ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2014Weiterbildung zum Facharzt: Zusätzliches Geld für zusätzlichen Aufwand

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Weiterbildung zum Facharzt: Zusätzliches Geld für zusätzlichen Aufwand

Dtsch Arztebl 2014; 111(23-24): A-1056 / B-900 / C-850

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
„Das Konzept hat sich stabilisiert.“ Franz-Joseph Bartmann, Vorsitzender der Weiterbildungsgremien der BÄK, zeigte sich zufrie- den mit den Arbeiten an der Reform der Weiter­bildungs­ordnung.
„Das Konzept hat sich stabilisiert.“ Franz-Joseph Bartmann, Vorsitzender der Weiterbildungsgremien der BÄK, zeigte sich zufrie- den mit den Arbeiten an der Reform der Weiter­bildungs­ordnung.

Die Vergütungssysteme in Krankenhäusern und Praxen bilden den Mehraufwand für die Weiterbildung nicht ab. Der Ärztetag forderte deshalb eine Extrafinanzierung. Derweil schreitet die Arbeit an der Novelle der Weiter­bildungs­ordnung voran.

Draußen regnete es heftig und ununterbrochen, drinnen diskutierte man diszipliniert und friedlich. In Düsseldorf war kaum noch etwas von dem heftigen Streit zu spüren, den der Deutsche Ärztetag im vergangenen Jahr über die Einführung einer ambulanten Pflichtweiterbildung ausgetragen hatte. An dem damals mühsam errungenen Kompromiss – Ausbau der ambulanten Weiterbildung, aber keine Pflicht – wurde nicht gerüttelt. Allerdings erneuerten die 250 Delegierten Ende Mai ihre Forderung nach einer stabilen, zusätzlichen Finanzierung der fachärztlichen Weiterbildung – und zwar nicht nur in den Praxen niedergelassener Ärzte, sondern auch im Krankenhaus.

Anzeige

Gleiche tarifliche Konditionen in Kliniken und Praxen

Die Delegierten fassten einen Beschluss, mit dem sie an den Gesetzgeber appellieren, „die für die Versorgung der Bevölkerung erforderliche, qualitativ hochwertige Weiterbildung durch einen Systemzuschlag auf die im ambulanten wie stationären Bereich abgerechneten Fälle investiv zu sichern und zu unterstützen“. Für die Verteilung dieser Gelder müssten geeignete Modelle entwickelt werden. Die ärztliche Weiterbildung sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, deren Finanzierung nicht zu Belastungen der Ärzte und ärztlichen Organisationen führen dürfe, die derzeit die medizinische Versorgung sicherstellten, heißt es zur Begründung.

In einem weiteren Beschluss bekannte sich der Deutsche Ärztetag wie bereits im Jahr zuvor zur Stärkung der ambulanten Weiterbildung. Im Rahmen der anstehenden Novellierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung soll deshalb die Weiterbildung im ambulanten Sektor flexibilisiert werden und Tätigkeiten, die vorrangig dort vorgehalten werden, spezifisch abbilden. Den Ausbau der ambulanten Weiterbildung knüpfte das Ärzteparlament allerdings an Bedingungen. „Unerlässliche Voraussetzung“ sei die gesicherte Finanzierung. Ärzte in Weiterbildung müssten in den Praxen niedergelassener Ärzte mindestens gleiche tarifliche Konditionen vorfinden wie im Krankenhaus.

Zeigten Präsenz an allen Tagen: Die KBV-Vorstände Regina Feldmann und Andreas Gassen erläuterten ihre Vorstellungen von einer Stärkung der ambulanten Weiterbildung.
Zeigten Präsenz an allen Tagen: Die KBV-Vorstände Regina Feldmann und Andreas Gassen erläuterten ihre Vorstellungen von einer Stärkung der ambulanten Weiterbildung.

