ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2014Psychosomatik: Falsche Anreize
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Die psychotherapeutische Versorgung muss tatsächlich neu gedacht werden. In dieser Beziehung ist dem Autor, Prof. Kruse, ohne Wenn und Aber zuzustimmen . . . Es ergibt sich folgendes Bild:

Probleme

  • Schwerkranke finden nur mit großer Mühe einen Psychotherapeuten, viele resignieren.
  • Zu oft werden allgemeine Lebenskrisen langzeit-psychotherapeutisch behandelt.
  • Niedergelassene Ärzte mit der Qualifikation „Psychiatrie und Psychotherapie“ erhalten eine geringere Honorierung als Vollzeit-Psychotherapeuten für die 50-Minuten-Behandlung.
  • Diagnostisches Assessment (sogenannte probatorische Sitzungen) wird schlechter honoriert als Behandlungsstunden.
  • Psychologische Psychotherapeuten können in ihren Praktika nur unzureichende psychiatrische Erfahrungen sammeln.
  • Qualifizierte Kurztherapien finden kaum statt.
  • Dasselbe gilt für psychotherapeutische Gruppenbehandlungen.
  • Es gibt keine zureichende Kontrolle der Qualität. Im Zweifelsfall bekommt der Patient die Diagnose einer „mittelgradigen depressiven Störung“, um Eintritt in das Feld der „Antragspsychotherapie“ zu finden.
  • Somatisch tätige Ärzte wissen in der Überzahl sehr wenig über psychosomatische Zusammenhänge – viele wehren sich sogar dagegen, diese überhaupt wahrzunehmen.
  • Sehr viele Menschen mit psychosomatischen und neurotischen Erkrankungen sind in den psychiatrischen und psychotherapeutischen Kliniken fehlplatziert. Sie würden besser ambulant behandelt oder in der Krise in Tageskliniken.

Lösungen

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Prof. Kruse hat wesentliche genannt:

  • Verbesserung der Schnittstellen. Das bedeutet: Es ist eine psychosomatische Basisqualifizierung notwendig, sowohl im Studium, als auch in der Facharztweiterbildung und in der allgemeinen ärztlichen Weiterbildung. Diese Qualifizierung muss verbindlich auferlegt werden.
  • Es muss akutpsychosomatische Sprechstunden geben. Deren Aufgaben und eine angemessene Honorierung sind durch Prof. Kruse benannt worden.

Zu ergänzen

  • Jeder Psychotherapeut muss eine Akutsprechstunde anbieten.
  • Psychotherapeuten müssen in der Weiterbildung spezifische Qualifikationen erwerben wie Kurzzeittherapie und die Erstellung eines Assessment, wie es von Prof. Kruse beschrieben wurde.
  • D ie Behandlung schwer psychisch kranker Menschen kann ein spezifisches Aufgabenfeld psychotherapeutisch tätiger Psychiater sein – dann allerdings mit angemessener Honorierung, die eventuell sogar über die Basisvergütung des Routinefalles hinausgeht. Auch diese Ärzte müssen die dafür erforderlich spezifische Qualifizierung nachweisen.
  • Probatorische Sitzungen müssen die Funktion des beschriebenen Assessments erhalten und entsprechend honoriert werden. Es ist nicht ausreichend, wenn sie nur der Begründung der dann folgenden Antragspsychotherapie dienen.

Wir haben in Deutschland einmalig in der Welt ein in der Quantität und in weiten Teilen auch in der Qualität hervorragendes psychotherapeutisches Versorgungssystem, allerdings geprägt von falschen Anreizen. Nicht „Mehr des Gleichen“ ist notwendig, sondern Optimierung des Bestehenden.

Dr. Hermann Mecklenburg, Arzt für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie, 50668 Köln

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