ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2014Dissoziative Identitätsstörung: „Wir sind Viele“

THEMEN DER ZEIT

Dissoziative Identitätsstörung: „Wir sind Viele“

PP 13, Ausgabe Juni 2014, Seite 264

Bosse, Brigitte

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Eine Tagung am Trauma-Institut Mainz thematisierte die Opfer ritualisierter Gewalt und organisierter Pädokriminalität.

Foto: Fotolia/viperagp
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Drei verschiedene Schuhgrößen im Schrank, unterschiedlicher Visus mit Abweichungen von mehr als 1,5 Dioptrien, allergische Reaktionen, die kommen und gehen, das flüssige Beherrschen einer Fremdsprache und die vollständige Unkenntnis derselben – das alles in einer Person vereint?

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Noch 1997 schreibt Prof. Dr. med. Rainer Tölle im Deutschen Ärzteblatt (DÄ): „Die sogenannte multiple Persönlichkeit oder dissoziative Identitätsstörung [. . .] ist selten, und es wird kontrovers diskutiert, in welchem Ausmaß sie iatrogen oder kulturspezifisch ist.“ (1) Dies ist heute eindeutig widerlegt. Dr. med. Ursula Gast und Kollegen nennen 2006, ebenfalls im DÄ, Prävalenzzahlen von 0,5 bis ein Prozent der Bevölkerung (2). Das entspricht der Häufigkeit der Schizophrenie. Fünf bis zehn Prozent der Patienten in psychiatrischen Kliniken leiden unter einer dissoziativen Identitätsstörung. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie fehldiagnostiziert werden, ist relativ hoch. Stimmen hören, ist nicht gleich Stimmen hören.

Die Diagnose der multiplen Persönlichkeit wurde erstmals 1980 in den DSM III aufgenommen. Seit 1994 (DSM IV) spricht man von einer dissoziativen Identitätsstörung. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass eine Person in sich verschiedene, wechselnde, relativ autonome Persönlichkeitsanteile hat. Diese inneren Identitäten, auch „Innenpersonen“ oder „Alters“ genannt, übernehmen zu unterschiedlichen Zeitpunkten die Kontrolle über den Körper, das Handeln und das Denken der Personen (3). Die unterschiedlichen Innenanteile verfügen über unterschiedliche Gedächtnisinhalte – sie stellen eigene Handlungssysteme, oft versehen mit ganz unterschiedlichen Wertesystemen, dar. Darüber hinaus haben die verschiedenen Persönlichkeitsanteile differierende physiologische Eigenheiten. Dazu gehören die Links- oder Rechtshändigkeit, die Handschrift, der Muskeltonus, Unterschiede in der Schmerzempfindlichkeit, im Blutzuckerspiegel, in den EEG-Ableitungsmustern, im fMRT sowie im SPECT und PET – alles in einem Körper.

Die Entwicklung einer dissoziativen Identitätsstörung ist eine Bewältigungsstrategie, wenn ein sehr kleines Kind – in der Regel unter fünf Jahre alt – unaushaltbare Angst, Not und Gewalt erfährt. Die Persönlichkeitsanteile entstehen dadurch, dass die traumatisierten Kinder nicht in der Lage sind, ein einheitliches Empfinden ihrer selbst auszubilden. Die Last der traumatischen Erfahrung wird gleichsam auf mehrere innere Schultern verteilt. Dies ist nötig, damit ein Teil des traumatisierten Kindes eine halbwegs normale Weiterentwicklung vollziehen kann, während die Schrecken der Traumatisierung abgespalten bleiben und in den entstandenen „Alters“ (Innenpersonen) gleichsam ein Eigenleben führen. Für die Entwicklung einer dissoziativen Identitätsstörung ist es nötig, dissoziieren zu können.