Der Ärztetag gab in seinem Beschluss jedoch zu bedenken, dass jedes Konzept zur Generierung zusätzlicher Mittel Vor- und Nachteile berge, die erörtert werden müssten. Bevor man also die Weiter­bildungs­ordnung ändere, müsse ein Konsens über die Ausgestaltung der Finanzierung gefunden werden, heißt es dort. Das sei eine „grundlegende Bedingung“.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hatte im Vorfeld des Deutschen Ärztetages erneut für ein Stiftungsmodell zur Finanzierung der ambulanten Weiterbildung geworben. Dort sollten alle wichtigen Akteure einbezogen werden. Vor dem Deutschen Ärztetag erklärte deren Vorsitzender, Dr. med. Andreas Gassen: „Wir sind für die Finanzierung in der Verantwortung. Wir möchten, dass die angehenden Kolleginnen und Kollegen so weitergebildet werden, dass sie am Ende eine bewusste und fundierte Entscheidung treffen können, ob sie stationär oder ambulant tätig sein wollen.“

Dem Nachwuchs nicht zu viele Vorschriften machen

Befürchtungen, die KBV wolle den Ärztekammern die Kompetenz für die Weiterbildung streitig machen, versuchte Gassen zu entkräften: „Wir wollen nicht die Weiterbildung übernehmen, sondern der Kammer kollegial zur Seite stehen, um ein gemeinsames, zukunftssicheres Konzept zu erarbeiten.“ Die KBV wolle sich „unterstützend anbieten“, wenn es darum gehe, im Rahmen einer Überarbeitung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung ambulante Inhalte zu definieren.

Gassen warnte jedoch davor, dem Nachwuchs zu viele Vorschriften zu machen. „Viel besser ist es, Angebote zu unterbreiten und verschiedene Wege aufzuzeigen.“ Diese Wege müssten aber dann auch gangbar sein. Weder im ambulanten noch im stationären Bereich seien Gelder für die Sicherstellung einer zeitgemäßen Weiterbildung vorgesehen. Der zusätzliche Aufwand für die Weiterbildung werde weder in den DRGs noch im Einheitlichen Bewertungsmaßstab berücksichtigt. „Deshalb muss die Finanzierung der Aus- und Weiterbildung auf eine breitere Basis gestellt werden“, forderte Gassen.

Konstruktive Diskussion – Hans-Detlef Dewitz betonte, dass Ärzte in Weiterbildung unter Anleitung arbeiten müssen. Gisbert Voigt warnte vor der Einmischung externer Geldgeber in die Weiterbildung. Klaus Reinhardt trat gegen zusätzliche Qualifikationen im KV-System ein. (von oben)
Konstruktive Diskussion – Hans-Detlef Dewitz betonte, dass Ärzte in Weiterbildung unter Anleitung arbeiten müssen. Gisbert Voigt warnte vor der Einmischung externer Geldgeber in die Weiterbildung. Klaus Reinhardt trat gegen zusätzliche Qualifikationen im KV-System ein. (von oben)

Es gab aber auch Stimmen, die vor einer gesonderten Finanzierung der Weiterbildung warnten. So gab Dr. med. Gisbert Voigt, Niedersachsen, zu bedenken, das Stiftungsmodell der KBV enthalte den Gedanken, externe Geldgeber zu finden, und ein solcher wolle dann bei der Weiterbildung mitreden, „und zwar an der Versorgung orientiert“. Voigt hält das für eine „fatale Entwicklung“. Das könne für den Nachwuchs ein großes Problem werden.

Dr. med. Heinrich-Daniel Rühmkorf, Berlin, argumentierte ähnlich: „Förderung heißt, es muss erst einmal ein Bedarf erkannt werden.“ Für problematisch hält er außerdem das Festhalten am Facharztstatus im ambulanten Bereich. Es werfe die Frage auf, welche Leistungen ein Arzt in Weiterbildung eigentlich erbringen dürfe. „Ist der Arzt in Weiterbildung dort im Status eines Praktikanten?“, fragte Rühmkorf. Er forderte die ärztlichen Körperschaften auf, einen Weg zu finden, dass Weiterbildungsassistenten durch ihre ärztlichen Leistungen zum Praxiseinkommen beitragen können und dass das Regelleistungsvolumen der Praxis entsprechend ausgeweitet wird. Auf diese Weise könne sich eine Extrafinanzierung erübrigen.

