ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2014Diotima-Ehrenpreis 2014: Offen, anregungsfähig und besorgt

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Diotima-Ehrenpreis 2014: Offen, anregungsfähig und besorgt

PP 13, Ausgabe Juni 2014, Seite 251

Bühring, Petra

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Ursula Lehr. Foto: Bundes­psycho­therapeuten­kammer
Ursula Lehr. Foto: Bundes­psycho­therapeuten­kammer

Die Psychologin und Gerontologin Ursula Lehr wurde für ihr Engagement für ein positiveres Altersbild mit dem Diotima-Ehrenpreis ausgezeichnet.

Wir verdanken Ursula Lehr ein positiveres Bild älterer Menschen in unserer Gesellschaft – auch aufgrund ihres Engagements bestehen defizitorientierte stereotype Urteile nicht mehr“, sagte der Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), Prof. Dr. phil. Rainer Richter, in seiner Laudatio zur Verleihung des Diotima-Ehrenpreises der deutschen Psychotherapeutenschaft am 16. Mai in Berlin. Richter dankte Prof. em. Dr. phil. Dr. h. c. Ursula Lehr (84) für ihr politisches Engagement, das die Psychologin und Gerontologin mit dem langen akademischen Lebenslauf (Kasten) zurzeit vor allem als Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) ausübt. „Als Vorsitzende der BAGSO macht Prof. Lehr älteren Menschen Mut, offener mit psychischen Beschwerden umzugehen und Psychotherapie selbstverständlicher zu nutzen“, so Richter.

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Seit geraumer Zeit gingen „dank der Pioniere der Alternsforschung wie Ursula Lehr“ auch Ältere in Psychotherapie, berichtete Prof. em. Dr. phil. Eva Jaeggi bei der Preisverleihung. „Das Bild des wandelbaren flexiblen älteren Menschen hat auch die Psychotherapie verändert.“ Psychotherapeuten sollten ebenfalls ein positives Bild vom Alter vermitteln und verdeutlichen, wie wichtig Gelassenheit im Alter ist, sagte die Psychologische Psychotherapeutin. „Altern braucht Mut, aber wenn man eine realistische Sicht darauf hat, braucht man das Alter nicht zu fürchten.“ Sie erlebe in ihrer Praxis häufig ältere Frauen, die Hilfe suchten, weil sie nach dem Verlust des Ehemannes, dem Tod von Freunden oder Verwandten Angst hätten zu vereinsamen, aber zu gehemmt seien, um neue soziale Kontakte aufzubauen. Therapeuten müssten dann auch mal in die Rolle eines Sozialarbeiters schlüpfen und Anregungen, konkrete Tipps über Kontaktmöglichkeiten geben.

Die Attribute Güte, Gefasstheit und Abgeklärtheit setzte Prof. Dr. phil. Andreas Kruse, Institut für Gerontologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, gleich mit gelungenem Altern. „Sie sind ein Zeichen dafür, in welchem Maße eine Existenz geöffnet, wie anregungsfähig und beeindruckbar sie blieb.“ Auf seinen Lebenslauf sollte man im Alter reflektiert und mit Spurensuche zurückblicken. Gerade das hohe Alter ab 85 Jahren stelle eine „enorme Herausforderung an Selbstverantwortung und -gestaltung in einer Gesellschaft, die nicht darauf ausgerichtet ist“, so Kruse. Immens wichtig für die psychische Gesundheit im Alter sei es vor allem, sich zu ermöglichen, um andere (Generationen) Sorge zu tragen.

An Ursula Lehr, die acht Jahre seine akademische Lehrerin war, hob Kruse „ihren bemerkenswerten Entwicklungsoptimismus“ hervor. „Sie ist eine sehr mutige Frau: hochkompetent, hochdynamisch, diskussions- und konfliktfreudig. Wissenschaftlich hat sie Hervorragendes geleistet.“

Petra Bühring

Ein langes Leben

Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Ursula Lehr studierte in Frankfurt/M. und Bonn Psychologie, Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte. 1954 promovierte sie mit der Arbeit „Beiträge zur Psychologie der Periodik im kindlichen Verhalten“. 1968 habilitierte sie sich mit der Arbeit „Berufs- und Lebensschicksal – die Berufstätigkeit der Frau aus entwicklungs- und sozialpsychologischer Sicht“. Von 1972 bis 1976 hatte sie den Lehrstuhl für Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der Universität Köln und von 1976 bis 1986 den Lehrstuhl für Psychologie an der Universität Bonn inne. Gemeinsam mit Prof. Dr. phil. Hans Thomae initiierte sie die erste deutsche Längsschnittstudie zum späten Erwachsenenalter (Bonner Gerontologische Längsschnittstudie). Im Jahr 1986 übernahm sie den ersten deutschen Lehrstuhl für Gerontologie in Heidelberg, wo sie bis zu ihrer Emeritierung 1998 tätig war. Lehr trieb die Erforschung der Aufrechterhaltung körperlicher und psychischer Gesundheit im hohen Alter voran (Interdisziplinäre Längsschnittstudie des Erwachsenenalters). Von Dezember 1988 bis Januar 1991 war sie zudem Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit.

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