Das Trauma-Institut Mainz veranstaltete Ende März die 2. Interdisziplinäre Traumafachtagung. Mehr als 200 Teilnehmer aus den Fachbereichen soziale Arbeit, Pädagogik, Psychotherapie, Medizin, Theologie, Justiz und Polizei kamen, um sich mit dem Thema „Wir sind Viele – Opfer ritualisierter Gewalt und organisierter Pädokriminalität“ auseinanderzusetzen. Es ging um die Folgen von extremer Gewalt in der frühen Kindheit, die zur Entwicklung einer dissoziativen Identitätsstörung führen.

Kinderfolterdokumentationen

Die Traumatherapeutin Michaela Huber hielt den Eröffnungsvortrag: „Viele im Netz der Pädokriminalität“. Pornografische Darstellungen seien über das Internet leicht und jederzeit verfügbar. Nicht nur Erwachsene, sondern auch ein Viertel aller Jugendlichen schaue täglich Pornos. „Pro Jahr verdienen Menschenhändler etwa 220 Milliarden Euro mit der sexuellen Ausbeutung von Kindern und Frauen“, berichtete Huber. Dieses „Material“ müsse produziert werden – mit unsäglichem Leiden für die Opfer. „Kinderpornografische Darstellungen sind Kinderfolterdokumentationen. Kinder werden systematisch gefoltert und so lange misshandelt, bis sie bereit sind, bei diesen Handlungen scheinbar freiwillig mitzuwirken. Dies tun sie in einem Zustand der Dissoziation.“

Es gebe auch Fälle, bei denen diese Misshandlungspraktiken nicht nur finanziell, sondern ideologisch motiviert seien, betonte Huber. Dann spreche man von ritueller Gewalt oder Satanismus. Die Handlungen würden im Rahmen eines sektenähnlichen Kultes vollzogen und durch die Ideologie legitimiert.

Systematische Therapie

Prof. Dr. med. Reinhard Plassmann sprach über die Entstehung und die Therapie von dissoziativen Identitätsstörungen und betonte, dass der systematischen Misshandlung der Opfer durch die Täter eine systematische therapeutische Behandlung entgegengesetzt werden müsse, die sich an den vier Phasen der Traumatherapie orientieren solle: Stabilisierung, Ressourcenorientierung, Trauma-Exposition und Neuorientierung.

Nach dem Film „Ein Körper mit System – aus dem Leben einer multiplen Persönlichkeit“ stellte sich die Protagonistin, „Nicki und die Bärenbande“, der Diskussion. Nicki lebt mit einer dissoziativen Identitätsstörung. Heute engagiert sie sich im Rahmen der Initiative „Lichtstrahlen Oldenburg“ für die Vernetzung und Unterstützung von Betroffenen. Mit ihrem Film möchte sie Aufklärungsarbeit leisten und anderen Betroffenen Mut machen. Im Film tauchen neben Nicki auch Burghardt, Nele, Gina und Tony auf. Sie teilen sich den Körper, sind unterschiedlich alt, haben unterschiedliche Interessen und unterschiedliche Beschwerden. Nur Tony leidet unter Asthma, die anderen nicht. Deswegen ist es von besonderer Bedeutung, dass Tony die Medikamente einnimmt, dass also er für diesen Zeitraum im Körper die handlungsausführende Person ist. Heute sind alle Innenpersonen einander vertraut, absprachefähig und regeln den Alltag gemeinsam. Nach langer und erfolgreicher Therapie ist Nicki heute voll berufstätig.

Die Möglichkeit, eine Betroffene direkt zu fragen, wurde dankbar genutzt. Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie das Leben eines Menschen mit einer dissoziativen Identitätsstörung im Alltag aussieht. Wer fährt Auto? Wer geht arbeiten? Wie alt wird man, wenn man Geburtstag feiert? Was ist mit den Innenkindern? Und wer muss bei medizinischen Eingriffen alles aufgeklärt werden? Erreicht die Narkose alle? Ist es vorstellbar, dass intraoperative Wachzustände einer dissoziativen Identitätsstörung geschuldet sind, das heißt, nicht alle Innenpersonen schlafen?

