ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2014Vertrauliche Geburt: Geburt unter Pseudonym wird umgesetzt

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Vertrauliche Geburt: Geburt unter Pseudonym wird umgesetzt

PP 13, Ausgabe Juni 2014, Seite 258

Ankowitsch, Eugenie

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Schwangere können seit Mai dieses Jahres unter einem Pseudonym im Krankenhaus entbinden. Zugleich erhalten die Kinder die Möglichkeit, ihre Herkunft mit 16 Jahren zu erfahren.

Foto: dpa
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Seit 1. Mai 2014 dürfen Frauen in einer Klinik entbinden, ohne dort ihre vollständigen Daten angeben zu müssen. Diese Regelung hatte die schwarz-gelbe Regierung im Sommer vergangenen Jahres mit dem „Gesetz zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt“ getroffen. Sie soll verhindern, dass Schwangere ihr Kind heimlich bekommen, aussetzen oder sogar töten, wie Dr. Doris Keim, Referatsleiterin beim Bundesfamilienministerium, auf einer Informationsveranstaltung der „Christlichen Krankenhäuser in Deutschland“ Anfang Mai in Berlin erklärte.

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Alternative zu Babyklappen

Mit der Neuregelung will die Bundesregierung eine Alternative zu den umstrittenen Babyklappen und der Möglichkeit einer völlig anonymen Geburt schaffen. Beides bleibt aber weiterhin geduldet. Konkret sieht das Gesetz vor, dass sich die werdende Mutter idealerweise frühzeitig bei einer der etwa 1 600 Beratungsstellen in Deutschland melden soll. Dort wird sie über die Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung stehen, beraten. Entscheidet sich die Schwangere für eine vertrauliche Geburt, werden ihre Daten erfasst und in einem Umschlag versiegelt. Auf diesem Kuvert sollen nur ihr Pseudonym sowie Name und Geburtsdatum des Kindes stehen. Die Umschläge werden beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben deponiert und ruhen dort in der Regel für 16 Jahre. Nur in begründeten Ausnahmefällen kann die Mutter die Anonymität auch nach dem 16. Lebensjahr des Kindes aufrechterhalten. So sollen sowohl das Recht des Kindes, seine eigene Abstammung zu kennen, als auch die Rechte der Mutter gewahrt werden.

Unter dem ausgesuchten Pseudonym wird die Schwangere von der Beratungsstelle dann in einer Klinik oder bei einer Hebamme angemeldet. Nach der Geburt müssen Klinik oder Hebamme dann die Beratungsstelle informieren sowie Geburtsdatum und Geburtsort des Kindes mit dem Verweis auf die vertrauliche Geburt an das Standesamt melden. Die Kosten, die im Zusammenhang mit der Geburt sowie der Vor- und Nachsorge entstehen, werden vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben erstattet. Entscheidet sich eine Frau trotz Beratung gegen eine vertrauliche Geburt und bringt ihr Kind völlig anonym zur Welt, müssen die Kliniken nach wie vor die Kosten der Geburt selbst tragen.

Kommt eine Schwangere mit dem Wunsch nach einer anonymen Geburt direkt in eine Klinik, ist die Klinikleitung verpflichtet, umgehend eine Beratungsstelle zu informieren, damit eine Beratung zur vertraulichen Geburt stattfinden kann. Notfalls kann die Beratung auch nach der Geburt erfolgen. Das geht jedoch nur dann, wenn die Identität der Frau noch geheim ist.

An der Realität vorbei?

Kritiker monieren, dass das Gesetz an der Realität vorbeigehe. So bezweifelt Dr. med. Joachim Neuerburg, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe an den Evangelischen Kliniken Gelsenkirchen, dass die Zahl der Tötungen und Aussetzungen von Neugeborenen mit dem neuen Gesetz sinkt. Denn betroffene Frauen litten fast immer an einer schweren Persönlichkeitsstörung und würden von dem Angebot zur vertraulichen Geburt nicht erreicht. Christoph Pompe, Psychologischer Psychotherapeut und Landespfarrer am Evangelischen Beratungszentrum Detmold, empfahl, frühzeitig regionale Runde Tische einzurichten, in deren Rahmen sich alle Beteiligten – Kliniken, Beratungsstellen, Jugend- und Standesamt – auf eine gemeinsame Vorgehensweise verständigen und wichtige Formalitäten klären sowie feste Ansprechpartner benennen könnten.

Eugenie Ankowitsch

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