD wieder den Rang geben, der ihm zustehe.

Udo Wolter, Präsident der Landesärztekammer Brandenburg, stellte den Entschließungsantrag vor.
Udo Wolter, Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Brandenburg, stellte den Entschließungsantrag vor.

Dr. med. Udo Wolter, Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Brandenburg, stellte den Entschließungsantrag des BÄK-Vorstands vor. Unter dem Titel „Herausforderungen im öffentlichen Gesundheitsdienst – Standortbestimmung und Entwicklungsperspektiven“ fordert der Vorstand, dass die Träger des ÖGD in Bund, Ländern und Kommunen die Arbeitsfähigkeit und damit die Aufgabenerfüllung des ÖGD durch eine ausreichende Finanzierung und damit eine anforderungsgerechte Personalausstattung sicherstellen. Dem ÖGD als dritte Säule des Gesundheitswesens mit seinen vorrangigen Aufgaben im Bereich der Bevölkerungsmedizin, der Prävention, der Gesund­heits­förder­ung und der Gesundheitsberatung komme neben der ambulanten und stationären Versorgung ein besonderer Stellenwert zu. Der Antrag wurde vom 117. Deutschen Ärztetag mit großer Mehrheit angenommen.

Vor dem Hintergrund eines breiten, anspruchsvollen und wachsenden Aufgabenspektrums fordert der Deutsche Ärztetag eine adäquate ärztliche Personalausstattung in den Gesundheitsämtern. Die derzeitige personelle Besetzung der ärztlichen Dienste in Gesundheitsämtern werde den Anforderungen in keiner Weise gerecht, heißt es in dem Beschluss. Der nach Novellierung des Infektionsschutzgesetzes im Bereich der Krankenhaushygiene in zentraler Rolle fungierende ÖGD verfüge nicht annähernd über die notwendigen personellen und sächlichen Ressourcen. Des Weiteren solle es eine Aufwertung des Faches „Öffentliches Gesundheitswesen“ in der medizinischen Ausbildung geben. Auf diese Weise könne das Interesse des medizinischen Nachwuchses am ÖGD geweckt werden.

Darüber hinaus müsse es eine angemessene Bezahlung für die im ÖGD tätigen Ärzte geben. Die unzureichende Vergütung sei verantwortlich für einen eklatanten Personalmangel, der letztendlich zu einem Ausbluten des ÖGD führe. Dadurch gerate der Gesundheitsschutz der Bevölkerung in Gefahr.

Philipp Ollenschläger

FAZIT

TOP III: Öffentlicher Gesundheitsdienst

  • Aufwertung des ÖGD als dritte Säule der Gesundheitsversorgung
  • Verankerung in der universitären Ausbildung
  • Die Attraktivität des Berufsbildes durch bessere Bezahlung steigern
  • Berücksichtigung des ÖGD im Präventionsgesetz
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