ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1999Hepatitis A und B: Kombinierter Impfschutz für Kinder empfehlenswert

POLITIK: Medizinreport

Hepatitis A und B: Kombinierter Impfschutz für Kinder empfehlenswert

Dtsch Arztebl 1999; 96(11): A-672 / B-548 / C-516

Tippmann, Marianne E.

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LNSLNS Infektionen, die Kinder und Jugendliche während Auslandsreisen erwerben, können nach der Rückkehr zu epidemischen Krankheitsausbreitungen führen.


Nachdem der Stellenwert der Hepatitis-B-Impfung im Säuglings- und Adoleszentenalter erkannt und durch Aufnahme in den Impfkalender als strategisch unverzichtbar dokumentiert ist, wird jetzt die Einführung einer Hepatitis-A-Routineimpfung im Kindesalter diskutiert - zumal ein kombinierter Hepatitis-A-/-B-Impfstoff verfügbar ist. Dabei stellt sich die Frage, warum alle Kinder geimpft werden sollten, obwohl die Hepatitis A - zumindest im Vorschulalter - meist milde und ohne klinisch faßbare Krankheitszeichen verläuft. Impfbefürworter argumentieren, daß infizierte Kinder, gerade durch das Fehlen typischer Symptome, eine wichtige Rolle als Multiplikatoren des hauptsächlich fäkal-oral übertragenen Hepatitis-A-Virus (HAV) spielen und ein hohes Infektionsrisiko für ihre Umgebung darstellen. "Die Kinder infizieren sich während ihrer ersten Auslandsreise - wobei das wohlgemerkt nicht auf die Tropen beschränkt ist, sondern schon in Südspanien, Griechenland oder in der Türkei passieren kann. Nach ihrer Rückkehr verbreiten sie das Virus in Kindergärten, Schulen, innerhalb der Familie und stecken so die Erwachsenen an", umschreibt Prof. Wolfgang Jilg (Regensburg) die Situation.
Häufig unausweichliche Folge ist eine epidemische Krankheitsausbreitung. Problematisch ist dies für Erwachsene, die in bis zu 80 Prozent der Fälle klinisch manifest erkranken, da mit einem deutlich schwereren Verlauf der Hepatitis A gerechnet werden muß. Wurde die Hepatitis A noch vor kurzem als typische, im Ausland erworbene und nach Deutschland eingeschleppte Reisekrankheit eingestuft, so zwingen laut Jilg die jeweils nach Ferienende beobachteten einheimischen Ausbrüche zum Umdenken: Immerhin müssen nach Mitteilung des Robert Koch-Institutes inzwischen etwa 35 bis 50 Prozent der jährlich für Deutschland angenommenen 50 000 Neuinfektionen als indirekte, durch Indexpatienten verursachte Sekundär- oder Tertiärinfektionen im Inland angesehen werden. Kontakterkrankungen
Typisches Beispiel ist der vom Robert Koch-Institut veröffentlichte Fall eines fünfjährigen Jungen, der infiziert von einer Auslandsreise zurückkehrte und innerhalb von zweieinhalb Monaten 14 Kontakterkrankungen in einer Kleinstadt Sachsen-Anhalts auslöste, von denen zwölf kritisch verliefen. Das Kind, das sich drei Wochen in Pakistan aufgehalten hatte, litt nach seiner Rückkehr lediglich an leichten rezidivierenden Durchfällen, wies jedoch keinen Ikterus auf, so daß an Hepatitis zunächst nicht gedacht worden war. Grund genug, sich auch bei der Hepatitis A für eine generelle Impfung aller Kinder einzusetzen, die aus epidemiologischer Sicht unbedingt zu befürworten ist, wie Kinderarzt Prof. Burghard Stück (Berlin) erklärt. Bleibt die Frage, wann und in welchem Alter? Als Säugling, idealerweise zusammen mit der Hepatitis-BImpfung, oder im Alter von zehn, zwölf Jahren? Und dann gekoppelt mit einer Auffrischung gegen Polio, Diphtherie und Tetanus, was Stück für die sinnvollere Alternative hält - vorausgesetzt, der schulärztliche Dienst ist entsprechend einsetzbar?
Noch scheiden sich an diesen Fragen die Geister, was nicht zuletzt auch durch ungelöste Kostenregulierung bedingt ist. Keinen Zweifel gibt es für Dr. Michael Zinke, Arzt für Kinder- und Jugendmedizin in Hamburg, daß der kombinierten A-/B-Impfung im Säuglings- und Jugendlichenalter impfstrategische Relevanz zukommt: Erstens biete sich mit der gut verträglichen Kombination die ideale Möglichkeit, Kinder frühzeitig gegen zwei der häufigsten Infektionskrankheiten zu schützen und dabei die Zahl der Injektionen gering zu halten. Zweitens bestünde eine wesentliche Option der Impfung im Kollektivschutz. Und schließlich sei die gleichzeitige Immunisierung gegen Hepatitis A und B auch ökonomisch empfehlenswert.
Die Krankenkassen in Baden-Württemberg haben sich bereits für ein gemeinsames Vorgehen gegen Hepatitis A und B entschieden und erstatten die Kombinationsimpfung für Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr; vier weitere Bundesländer - Bayern, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland - sind mit einer Teilerstattung (B-Komponente) nachgezogen. Die Diskussion bleibt in Bewegung. Marianne E. Tippmann

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