ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2014Fortpflanzungsmedizin: Eine stille Revolution

POLITIK

Fortpflanzungsmedizin: Eine stille Revolution

Dtsch Arztebl 2014; 111(25): A-1122 / B-966 / C-914

Richter-Kuhlmann, Eva

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Deutlich ausgeweitet hat sich die Gefrierlagerung von Keimzellen und Embryonen − bis hin zum „Sozial Freezing“. Foto: picture alliance
Deutlich ausgeweitet hat sich die Gefrierlagerung von Keimzellen und Embryonen − bis hin zum „Sozial Freezing“. Foto: picture alliance

Seit der Etablierung der In-vitro-Fertilisation hat sich in der Reproduktionsmedizin viel verändert. Der Deutsche Ethikrat hält eine neue gesellschaftliche Debatte über Chancen und Risiken für notwendig.

Es galt als Schicksal, wenn früher eine Frau keine Kinder gebären konnte. Aber bereits in der Bibel wird ein „Wunder“ beschrieben: Durch Eingreifen Gottes bekam Sarah, die Frau Abrahams, noch in hohem Alter ein Kind. Heute ist Kinderlosigkeit längst kein Schicksal mehr, und Paare sind auch nicht allein auf Gebete angewiesen: Zahlreiche Kinderwunsch-Zentren bieten in Deutschland künstliche Befruchtungen an. Das erste „Retortenbaby“ wurde 1978 gezeugt. Mittlerweile kommen hierzulande jährlich etwa 10 000 Kinder durch assistierte Reproduktion zur Welt − ein Segen für viele Paare. Es häufen sich aber auch die Anfragen von Frauen, die das „Kinder kriegen“ auf ein höheres Lebensalter verschieben möchten – ohne auf ihre Fruchtbarkeit zu verzichten. Auch dies ist heutzutage möglich. Denn die Entwicklung in der Fortpflanzungsmedizin geht (still) Jahr für Jahr weiter und wirft dabei neue ethische und rechtliche Fragen auf. Der Deutsche Ethikrat stellte diese Ende Mai in Berlin in den Mittelpunkt seiner diesjährigen Jahrestagung.

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Gesellschaftliche Relevanz

„Wie ändert sich unser Verständnis von Selbstbestimmung, Familie und Gesellschaft? Welche Chancen und welche Probleme können Eizellspende, Leihmutterschaft und das langfristige Einfrieren eigener Eizellen, das sogenannte Social Freezing, mit sich bringen? Und welcher Handlungsbedarf ergibt sich daraus?“, fragte Prof. Dr. med. Christiane Woopen, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates. Dabei betonte sie, dass es bei der Fortpflanzungsmedizin nicht nur um die Selbstbestimmung des Einzelnen gehe, sondern auch um gesellschaftliche Verantwortung.

Fertige Antworten gab es an diesem Tag jedoch weder von den Mitgliedern des Ethikrates noch von den anwesenden Politikern. Deutlich wurde allerdings, dass angesichts der Entwicklungen in der Fortpflanzungsmedizin eine erneute breite gesellschaftliche Diskussion notwendig ist. Zudem existiert nach Ansicht vieler Experten gesetzlicher Handlungsbedarf, da das geltende Embryonenschutzgesetz einige der neuen Möglichkeiten gar nicht oder nur unzureichend regelt.

Was sich innerhalb der Fortpflanzungsmedizin allein in den letzten Jahren getan hat, erläuterte der Lübecker Reproduktionsmediziner Prof. Dr. med. Georg Griesinger: So sei die bei einer Eizellspende unvermeidbare vorherige Hormonbehandlung optimiert worden. „Gefährliche hormonelle Überstimulationen können mittlerweile nahezu völlig vermieden werden“, erläuterte er. Auch neue Methoden der Selektion von entwicklungsfähigen Embryonen seien inzwischen teilweise auch in der Routine eingeführt worden.

Griesinger wies zudem auf einen neuen „Trend“ hin: auf das „Social Freezing“, das vorsorgliche Einfrieren unbefruchteter Eizellen für eine spätere Schwangerschaft. Möglich machten es neue hocheffiziente Schockgefriermethoden, erklärte der Fortpflanzungsmediziner. Frauen können so unbefruchtete Eizellen in jüngeren Jahren einfrieren und den Kinderwunsch erst jenseits des 40. Lebensjahres umsetzen, wenn beispielsweise der passende Partner gefunden oder ein Karriereschritt abgeschlossen ist.

Neu: „Sozial Freezing“

Die Teilnehmer der Ethikrat-Jahrestagung bewerteten das „Social Freezing“ ganz unterschiedlich. Während sich die Befürworter, wie die Medizinethikerin Prof. Dr. med. Claudia Wiesemann, wehrten, dieses als „Lifestyle-Angebot“ zu stigmatisieren, befürchteten andere neue soziale Zwänge für Frauen. Woopen stellte die Frage, ob die Methode ein Segen sei oder der Versuch, eine schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf in einer Leistungsgesellschaft auf Kosten der Mütter und ihrer Kinder zu lösen.

Dass das „Social Freezing“ rechtlich nicht geregelt sei, gab Prof. Dr. jur. Dagmar Coester-Waltjen von der Universität Göttingen zu bedenken. Sie forderte eine Reform des Fortpflanzungsmedizingesetzes. Neu geregelt werden müssten nach ihrer Ansicht auch die Eizellspende, die Leihmutterschaft sowie die zeitliche Begrenzung für die Kryokonservierung von Zellen, wobei sie sich für eine Liberalisierung aussprach. Zudem plädierte sie für ein bundesweites Register, damit Kinder ihre Abstammung erfahren können.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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LuluStein
am Montag, 18. August 2014, 08:37

Nachteile vom Social Freezing

Zweifellos macht die Reproduktion heutzutage viele Fortschritte. Das ultraschnelle Einfrieren von Eizellen ist eine gute Möglichkeit für die Frauen, die ihre Fruchtbarkeit bewahren möchten. Aber warum spricht niemand von den Nachteilen, die Social Freezing verursacht? Die In-vitro-Fertilisation mit den eingefrorenen Eizellen ist weniger erfolgreich als mit den frischen.

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