Dr. med. Hans-Detlef Dewitz, Berlin, hielt dem entgegen, dass Ärzte in Weiterbildung zwar vollapprobiert seien, ihre Leistungen aber unter Anleitung erbringen würden – sowohl im ambulanten wie im stationären Sektor. „Der betreuende Facharzt ist dann nicht auf dem Golfplatz, sondern in Reichweite“, sagte Dewitz.

Der Deutsche Ärztetag griff dieses Problem in einem Beschluss auf. „Die von in Weiterbildung befindlichen Ärztinnen und Ärzten geleistete ärztliche Arbeit ist untrennbarer Bestandteil der medizinischen Gesamtleistung der weiterbildenden Institution“, heißt es dort. Auch Ärzte, die ihre Weiterbildung im ambulanten Sektor absolvierten, nähmen an der ambulanten Versorgung teil. Allerdings werde der zusätzliche Aufwand der Weiterbildungsstätte weder im Krankenhaus noch im ambulanten Bereich gegenfinanziert. Das sei aber unerlässlich.

Hohes Maß an Konsens für die Weiterbildungsreform

Der Antrag von Dr. med. Klaus Thierse, Berlin, Tarifverträge für angestellte Ärzte in den Praxen zu ermöglichen, um dadurch „den Druck im Kessel“ für mehr Geld zu erhöhen, wurde an den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer überwiesen. Thierse hatte dafür plädiert, eine „Arbeitsgemeinschaft zur Regelung der Arbeitsbedingungen der angestellten Ärztinnen und Ärzte im ambulanten Bereich“, analog zur Regelung für die Medizinischen Fachangestellten zu gründen, um einen Tarifpartner für Tarifabschlüsse zu schaffen. Einen ähnlichen Beschluss hatte der Ärztetag 2013 gefasst. Umgesetzt wurde er bislang nicht. Denn die KBV kommt als Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Zwangsmitgliedschaft als Tarifpartner nicht infrage, und bei den Berufsverbänden stößt die Aussicht darauf, mit dem Marburger Bund künftig Tarifverträge für die eigenen Angestellten zu verhandeln, bislang auf wenig Gegenliebe.

Ein hohes Maß an Konsens gibt es offenbar bei der Reform der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung (M-WBO). „Das Konzept hat sich stabilisiert“, berichtete der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Schleswig-Holstein. Zurzeit laufe ein umfangreicher Abstimmungsprozess zwischen der BÄK und den Lan­des­ärz­te­kam­mern über die Struktur und die Inhalte der Novelle. Basis sind die Vorschläge, die Fachgesellschaften und Berufsverbände im Frühjahr 2013 auf der Internet-Plattform Wiki-Baek für ihre jeweiligen Fachgebiete erarbeitet haben.

Kein festes Datum für die Vorlage der fertigen Novelle

Für die Vorlage der fertigen Novelle könne er jedoch kein festes Datum nennen, erklärte Bartmann in seinem jährlichen Sachstandsbericht an die Delegierten. Zurzeit befänden sich BÄK und Kammern in der ersten Konvergenzphase. Danach folge eine weitere Abstimmung mit den Fachgesellschaften und Berufsverbänden. Dann müsse man sehen, ob Konsens bestehe und man dem Deutschen Ärztetag eine Novelle zur Abstimmung vorlegen könne „oder ob wir noch mal eine Schleife fliegen müssen“, sagte Bartmann. „Das, was wir hier beschließen, muss praktikabel und fertig sein. Es hilft nichts, wenn der Ärztetag etwas beschließt, das dann in den Lan­des­ärz­te­kam­mern doch nicht umgesetzt wird.“

Kern der geplanten Reform der M-WBO ist eine Ausrichtung an Kompetenzen, wobei die Grundstruktur von Facharzt, Schwerpunktbezeichnung und Zusatzweiterbildung erhalten bleibt. Die Leitfrage sei, so Bartmann, welche Kompetenzen nötig seien, um als Facharzt eigenständig arbeiten zu können. Die bisherige Weiter­bildungs­ordnung orientiere sich zu sehr an Richtzahlen, „die keine sachlich, fachliche Begründung haben“, führte Bartmann aus.

