ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2014Diabetes Typ 1: „Impfung“ baut Immuntoleranz auf

MEDIZINREPORT

Diabetes Typ 1: „Impfung“ baut Immuntoleranz auf

Dtsch Arztebl 2014; 111(25): A-1141 / B-980 / C-927

Zylka-Menhorn, Vera

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Die INIT-II-Studie soll zeigen, ob eine Antigen-basierte Immuntherapie mit nasal verabreichtem Insulin den Diabetes Typ 1 verzögern oder gar verhindern kann.

Der Typ-1-Diabetes hat sich zu einer der häufigsten chronischen Krankheiten im Kindes- und Jugendalter entwickelt. Junge Menschen erkranken nach dem ersten Auftreten multipler Antikörper im Blut innerhalb von maximal 20 Jahren – je nach individuellen Eigenschaften früher oder später. Als Folge davon entstehen (meist um das zweite Lebensjahr) autoreaktive Immunzellen, die eine Zerstörung der Insulin produzierenden Betazellen bewirken. Warum sie entstehen, ist bisher nicht im Detail geklärt. Den stärksten Einfluss haben eine positive Familienanamnese und die HLA-Risikogene DR3 und DR4- DQ8. Sind etwa 80 bis 90 Prozent der Betazellen zerstört, bricht die Autoimmunerkrankung aus. Der feindliche Angriff des Immunsystems zieht sich über Wochen bis Jahrzehnte hin.

Zahl der Autoantikörper weist auf Progressionszeit hin

Bei den untersuchten Inselautoantikörpern handelt es sich um Autoantikörper gegen das Insulin selbst (IAA), gegen Glutamat-Decarboxylase (GADA), Tyrosin-Phosphatase (A-2A) und ZinkTransporter 8 (ZnT8A). Je mehr Autoantikörper im Blut nachweisbar sind, desto schneller entwickelt sich der manifeste Typ-1-Diabetes. „Unsere Erkenntnisse erlauben es, mittels eines einfachen Bluttests die Diagnose zu stellen, noch bevor die Krankheit sich klinisch zeigt“ sagte Prof. Dr. med. Anette-Gabriele Ziegler, Präsidentin des Kongresses der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Berlin.

„Bereits direkt nach der Geburt kann das Risiko für Typ-1-Diabetes durch ein genetisches Screening zwischen null und 30 Prozent stratifiziert werden. Es können somit Risikogruppen identifiziert werden, bei denen etwa jeder Dritte an Typ-1-Diabetes erkrankt.“ Neuere Langzeitdaten zeigten, dass 15 Prozent der Kinder, die einen Autoantikörper bilden, in den nächsten zehn Jahren erkranken; jene mit zwei Autoantikörpern erkranken zu 70 Prozent. Auf dieser Basis wäre ein nationales Screening denkbar, meint Ziegler. „Es könnten somit gefährliche Stoffwechselentgleisungen und Kranken­haus­auf­enthalte verhindert werden, die ansonsten bei einem Drittel der Kinder zu erwarten wären“, sagt Ziegler. „Außerdem haben die betroffenen Familien die Möglichkeit, langsam in die veränderte Situation hineinzuwachsen.“

Die frühe Erkennung biete zudem Chancen für vorbeugende Therapien, betonte die Direktorin des Instituts für Diabetesforschung des Helmholtz Zentrums München. „Die Forschungen zielen darauf ab, wenigstens Teile der körpereigenen Insulinproduktion zu erhalten und die überschießende Immunreaktion zu kontrollieren“, so Ziegler.

Solche Immuntherapien werden zu verschiedenen Zeitpunkten und mit unterschiedlicher Zielstellung eingesetzt. Bei klinisch manifestem Typ-1-Diabetes erfolgt sie adjuvant zur Insulintherapie, um die körpereigene Insulinsekretion und Restfunktion des Pankreas möglichst lange zu erhalten. Erfolgversprechende Immuntherapeutika sind die monoklonalen Anti-CD3-Antikörper Abatacept und Rituximab.

Die Immuntherapie im Stadium des Prä-Typ-1-Diabetes – also bei nachgewiesenen Inselautoantikörpern – hat zum Ziel, die Krankheitsprogression aufzuhalten und die Zeit bis zur Insulinpflichtigkeit zu verlängern beziehungsweise diese zu verhindern. In diesem Stadium werden insbesondere Antigen-basierte Therapien durchgeführt. Eine Studie mit Abatacept befindet sich im Zulassungsprozess. Und im Rahmen der INIT-II-Studie (Intranasal Insulin Trial II) wird Insulin geprüft. „Erste Studien zur Antigen-basierten Therapie sind vielversprechend“, so Ziegler.

Voruntersuchungen in den USA hätten gezeigt, dass in Kapselform eingenommenes Insulin die Entwicklung von Typ-1-Diabetes um mindestens zehn Jahre verzögern und möglicherweise sogar ganz verhindern kann. Oral verabreicht und über die Darmschleimhaut aufgenommen, beeinflusse das Insulin nämlich nicht den Blutzuckerspiegel. Stattdessen trainiere es das Immunsystem, zwischen selbst und fremd zu unterscheiden: „Ähnlich wie bei einer Impfung wird eine Immuntoleranz durch Konfrontation mit dem Autoantigen aufgebaut“, so Ziegler in Berlin.

Intranasales Insulin wirkt auf die Immunzellen 

Eine Alternative der oralen Aufnahme ist die intranasale Applikation von Insulin. Ihr Vorteil liegt in der besseren Verfügbarkeit und Wirkung auf die Immunzellen der Nasenschleimhaut. Im Rahmen der INIT-II-Studie werden in München derzeit mehr als 100 Kinder und Erwachsene im Alter von drei bis 45 Jahren über ein Nasenspray mit Insulin oder Placebo behandelt. Alle Teilnehmer haben oder hatten mindestens einen Verwandten mit Typ-1-Diabetes und mindestens zwei positive Inselautoantikörper. Die Ergebnisse werden in circa zwei Jahren erwartet.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

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