ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2014Schutz vor Kindesmisshandlung: „Das System hat Schwachstellen“

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Schutz vor Kindesmisshandlung: „Das System hat Schwachstellen“

PP 13, Ausgabe Juni 2014, Seite 260

Rieser, Sabine

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„Deutschland misshandelt seine Kinder“ – über dieses Buch der Rechtsmediziner Michael Tsokos und Saskia Guddat wurde in den letzten Monaten heftig diskutiert. Die Psychotherapeutenkammer Berlin lud zur Fortbildung zum Thema ein.

Der Hörsaal 1a der Freien Universität in Berlin-Lichterfelde füllt sich rasch, obwohl es schon kurz vor halb acht am Abend ist und das angesetzte Thema kein leichtes. „Gewalt in Familien: Kinder- und Jugendschutz heute“ – zu einer Veranstaltung unter dieser Überschrift hat die Psychotherapeutenkammer Berlin für den 15. Mai eingeladen. Etwa 350 anwesende Mitglieder zählt sie an diesem Abend. Die Fortbildung ist Auftakt zu mehreren Veranstaltungen, wie Kammerpräsident Dipl.-Psych. Michael Krenz erläutert. Das Thema solle besondere Beachtung in der Kammer finden, erläutert Krenz, wobei der Schutz von Kindern „nur fach- und institutionsübergreifend gestaltet werden kann“.

Verborgene Misshandlungen

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Der erste, prominente Referent stimmt ihm zu: Prof. Dr. med. Michael Tsokos, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Charité. „Dank, dass Sie den Blick über den Tellerrand wagen“, sagt er. „Auf die Einladung des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte warte ich immer noch.“ Tsokos zeigt Fotos schwerst misshandelter Kinder, berichtet von den Begleitumständen jedes Falls, erläutert, wie er und seine Kollegen wiederholte Misshandlungen aufdecken oder schwer zu entdeckende finden.

„Das Schütteltrauma ist ein spurenarmes Tötungsdelikt“, erläutert er. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie gehe von etwa 700 totgeschüttelten Kindern pro Jahr aus, aber oft werde diese Todesursache nicht erkannt. Auch deshalb fordern er und seine Kollegin Dr. med. Saskia Guddat eine generelle Leichenschaupflicht bei toten Kindern und Jugendlichen durch Rechtsmediziner oder entsprechend geschulte Personen. Tsokos konfrontiert seine Zuhörerinnen und Zuhörer mit einer Fülle an Fakten und mit harscher Kritik an denen, die beim Kinderschutz versagen. Zum Dialog mit den Therapeuten kommt es allerdings nicht.

Sie behandele Patienten mit Misshandlungserfahrung, so eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin im Gespräch in einer Pause. Oft falle es Jugendlichen schwer zu entscheiden, ob sie weiter zu Hause leben wollten oder nicht. Das Jugendamt einzuschalten, bereite vielen Kollegen Probleme: Man wolle Kinder dadurch schützen und sie gut versorgt sehen, wisse aber weder, ob man an kompetente Mitarbeiter gerate noch was diese unternähmen.

Über Kinderschutz aus der Sicht des Jugendamtes referiert Dipl.-Psych. Rainer Zeddies, Direktor des Jugendamts Berlin-Lichtenberg. Seinem Vorredner Tsokos stimmt er teilweise zu, beispielsweise darin, dass man Kinder aus belasteten Familien sehen müsse und nicht nur deren Akten verwalten. Aber: „Kinderschutz muss man doch nicht vom Ende her denken, sondern vom Anfang“, findet Zeddies. Am besten stütze und stärke man Eltern schon bei Anfangsproblemen und Auffälligkeiten. Das Jugendamt, stellt er aber klar, „muss eine Balance finden zwischen der Unterstützung von Eltern und dem Schutz der Kinder“. Zeddies verweist auf Regelungen, die Fehleinschätzungen verhindern sollen: Die Kollegen entscheiden nicht allein, sondern nach dem Vieraugenprinzip; es gibt Checklisten, um bei Recherchen nichts zu übersehen; Fachkräfte des Gesundheitsdienstes werden einbezogen.

Geschichten hinterfragen

„Es ist auch nicht beliebig, ob ein Kollege etwas zu Ende macht oder nicht“, betont er mit Hinweis auf die Kontrolle von Verfahren. „Aber natürlich hat das System Schwachstellen.“ Man müsse zum Beispiel die Geschichten der Eltern kritisch genug hinterfragen. Oder die Partner scheinbar kooperativer Mütter in den Blick nehmen.

Die Netzwerkarbeit beim Kinderschutz habe sich allerdings in Berlin erheblich verbessert, findet der Amtsleiter. Psychotherapeuten seien dabei häufig eingebunden: „Es gibt mittlerweile eine ganz gute Kultur, dass wir uns finden, wenn es ernst wird.“

Sabine Rieser

@Infos zur Veranstaltung:
www.psychotherapeutenkammer-berlin.de/show/7596401.html

VORWÜRFE GEGEN ERWACHSENE

„Das deutsche Kinder- und Jugendschutzsystem versagt mit grausamer Regelmäßigkeit“, heißt es im Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“. „Mehr als 200 000 Kinder werden pro Jahr Opfer von Gewalt durch Erwachsene.“

Geschrieben haben es die Rechtsmediziner Prof. Dr. med. Michael Tsokos und Dr. med. Saskia Guddat. Beide arbeiten am Institut für Rechtsmedizin des Berliner Universitätsklinikums Charité. Sie dokumentieren schwerste Fälle körperlicher Misshandlung, mit denen sie als Gutachter konfrontiert waren, und analysieren das Verhalten und Versagen von Ärzten, Jugendamt, Juristen.

Beide kritisieren, dass die Spuren wiederholter Misshandlungen oft übersehen werden und die Täter, meist die Eltern, nicht zur Verantwortung gezogen werden. Die Autoren schreiben stellenweise polemisch, weisen aber auch auf viele Systemmängel hin (DÄ, Heft 6/2014, Seite eins: „Polemik, die gleichwohl schmerzt“).

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