Bei der Abschlussdiskussion wurden aus therapeutischer, juristischer, sozialer und der Perspektive der Betroffenen Forderungen formuliert, wie Opfer besser unterstützt, Patienten besser behandelt und Straftaten besser aufgeklärt werden können. Deutlich wurde, dass eine ausreichende und traumaspezifische Therapie die Grundlage dafür ist, dass Patienten mit einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung nicht nur in das Sozial-, sondern ebenfalls in das Berufsleben integriert werden können. Dies ist auch das Kernanliegen der Initiative Phoenix, die sich für die Verbesserung der Therapiebedingungen von Komplextraumatisierten einsetzt (www.initiative-phoenix.de).

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2014; 12(6): 264–5

Anschrift der Verfasserin
Dr. med. Brigitte Bosse, Trauma Institut Mainz
Lotharstraße 4, 55116 Mainz

1.
Tölle R: Persönlichkeitsvervielfältigung? Die sogenannte multiple Persönlichkeit oder dissoziative Identitätsstörung. Dtsch Arztebl 1997; 94(27): 1868–70. VOLLTEXT
2.
Gast U, Rodewald F, Hofmann A, et al.: Die dissoziative Identitätsstörung – häufig fehldiagnostiziert. Dtsch Arztebl 2006; 103(47): 3193–200. VOLLTEXT
3.
Van der Hart O, Nijenhuis E, Steele K: Das verfolgte Selbst. Paderborn: Junfermann 2008.
1.Tölle R: Persönlichkeitsvervielfältigung? Die sogenannte multiple Persönlichkeit oder dissoziative Identitätsstörung. Dtsch Arztebl 1997; 94(27): 1868–70. VOLLTEXT
2.Gast U, Rodewald F, Hofmann A, et al.: Die dissoziative Identitätsstörung – häufig fehldiagnostiziert. Dtsch Arztebl 2006; 103(47): 3193–200. VOLLTEXT
3.Van der Hart O, Nijenhuis E, Steele K: Das verfolgte Selbst. Paderborn: Junfermann 2008.

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Sinaly12
am Montag, 16. März 2015, 22:17

Aufklärung

Sehr geehrte Frau Dr. Bosse,
ich betreue seit langem meine Nichte, die unter einer Dissozativen Störung leidet.
Die facettenbreite der Entstehung einer solchen Störung ist aber meines Erachtens vielfältiger, als man bisher anscheinend annimmt.
So kommt es schon allein durch die Vernachlässiging im frühsten Kindesalter zu Abspaltungen. Es reicht aus, einem Kind keine Nahrung zu geben, es dursten zu lassen. Wenn die Eltern ihrer sozialen Verantwortung nicht nachkommen. Diese Art der Vernachlässigung führt ebenfalls dazu, dass diese Überlebensstratgie schon hier einsetzt. Diese Kinder sind dann aber auch die Opfer der Zukunft, so geschehen meiner Nichte. Sie hat sich auch bei sexuellen Übergriffen nicht gewehrt, sondern hat sich gespalten.
Ich wünscht mir, dass dieses Thema mehr an die Öffentlichkeit kommt. Auch zum Schutz der Kinder. Als Prävention. Genauso, wie Depressionen und andere psychische Krankheiten diskutiert werden, sollte auch hier nicht mehr geschwiegen werden. Sexuelle Gewalt geht scheinbar oft in gemeinschaft mit der Diss. Aber was war zuerst da? Henne oder Ei? Es fällt auf, dass immer wieder im Fersehen Filme gezeigt werden, meist Krimis, die sich mit dem Thema beschäftigen, doch leider findet hier danach keine Aufklärung statt. Ich bedaure dies sehr, weil wir damit sehr offen umgehen. Schweigen ist nicht. Ich wünsche mir eines Tages, dass die Menschen aber vor allem Therapeuten und Ärzte verstehen, was das alles bedeutet. Weil letztgenannte nicht glauben, bekommen die Betroffenen nicht mal Opferentschädigung. Fangt endlich an zu glauben, das ist mein Wunsch an ALLE.
Mit freundlichen Grüßen
S. Fitzner

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