ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2014Inklusive Bildung: Noch ein weiter Weg

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Inklusive Bildung: Noch ein weiter Weg

Dtsch Arztebl 2014; 111(25): A-1152 / B-992

Sonnenmoser, Marion

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Damit Inklusion behinderter Kinder an Regelschulen gelingen kann, bedarf es guter Konzepte, Vorbilder und Erfahrungen.

Foto: dpa
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Seit 2009 gilt in Deutschland die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Sie ist der neue Rechtsrahmen für die Behindertenpolitik in Deutschland, in dem unter anderem das Recht auf inklusive Bildung festgeschrieben ist. Es besagt beispielsweise, dass Behinderte und nichtbehinderte Menschen ein Recht darauf haben, gemeinsam zu lernen, und dass Kinder und Jugendliche mit Behinderungen das Recht auf Zugang zu einer ortsnahen Regelschule haben. Mit inklusiver Bildung soll erreicht werden, dass Vorurteile, Berührungsängste und Ausgrenzung von Behinderten abgebaut werden. Im Rahmen sozialer Inklusion sollen gesellschaftliche Strukturen so gestaltet werden, dass sie der menschlichen Vielfalt gerecht werden. Ein an Defiziten orientiertes Denken soll überwunden werden, stattdessen sollen Menschen mit Behinderungen stärker wertgeschätzt, gefördert und respektiert werden.

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Die UN-Konvention etablierte die staatliche Verpflichtung, schrittweise ein inklusives Bildungssystem aufzubauen und zu erhalten, weil davon ausgegangen wird, dass das Recht auf Bildung nur in einem inklusiven System gewährleistet werden kann. Aus diesem Grund stehen die deutsche Bildungspolitik und vor allem die Bundesländer zur Zeit vor großen Herausforderungen. Denn insbesondere behinderte Kinder, die zuvor in Sonder- und Förderschulen gingen, haben nun das einklagbare Recht auf Regelbeschulung. Allerdings sind noch längst nicht alle Schulträger und Schulen darauf eingestellt, die derzeit circa 0,5 Millionen Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf entsprechend zu unterrichten.

Deutschland hinkt hinterher

Die Bundesländer setzen die UN-Konvention momentan unterschiedlich um. So haben beispielsweise Bremen und Hamburg die Förderschulen und Spezialeinrichtungen für bestimmte Störungen abgeschafft. Andere Bundesländer zeigen gewisse Widerstände oder schlagen Sonderwege ein. Es gibt immer wieder Unstimmigkeiten zwischen Kommunen und Ländern, wer die Kosten für die Inklusion zu tragen hat.

Auch unter Lehrern, Eltern, Politikern und Wissenschaftlern ist man sich uneins. Die Befürworter tragen vor, dass inklusive Bildung ein weltweiter Trend sei, der in anderen Ländern wesentlich weiter fortgeschritten sei. Deutschland hinke in dieser Angelegenheit hinterher und verausgabe sich in ideologischen Grabenkämpfen, statt die Chance zu ergreifen, das eigene Bildungssystem zügig an aktuelle Gegebenheiten anzupassen. Dabei lägen die Vorteile inklusiver Bildung auf der Hand, denn sie erlaube es, gegenseitige Akzeptanz zu fördern. Die Gegner argumentieren, dass viele Eltern behinderter Kinder sich der Illusion hingäben, ihre Kinder würden vom Besuch einer Regelschule ausschließlich profitieren. Sie ignorierten bekannte Probleme wie Überforderung, Enttäuschung und Ausgrenzung und schätzten die etablierten Förderangebote zu gering. Die Gegner weisen außerdem darauf hin, dass eine unsachgemäße und überstürzte Integration behinderter Schüler in den Regelunterricht dazu führe, dass normal und hochbegabte Kinder zu wenig gefördert würden. Dadurch werde der Unmut der Elternschaft geweckt und deren Befürchtung bestärkt, dass das Leistungsniveau sinke. Außerdem seien viele Lehrer in Regelschulen nicht hinreichend ausgebildet, um Klassen mit behinderten und nichtbehinderten Schülern adäquat zu unterrichten.