An die Stelle der bisherigen kleinteiligen Spiegelstrichaufzählungen sollen Weiterbildungsblöcke treten, die die Inhalte der Fachgebiete definieren. Innerhalb dieser Weiterbildungsblöcke wird über sogenannte Weiterbildungsmodi abgebildet, welche Inhalte der Arzt in Weiterbildung zum Zeitpunkt seiner Facharztprüfung „kennen“ oder „beherrschen“ muss. Modus 1 beinhaltet die Grundlagen, die im Studium erworben werden, Modus 2 umfasst das, was man während der Weiterbildung sieht („kennen“). Ursprünglich sollte darauf Modus 3 folgen mit der Fähigkeit, bestimmte Maßnahmen auszuführen („können“). Das sei noch nicht abschließend geklärt, sagte Bartmann jetzt. Es habe in den Arbeitsgruppen Schwierigkeiten gegeben, die Modi 2, 3 und 4 (das, was man am Ende der Weiterbildung selbstständig „beherrscht“) voneinander abzugrenzen. Es sei deshalb besser, den Modus 3 zunächst nicht zu belegen.

Geplant ist Bartmann zufolge außerdem die Entwicklung eines Curriculums, das die detaillierten Weiterbildungsinhalte enthält und es ermöglicht, diese schneller an aktuelle Entwicklungen anzupassen. Das hatte zuvor auch der KBV-Vorsitzende Gassen gefordert. Nach seiner Bewertung der geplanten Weiterbildungsreform gefragt, sagte Gassen gegenüber der Presse, die Weiterbildungsnovelle habe zehn Jahre Vorlaufzeit. „Da brauchen wir Möglichkeiten, Dinge anzupassen, eine Art ,Öffnungsklausel’, damit der medizinische Fortschritt abgebildet werden kann.“

Schnittstelle zum Sozialrecht ist ein Problem

Beim Ärztetag verlief die Diskussion über die geplante Reform konstruktiv, wofür Bartmann sich am Ende ausdrücklich bedankte. Anträge zu Inhalten und Struktur der Weiterbildungsnovelle gab es keine. Der Ärztetag billigte damit den eingeschlagenen Kurs. „Wir sind auf gutem Wege, eine Generalrevision zu machen, die hält“, sagte Dr. med. Klaus Reinhardt, Westfalen-Lippe. Er mahnte aber, bei der Reform der M-WBO die Schnittstelle zum Sozialrecht zu berücksichtigen. Denn zum Teil müssten Fachärzte, die sich niederlassen wollten, zusätzliche Qualifikationen erwerben. „Es sollte am Schluss so sein, dass die Weiter­bildungs­ordnung von den Kassenärztlichen Vereinigungen akzeptiert wird und die Ärzte als Fachärzte im KV-System arbeiten können.“ Noch deutlicher wurde Dr. med. Rudolf Kaiser, Westfalen-Lippe: „Das Sozialrecht hat sich nach der Weiter­bildungs­ordnung zu richten und nicht umgekehrt.“ Das KV-System müsse sich fragen, ob es nicht unnötige Hürden aufbaue.

Heike Korzilius

FAZIT

TOP I und TOP V: Weiterbildung

  • Der Ärztetag fordert eine Extrafinanzierung der Weiterbildung in Praxis und Klinik.
  • Ärzte in Weiterbildung sollen stationär und ambulant die gleichen Tarifkonditionen vorfinden.
  • Inhalte und Struktur der Weiterbildungsreform werden zurzeit mit den Beteiligten abgestimmt.
  • Es steht noch nicht fest, wann die Novelle dem Ärztetag zur Abstimmung vorgelegt wird.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema