ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2014Medizintechnik: Innovationen und ihre Geschichten

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Medizintechnik: Innovationen und ihre Geschichten

Dtsch Arztebl 2014; 111(23-24): A-1108 / B-952 / C-900

Krüger-Brand, Heike E.

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Vom Reizstromgerät über Röntgenapparate bis zum ersten Magnetresonanztomographen: Das Siemens MedMuseum in Erlangen verbindet Technik- und Firmengeschichte von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.

Blick in das Medizintechnikmuseum, im Vordergrund eine Büste von Werner von Siemens. Fotos: Siemens Healthcare
Blick in das Medizintechnikmuseum, im Vordergrund eine Büste von Werner von Siemens. Fotos: Siemens Healthcare

Nach einer vierjährigen Vorbereitungszeit hat Siemens am 23. Mai sein Unternehmensmuseum für Medizinische Technik in Erlangen erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Auf einer Fläche von 400 Quadratmetern in historischen Fabrikräumen aus dem Jahr 1893 ermöglicht das multimediale „MedMuseum“ einen Überblick über die Entwicklung der Medizintechnik, die das Unternehmen seit mehr als 160 Jahren entscheidend geprägt hat – von der Röntgen- bis hin zur Labordiagnostik (www.healthcare.siemens.de/ueberuns/medmuseum).

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„Wir sind stolz darauf, mit unseren Innovationen seit vielen Jahrzehnten den Fortschritt der medizinischen Technik mitzubestimmen“, betonte Hermann Requardt, Vorstandsmitglied der Siemens AG und CEO Siemens Healthcare, bei der Eröffnung. „Das Siemens MedMuseum ist das einzige Museum des Konzerns. Das zeigt, dass Healthcare eine besondere Rolle spielt.“ Erfindungsreichtum und Tradition träfen sich bei Healthcare. Beispiele seien „verrückte Erfinder“ und Menschen mit Pioniergeist, die sich etwa einen Katheter selbst ins Herz geschoben oder Strahlenschäden am eigenen Leib in Kauf genommen hätten, um den Nutzen einer Innovation zu demonstrieren. „Irrwege und Entgleisungen gehören zur Geschichte auch dazu“, sagte Requardt. So sei etwa im Dritten Reich die Röntgentechnologie dazu missbraucht worden, Zwangssterilisationen durchzuführen. Auch diese Schattenseiten der Medizintechnikgeschichte werden in der Ausstellung thematisiert.

Die Röntgenanlage von Friedrich Dessauer (rechts) war ab 1902 bei Joseph Kolb in Neu- ötting/Inn im Einsatz.
Die Röntgenanlage von Friedrich Dessauer (rechts) war ab 1902 bei Joseph Kolb in Neu- ötting/Inn im Einsatz.

Die Exponate reichen vom Schlitteninduktor für Nervenbehandlungen (1847) und von der Röntgentechnik Anfang des 20. Jahrhunderts über eine „Hörbrille“ aus dem Jahr 1957 (Werbeslogan: „Gutes Hören, gutes Sehen, gutes Aussehen“) bis zu den Innovationen aus der Computer(CT)- und der Magnetresonanztomographie (MRT). Erläutert werden auch die Hintergründe und Funktionsweisen der Technologien. Über Audioeinspielungen per Kopfhörer kommen die Entwickler teilweise dabei selbst zu Wort, etwa in Form von Hörspielen, in denen lebendig nachgestellt wird, wie es zu den technischen Innovationen gekommen ist und welche Probleme dabei zu bewältigen waren. Darüber hinaus zeichnet das Museum die Entwicklung der verschiedenen Vorläuferfirmen von Siemens Healthcare nach (Kasten).

Einen thematischen Schwerpunkt der Ausstellung bildet dabei die medizinische Bildgebung, die mit der Nutzung der Röntgenstrahlen um die Wende zum 20. Jahrhundert begann. Eine originale Röntgenanlage von Friedrich Dessauer aus dem Jahr 1902 zeugt von den frühen Anfängen der neuen Technologie. Die Anlage war bei dem Hausarzt Dr. Joseph Kolb in Neuötting/Inn im Einsatz und wurde 1950 der Firma Siemens überlassen. Bei der Röntgenkugel (1934) handelt es sich um eine ölgefüllte strahlungs- und hochspannungssichere Kugel mit einem Durchmesser von 22 Zentimetern, in der sowohl die Röntgenröhre als auch der Transformator untergebracht waren. Das universell einsetzbare mobile Gerät wurde ans Stromnetz angeschlossen, war einfach handhabbar und trug daher zur schnellen Verbreitung der Röntgentechnik bei.

Die Tauchbatterie, eine tragbare Batterie für Ärzte zur Reizstrombehandlung, hat Erwin Moritz Reiniger um das Jahr 1880 erfunden. Sie wurde in den folgenden zehn Jahren viele Tausend Mal verkauft.
Die Tauchbatterie, eine tragbare Batterie für Ärzte zur Reizstrombehandlung, hat Erwin Moritz Reiniger um das Jahr 1880 erfunden. Sie wurde in den folgenden zehn Jahren viele Tausend Mal verkauft.

Rasch wurde die Wirkung der Röntgenstrahlen auch für therapeutische Zwecke entdeckt, etwa zur Oberflächentherapie bei Hauttumoren. Zu sehen sind aber ebenso Fotos von Händen und anderen Teilen des Körpers mit Strahlenschäden, da vor allem in den Anfangsjahren die Risiken der Technik nicht bekannt waren oder unterschätzt wurden und der Schutz von Patienten und Personal minimal war. Den naiven Umgang mit der Technik bis ins 20. Jahrhundert dokumentiert nicht zuletzt ein Röntgengerät, das als Experimentierkasten für das Kinderzimmer erhältlich war.

Siemens hat sich frühzeitig mit der Computertomographie und der Magnetresonanztomographie befasst und deren Entwicklung vorangetrieben. Dies belegt die erste deutsche MRT-Aufnahme aus dem Jahr 1980 – das Bild einer Paprika. Gezeigt werden außerdem die ersten Siemens-Systeme beider Modalitäten, der MRT-Scanner Magnetom (1983) und der für die Schädeldiagnostik entwickelte CT Siretom (1975). Er ermöglichte die gleichzeitige Aufnahme zweier Schichten, wobei ein Kopf-Scan sechs Minuten dauerte. (Zum Vergleich: Geräte der neuesten CT-Generation des Unternehmens liefern 1 500 Schnittbilder in einer Sekunde.)

Im Ausstellungsbereich „Schallbild(n)er“ geht es um Meilensteine in der Ultraschalltechnologie: Mit dem Gerät „Vidoson“ (1965) etwa ließen sich erstmals Ultraschallbilder in Echtzeit darstellen und Bewegungsvorgänge im Körper ohne Kontrastmittel sichtbar machen.

In der Ausstellung wird auch die Röntgenkugel gezeigt, eines der ersten mobilen Aufnahmegeräte aus dem Jahr 1934. Sie wurde 1936 bei den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen eingesetzt.
In der Ausstellung wird auch die Röntgenkugel gezeigt, eines der ersten mobilen Aufnahmegeräte aus dem Jahr 1934. Sie wurde 1936 bei den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen eingesetzt.

Neben der Bildgebung werden unter anderem auch Exponate aus der Labordiagnostik, der Audiologie und der Zahnmedizin präsentiert. So erinnert ein Exponat etwa an William Niendorf, der 1890 den ersten elektrischen Zahnbohrer in Deutschland gebaut hat. Louis Weber, der 1911 das erste elektrische Siemens-Hörgerät Phonophor entwickelt hat, wird ebenfalls gewürdigt. Bei einem präsentierten Damenhörgerät sind dabei Mikrofon und Batterie in einer Handtasche untergebracht – ein Indiz dafür, dass Form und Gestaltung zunehmend als wichtige Komponenten der Technikentwicklung betrachtet wurden.

An vielen Stationen können sich die Besucher Zusatzinformationen auf eigens hierfür zur Verfügung gestellten Tablet-Computern anzeigen lassen. Eine digitale Weltkarte auf einem Touchscreen zeigt, wie sich die Siemens-Medizintechnik rund um den Globus entwickelt hat. Über ein großes Touchpad, an dem drei Besucher gleichzeitig interaktiv Informationen abrufen können, lassen sich Dokumente sowie Bild- und Filmmaterial aus dem unternehmenseigenen „MedArchiv“ abrufen. Die Sammlung, die ebenfalls in dem historischen Bau untergebracht ist, zählt zu den bedeutendsten medizintechnischen Wirtschaftsarchiven weltweit.

Heike E. Krüger-Brand

Die historischen Ursprünge

Historische Außenaufnahme (circa 1920) der Fabrik von Reiniger, Gebbert & Schall in Erlangen. Das Gebäude enthielt zahlreiche Werkstätten und Büros. Im Vordergrund: Arbeiter verlassen nach Feierabend die Fabrik.
Historische Außenaufnahme (circa 1920) der Fabrik von Reiniger, Gebbert & Schall in Erlangen. Das Gebäude enthielt zahlreiche Werkstätten und Büros. Im Vordergrund: Arbeiter verlassen nach Feierabend die Fabrik.

Die Unternehmensgeschichte der Siemens Medizintechnik beginnt mit Werner Siemens, der im Jahr 1844 erstmals eine seiner Erfindungen, den „Voltainduktor“ medizinisch anwendet, um die Zahnschmerzen seines Bruders Friedrich mit elektrischem Strom zu behandeln. 1847 gründet er gemeinsam mit Johann Georg Halske in Berlin die Firma Siemens & Halske (S&H), die neben dem Zeigertelegraphen auch elektromedizinische Geräte fertigt.

1886 schließen sich in Erlangen Erwin Moritz Reiniger, Max Gebbert und Karl Schall zum Medizintechnikunternehmen Reiniger, Gebbert & Schall (RGS) zusammen, das schon bald Wilhelm Conrad Röntgen mit Röntgenröhren beliefert.

1893 bezieht RGS ein neues Firmengebäude in Erlangen. Der historische Maschinensaal der Fabrik beherbergt heute das Siemens MedMuseum – ganz in der Nähe der Zentrale der Siemens-Medizintechnik.

1895 entdeckt Wilhelm Röntgen in Würzburg die von ihm so genannten X-Strahlen, die ihm zu Ehren später im Deutschen als Röntgenstrahlen bezeichnet werden. S&H und RGS erkennen die Möglichkeiten dieser Technik für die Medizin und beginnen ein Jahr später mit der Produktion von Röntgenanlagen.

1932/3 fusionieren RGS und die medizintechnische Sparte von S&H zur Siemens-Reiniger-Werke AG. 1947 wird der Sitz der Firma von Berlin nach Erlangen verlagert.

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