ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2014Lindauer Psychotherapiewochen 2014: Veränderung ist eine Folge der Zeit

THEMEN DER ZEIT

Lindauer Psychotherapiewochen 2014: Veränderung ist eine Folge der Zeit

PP 13, Ausgabe Juni 2014, Seite 262

Goddemeier, Christof

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Zeit – aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet, zusammengefügt zu einem bereichernden Gesamtbild, war das Thema der Vorträge der ersten Lindauer Psychotherapiewoche.

Auf einer Psychotherapie-Tagung könnte man versucht sein, das Leitthema „Zeit“ rasch auf die Therapiezeit und ihren Umgang damit einzugrenzen. Doch das Phänomen ist so allgemein, dass alle Lebensbereiche davon betroffen sind – Zeit als kostbares Gut, das eher knapp als üppig zur Verfügung steht, Zeiterleben als Existenzial, ohne das menschliches Leben nicht vorstellbar ist. Der Versuchung einer allzu raschen Begrenzung erlagen die Veranstalter der ersten diesjährigen Lindauer Psychotherapiewoche denn auch nicht und betrachteten die Zeit aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln, die sich zu einem bereichernden Gesamtbild zusammenfügten.

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Foto: Fotolia/Gajus
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Zukunftsperspektive auf Kosten der Gegenwart

„Zeit ist, was Uhren messen“, sagte Albert Einstein und meinte damit, dass Zeit an Materie gebunden ist. Einer „objektiven“ Zeit steht das menschliche Zeitbewusstsein gegenüber. Der erste, der sich an der Analyse des Zeitbewusstseins abgearbeitet hat, war der Kirchenlehrer Augustinus (354–430). Im 11. Buch seiner „Bekenntnisse“ antwortet er auf die Frage, was die Zeit sei: „Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es, wenn ich es dem Fragenden erklären will, weiß ich es nicht.“ In seinem Eröffnungsvortrag fragt Dr. rer. biol. hum. Marc Wittmann, Freiburg, nach der Entstehung des Zeitbewusstseins. Während „echte biologische Uhren“, etwa die Zirbeldrüse (Epiphyse), Physiologie, Verhalten und Erleben steuern, spiegelt die subjektive Zeit den „mentalen Status des Betrachters“. Der Biologe Till Roenneberg beschreibt verschiedene Chronotypen, deren natürlicher Schlafrhythmus im Extremfall zwölf Stunden auseinanderliegt. Dem Frühtyp (Lerche) steht der Spättyp (Eule) gegenüber. Wenn Roenneberg zufolge auch die meisten Menschen gemäßigte Lerchen oder Eulen sind, liegen doch für 60 Prozent der Deutschen die Arbeitszeiten zu früh. Laut Wittmann befinden diese Menschen sich dauernd in einem „sozialen Jetlag“ – der Diskrepanz zwischen innerer, biologischer Uhr und „sozialer Zeit“. Das bewusste Wahrnehmen der Zeit beschreibt er als „Fehlersignal“, das ein „zu kurz“ oder „zu lang“ anzeigt. Wittmanns These: In unserer Kultur dominiert die Zukunftsperspektive auf Kosten der Gegenwart. Statt uns im Kleinen jetzt zu belohnen, verschieben wir „große Gratifikationen“ auf später. Das wirkt sich natürlich auf unser Zeitbewusstsein aus.

Neue Erlebnisse mit entsprechend gesteigerter Aufmerksamkeit führen zu einer Dehnung der subjektiven Zeit, eine Folge vermehrt gespeicherter Gedächtnisinhalte. Langeweile und Routine bewirken Wittmann zufolge das Gegenteil: Wenige Gedächtnisinhalte korrespondieren mit einem Verlust subjektiver Zeit. Das gilt aber nur retrospektiv. Prospektiv verhält es sich genau umgekehrt: Hier wird Langeweile als gedehnte Zeit, Ablenkung hingegen als Zeitverkürzung wahrgenommen – das sogenannte Zeitparadox. Neurobiologisch verortet Wittmann das subjektive Zeitbewusstsein in der posterioren Insula, wo alle Sinneseindrücke aus unserem Körperinnern zusammenkommen (primärer interozeptiver Cortex). Antonio Damasio hat Gefühle als Interpretation physiologischer Zustände beschrieben. Wittmann zufolge entspricht demnach das subjektive Zeitbewusstsein einem „körperlich gefühlten Selbst“.

