ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2014Placeboeffekt: Hohes Schadenspotenzial
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Den beiden Autoren ist zu danken, dass sie das komplexe Thema aufgegriffen haben. Ihrer gefährlichen Schlussfolgerung, dass der Einsatz von „Hokuspokus“ in bestimmten Situationen sogar ethisch geboten sein kann, ist jedoch aus medizinischer wie aus ethischer Sicht entschieden zu widersprechen.

Die Autoren weisen zu Recht darauf hin, dass der Einsatz von Placebotherapien ohne Aufklärung darüber, dass es sich um ein Placebo handelt, unethisch ist. Richtig ist auch, dass diese Aufklärung die Placebowirkung keinesfalls abschwächt. Die Autoren argumentieren, dass damit den ethischen Anforderungen Genüge getan ist und mit einer unbedenklichen Therapie ein potenzieller Nutzen erreicht werden kann.

Haben diese Placebotherapien aber tatsächlich kein Schadenspotenzial?

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Dem ist nicht so. Zum einen gibt es eine Reihe von Therapien aus der Naturheilkunde, die Nebenwirkungen haben können. Patienten können jedoch kaum unterscheiden, warum das eine Mittel ein wirkstofffreies, „reines Placebo“, das andere jedoch möglicherweise nur ein untaugliches Medikament, also ein „Pseudo-Placebo“ ist. Da Patienten, die Medikamente aus diesem Bereich von Ärzten empfohlen bekommen, weitere Medikamente ähnlichen Typs jederzeit ohne Rezept in Apotheken, Drogeriemärkten und über das Internet ordern können, besteht hier ein hohes Schadenspotenzial.

Unsere Arbeitsgruppe (JH) konnte darüber hinaus zeigen, dass Patienten mit vermeintlich positiven komplementärmedizinischen Erfahrungen dazu neigen, auch im Falle schwerer Erkrankungen zunächst zu diesen Mitteln zu greifen und erst sehr spät, vielleicht zu spät, zur Schulmedizin. Einige dieser Patienten verzichten sogar komplett auf die schulmedizinische Therapie. Andere wenden parallel die aus ihrer Sicht bewährten Therapien an, ohne den Onkologen darüber zu informieren. Interaktionen können hier erheblichen Schaden anrichten.

Priv.-Doz. Dr. med. Jutta Hübner, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft, 14057 Berlin

Dr. Christian Weymayr, 44623 Herne

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