ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2014Wartezeiten: Erfolgreiches Modell im Nordosten

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Wartezeiten: Erfolgreiches Modell im Nordosten

PP 13, Ausgabe Juni 2014, Seite 256

Rieser, Sabine

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Ein „A“ oder „B“ auf einer Überweisung soll dafür sorgen, dass ernsthaft erkrankte Patienten rasch von einem passenden Facharzt weiterbehandelt werden. Eine Studie zeigt zudem, dass man teilweise in der Stadt länger wartet als auf dem Land.

Foto: dpa
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Patienten mit einem dringenden medizinischen Problem durch sogenannte A- beziehungsweise B-Überweisungen zu einem raschen Termin bei einem Facharzt zu verhelfen, ist ein erfolgversprechender Ansatz. Das schließen die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Mecklenburg-Vorpommern und die AOK Nordost aus aktuellen Auswertungen im Norden, die sie Mitte Mai in Schwerin vorstellten.

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„Das Konzept ermöglicht es, dass zwischen gefühlter Dringlichkeit einer Behandlung vom Patienten und der tatsächlichen medizinischen Dringlichkeit unterschieden wird, weil immer ein Arzt die Kategorisierung nach der medizinischen Notwendigkeit vornimmt“, erläuterte Axel Rambow, KV-Vorstandsvorsitzender. Die behandelnden Ärzte haben die Möglichkeit, Überweisungsscheine mit A oder B zu kennzeichnen. Bei einer A-Überweisung muss der Patient innerhalb eines Werktags von einem Facharzt übernommen werden, bei einer B-Überweisung innerhalb einer Woche.

Die KV geht davon aus, dass die Niedergelassenen das Konzept akzeptiert haben, die Möglichkeit zu A- und B-Überweisungen allerdings nicht ausnutzen. 2013 waren 1 150 Haus- und 1 570 Fachärzte in Mecklenburg-Vorpommern niedergelassen, 1,65 Millionen Überweisungsscheine wurden pro Quartal ausgestellt. Davon wurden etwa 20 000 als A- oder B-Überweisung gekennzeichnet, also knapp 1,3 Prozent.

Die AOK Nordost und einige andere kleinere Krankenkassen unterstützen diese Kennzeichnung seit 2011 mit einem Vertrag. Für die A-Überweisung erhält der überweisende Arzt acht Euro, der übernehmende Facharzt zehn Euro. Für die B-Überweisung sind es fünf beziehungsweise sechs Euro. Das Honorarvolumen lag zuletzt in Mecklenburg-Vorpommern bei circa 90 000 Euro pro Quartal.

Hohe Patientenzufriedenheit in Mecklenburg-Vorpommern

„Der Versorgungsvertrag ist ein Beispiel für eine patientenorientierte Steuerung im Gesundheitswesen nach medizinischem Behandlungsbedarf“, betonte Harald Möhlmann, Geschäftsführer Versorgung der AOK Nordost. Kasse und KV weisen zudem darauf hin, dass eine Online-Befragung der Bertelsmann-Stiftung im vergangenen Jahr sowie eine Versichertenbefragung der Forschungsgruppe Wahlen eine hohe Patientenzufriedenheit im Land belegt hatten beziehungsweise Mecklenburg-Vorpommern im bundesweiten Vergleich wegen kürzerer Wartezeiten positiv aufgefallen sei.

Dazu passt das Ergebnis einer weiteren Studie: In Mecklenburg-Vorpommern mussten Versicherte der AOK Nordost mit einer Überweisung durchschnittlich knapp drei Tage weniger auf einen Termin beim Augenarzt warten als Versicherte in Berlin. Das geht aus einer Studie des Gesundheitswissenschaftlichen Instituts Nordost (Gewino) hervor, das seit Anfang des Jahres als Stabsstelle der AOK Nordost die Gesundheitsversorgung in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern analysiert.

Die Hälfte der Patienten mit einer Überweisung wartete 2012 in Berlin 23 Tage auf einen Termin, in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern 21 Tage. Ein Viertel bekam innerhalb von einer Woche einen Termin, etwa 40 Prozent der überwiesenen Versicherten mussten mehr als vier Wochen warten.

„Mich hat schon überrascht, dass eine eher geringe Anzahl von niedergelassenen Augenärzten pro Einwohner nicht zwangsläufig dazu führen muss, dass Patienten sehr lange warten müssen – und umgekehrt“, sagt Gewino-Geschäftsführer Dr. ing. Thomas Zahn. „Offenbar gibt es andere Einflussfaktoren, die wesentlich sind.“

Eine mögliche Erklärung für längere Wartezeiten im Osten Berlins ist der Gewino-Auswertung zufolge, dass dort der Anteil an Privatpatienten teilweise höher ist als in anderen Regionen. Auch der Anteil an Patienten ohne Überweisung zum Augenarzt ist dort hoch: In Berlin-Kreuzberg lag er 2011 und 2012 bei mehr als 40 Prozent.

Zudem zeigt die Analyse, dass Frauen im Mittel einen Tag länger warten mussten als Männer. Von sehr langen Wartezeiten waren junge Frauen und sehr alte Menschen am stärksten betroffen. „Das liegt möglicherweise daran, dass junge Frauen häufig Familie und Beruf vereinbaren und deshalb nicht jeden angebotenen Termin auch annehmen können“, urteilt Zahn. „Und ältere Menschen müssen vielleicht häufiger als andere darauf achten, dass ein Termin auch dem passt, der sie begleitet, oder sie schrecken vor umfangreicheren Terminvereinbarungen zurück, beispielsweise mehreren Anrufen bei Ärzten.“

Wie schnell sich Patienten um Termine bemühen, ist offen

Dem Institut standen für die Analyse pseudonymisierte Leistungsdaten von circa 1,8 Millionen gesetzlich Krankenversicherten der AOK Nordost zur Verfügung. Für die Wartezeiten-Analyse waren knapp 290 000 Überweisungsfälle zum Augenarzt aus den Jahren 2011 und 2012 die Basis, bei denen man das Datum der Überweisung tagesgenau eingrenzen kann. Die Nachteile dieses Vorgehens verschweigt Zahn nicht: Zum einen werde die Datenbasis durch diese Vorgabe eingeschränkt. „Und wir können auch nicht erkennen, wie schnell sich ein Versicherter um einen Termin beim Augenarzt bemüht hat, nachdem er eine Überweisung hatte“, ergänzt er. Hierdurch könnten Effekte entstehen, die sich auf die Wartezeiten auswirken.

Seine Schlüsse aus der Studie? Hilfreich wäre es, die Koordinierungsfunktion der Ärzte durch entsprechende Überweisungen in den Vordergrund zu stellen, findet Zahn. Und das Thema Wartezeiten durch akzeptierte Analysemethoden stärker faktenbasiert und weniger emotional zu diskutieren.

Sabine Rieser

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