Eine Richtung bekommt die Zeit durch ihre Messung

An den folgenden Tagen behandeln mehrere Vorträge das Leitthema, weitere Beiträge fokussieren mit fließendem Übergang auf das Zeiterleben in der Psychotherapie. Zu Beginn erörtert Prof. Dr. rer. nat. Günter Mahler, Stuttgart, die „Physik des Zeitpfeils“: Einen Pfeil, sprich eine Richtung, bekommt die Zeit nicht zuletzt durch ihre Messung. Dazu reicht ein Metronom, das nur den Takt erfasst, nicht aus. Erst die Kombination aus Takt und Zählung mittels der Uhr verleiht der Zeit ihre Richtung. Aber auch in der Kosmologie gibt es einen „Zeitpfeil“: Hier definieren der Urknall und die Expansion des Universums die Richtung der Zeit. Mahler mahnt zur Bescheidenheit: Auf die Frage, warum es eine Zeit gebe, weiß die Physik keine Antwort, sie beantworte lediglich Strukturfragen. Und mit Blick etwa auf Stephen Hawking rät Mahler von Hypothesen ab, die weder verifizierbar noch falsifizierbar sind.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Thomas Fuchs, Heidelberg, unterscheidet „implizite Zeit“, das heißt „gelebte Selbstvergessenheit“, von der bewusst wahrgenommenen „expliziten Zeit“. Mit Bezug auf den Philosophen Edmund Husserl umfasst implizite Zeit die „gelebte, gedehnte Gegenwart“ aus „Retention, Jetzt und Protention“, einen „intentionalen Bogen im Bewusstseinsstrom“ von circa drei Sekunden Dauer. Bewusst wahr nehmen wir dagegen das „nicht mehr“ vergangener und das „noch nicht“ ausstehender Zeit. „Intersubjektive Zeitlichkeit“ ermöglicht eine „relationale Ordnung von Prozessen“: Menschen haben ein „gemeinsames Leben in der Zeit“. Wie Eigenzeit und Weltzeit bei psychischen Erkrankungen auseinanderfallen können, zeigt Fuchs eindrucksvoll am Beispiel von Schizophrenie und Depression.

Mit der Zeit im Traum beschäftigt sich Prof. Dr. phil. Verena Kast, Supervisorin am C. G. Jung-Institut Zürich. Viele kennen „Zeitnot“ und das „zu spät“ im Traum – laut Kast manchmal ein Hinweis auf das Lebensende. Diese Zeit beeindruckt: Etwa ein Zehntel unseres Lebens träumen wir. Carl Gustav Jung zufolge werden Träume durch „Komplexe“ verursacht – Brennpunkte des seelischen Lebens, Unerledigtes und Konflikthaftes, das sowohl anregen als auch hindern kann. Im Unterschied zu Sigmund Freud sieht Jung Träume als „spontane Selbstdarstellung der aktuellen Lage des Unbewussten in symbolischer Ausdrucksform“ und nicht als Fassade, hinter der sich verbotene Wünsche und Triebregungen verbergen. Die Frage nach der Kausalität eines Traums ergänzt Jung um Finalität: Seelisches ist auch durch Ziele, Zwecke und Werte bedingt. Wichtig für das Verständnis der Psyche ist nicht so sehr, woher sie kommt, sondern wohin sie strebt. So beschreibt Kast Träume denn auch als „Witterung für Möglichkeiten“.

Mit einer aufschlussreichen Frage leitet Prof. Dr. med. Gian Domenico Borasio, Lausanne, seinen Vortrag zu Zeit und Lebensqualität in der Palliativmedizin ein: Das Publikum wird gebeten, sich für eine dieser drei Todesarten zu entscheiden: den Sekundentod, den Tod innerhalb von drei Jahren, zum Beispiel aufgrund einer Krebserkrankung, oder den „langsamen Tod“, etwa infolge einer Demenz (fünf bis zehn Jahre). Nur für Tod Nummer zwei entscheiden sich ebenso viele, wie tatsächlich daran sterben – etwa ein Drittel. Bei den anderen beiden Todesarten klaffen Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander: Den Sekundentod wünschen sich weit mehr Menschen, als ihn statistisch erleiden, beim „langsamen Tod“ verhält es sich genau umgekehrt. Ihn wünscht sich kaum jemand, doch 50 bis 60 Prozent sterben daran, mit steigender Tendenz.