Sowohl für die Pro- als auch für die Kontraargumente zur inklusiven Bildung finden sich wissenschaftliche Belege. Zur Zeit wird viel über einzelne Schulen berichtet, in denen einerseits die inklusive Bildung misslingt, etwa weil die Beteiligten nicht genügend vorbereitet wurden und weil es an strukturellen und finanziellen Voraussetzungen mangelt, andererseits aber auch gelingt, weil hohes Engagement, Erfahrungen und vielfältige Unterstützung (wie zum Beispiel durch Förderlehrer sowie zusätzliche Räumlichkeiten und Hilfsmittel) vorhanden sind. Auch wenn solche Berichte oft nur auf den Einzelfall bezogen sind, können sie dazu beitragen, Antworten darauf zu geben, welche Faktoren für inklusive Bildung unabdingbar sind und welche Hindernisse im deutschen Bildungssystem noch überwunden werden müssen. Wenig hilfreich sind hingegen so manche emotional geführten Debatten in den Medien zum Thema Inklusion, weil sie oft stark polarisieren und die Beteiligten gegeneinander aufbringen, anstatt Fakten und Lösungen zu präsentieren und an gemeinsamen Wegen zu arbeiten. Als Beispiel sei der Fall des elfjährigen Henri mit Downsyndrom erwähnt, dessen Eltern ihn aufs Gymnasium schicken wollen, obwohl klar ist, dass er die Buchstaben kaum beherrscht und das Abitur nicht schaffen wird. Sie begründeten dies damit, dass er nur im Gymnasium bei seinen Freunden aus der Grundschule bleiben könne. Fälle wie dieser zogen viel Aufmerksamkeit auf sich und führten in jüngster Vergangenheit dazu, dass sich in der Bevölkerung verschiedene Lager bildeten, die sich entweder mit Menschen mit Behinderungen und den Angehörigen solidarisierten oder die kein Verständnis für deren Rechte und Wünsche aufbrachten.

Toleranz üben und Chancen erkennen

Damit Inklusion gelingen kann, bedarf es guter Konzepte, Vorbilder und Erfahrungen, wie sie von Schulsozialarbeitern, Pädagogen und Bildungsforschern beschrieben werden. Es bedarf Schulen, die sich für die Inklusion öffnen und professionell beraten lassen, und einer Lehrerschaft, die sich auf die neue Situation einstellt und gezielt fortbildet. Von den Eltern nichtbehinderter Kinder wäre zu erhoffen, dass sie sich in Toleranz üben und die Chancen erkennen, die die Inklusion bietet, während Eltern behinderter Kinder maßvoll vom Schulwahlrecht Gebrauch machen und in erster Linie den Bedürfnissen ihrer Kinder und weniger ihren eigenen Ansprüchen und Wunschvorstellungen gerecht werden sollten. Es bedarf außerdem erfahrener Berater im Umfeld von betroffenen Familien, die genau prüfen, welche Behinderungen vorliegen, welche Schulen entsprechende Angebote unterbreiten können und wie die Inklusion im Schulalltag konkret aussieht. Von den Politikern ist zu erwarten, dass sie berücksichtigen, dass es beim Thema Inklusion zwar auch um die Kosten, aber noch viel mehr um grundlegende gesellschaftliche Werte geht. Und von den Medien ist zu fordern, dass sie sich zurückhalten und nur in einer Weise informieren, die niemandem Schaden zufügt.

Wie die Diskussion um die Inklusion zeigt, ist das Bildungssystem zur Zeit sehr im Umbruch und wird noch viele Herausforderungen bewältigen müssen, bevor tatsächlich von flächendeckender inklusiver Bildung in Deutschland gesprochen werden kann. Bis dahin gilt es, für jedes Kind mit Behinderung eine maßgeschneiderte Lösung zu finden.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
Kroworsch S: Inklusion im deutschen Schulsystem. Freiburg: Lambertus 2014.
2.
Reich K: Inklusion und Bildungsgerechtigkeit. Weinheim: Beltz 2012.
1.Kroworsch S: Inklusion im deutschen Schulsystem. Freiburg: Lambertus 2014.
2.Reich K: Inklusion und Bildungsgerechtigkeit. Weinheim: Beltz 2012.

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