Patienten und Therapeuten finden ihre Zeit

Wie viel Zeit braucht eine Psychotherapie? 1994 konfrontierte der Psychotherapieforscher Klaus Grawe die Teilnehmer der Psychotherapiewochen damit, dass die Behandlung einer Depression 35 Stunden dauere – eine damals für das Auditorium kaum vorstellbar kurze Zeit. Inzwischen ist durch Studien belegt, dass eine Behandlungsdauer von 40 bis 50 Stunden häufig ausreicht – „Patienten und Therapeuten finden ihre Zeit“, formuliert Prof. Dr. med. Manfred Cierpka, Heidelberg. Eine Analyse der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bestätigte unlängst, dass die Dauer einer Psychotherapie sich nach dem individuellen Behandlungsbedarf und nicht nach genehmigten Kontingenten richtet. Maximale Therapiestunden werden demnach nur selten genutzt. Selbst Freuds erste Kuren dauerten nur wenige Wochen – die Patienten reisten an, unterzogen sich jeden Tag einer Behandlung und nahmen im Übrigen am kulturellen Leben Wiens teil.

Dass Psychotherapie wirkt, ist seit langem bekannt. Etlichen somatischen Behandlungen ist sie hinsichtlich der Effektstärke überlegen. Prof. Dr. med. Dr. phil. Dorothea Huber, München, zeigt in einem Ritt durch die jüngere Psychotherapieforschung die wesentlichen Details. Klar ist: Veränderung ist eine Funktion der Zeit. Mehrfach belegt ist die nachhaltigere Wirkung einer Langzeit- gegenüber einer Kurzzeittherapie. Dabei ist die „Dosis“ (= Anzahl der Stunden) entscheidend, nicht das Verfahren. Nicht so klar ist, wann eine Behandlung wirkt. Studien zeigen einen „Inkubations-“ oder „sleeper“- Effekt im Sinn einer „inneren Weiterentwicklung“ nach dem Ende einer Therapie. Wiederholungs- oder Intervalltherapien, auch als stationäre Behandlung, machen sich diese Wirkungsweise zunutze.

Wenn psychische Störungen Bewältigungsversuche von im Sinn Donald Winnicotts nicht ausreichend guten Bedingungen sind (Dr. phil. Wulf Hübner, Hamburg), stellt Psychotherapie einen Ort für „beschädigtes Leben“ zur Verfügung – aber eben nicht nach Art einer „bad bank“, die wertlose Kredite in einer „Schmuddelecke“ horte, wie Dr. med. Diana Pflichthofer, Hamburg, ausführt. Ausgehend von Werner Heisenbergs Sentenz, Bildung sei das, was übrig bleibe, wenn man alles Gelernte vergessen habe, sieht sie in ihrem Vortrag „Wanderjahre. Psychotherapie ein Bildungsprozess?“ Bildung vor allem als „Fähigkeit zur Improvisation“.

Arbeiten bis weit über das Rentenalter hinaus

Viele selbstständige Therapeuten arbeiten heute bis weit über das Rentenalter hinaus. Verlangen wir von unseren Patienten, eine Behandlung zu gegebener Zeit zu beenden, und haben selbst Mühe mit dem Ende, fragt Prof. Dr. med. Ulrich Streeck, Göttingen. Diese Frage verweist womöglich auf die Praxis von Zeitbezug und Zeiterleben, wie sie in der Philosophie seit der Antike zentral ist. Tobias Ballweg, Philosoph und Psychologe, und Prof. Dr. med. Katja Cattapan-Ludewig, Kilchberg, zeigen, wie philosophische und literarische Texte von der Stoa bis Fernando Pessoa auch heute bei der Suche nach einem glücklichen und gelingenden Leben behilflich sein können.

Christof Goddemeier

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