ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2014Altersdiagnostik: Einseitig
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Bei uns entsteht der Eindruck, dass die Autoren dieses Artikels eine einseitige und nicht auf einer wissenschaftlichen Basis argumentierende („evidenzbasierte“) Einstellung vertreten, wenn sie sich zur Altersdiagnostik äußern.

Folgende Hinweise sind aus unserer Sicht in dem Beitrag nicht berücksichtigt worden:

  • Der Arzt hat gemäß Berufsordnung auch die Verpflichtung, mit seinem Sachverstand der Allgemeinheit zu dienen. Wenn es also behördlich beziehungsweise gesetzlich bestimmte medizinische Fragestellungen gibt, dann werden Mediziner benötigt, die diese Problematik mit wissenschaftlichen Methoden aufarbeiten (hier: die Arbeitsgemeinschaft für Forensische Altersdiagnostik [AGFAD]).
  • Die Maßgabe „im Zweifel für den Flüchtling“ wird von den Medizinern, die derartige Gutachten anfertigen, stets ausdrücklich berücksichtigt. Ebenso wird penibel darauf geachtet, die Strahlenexposition zu minimieren.
  • Wenn das Alter der Flüchtlinge eindeutig nach oben abweicht (bei angeblich minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen geht es um die Altersgrenze von 18 Jahren), dann gehören diese Personen jedenfalls nicht in Einrichtungen, die eigentlich für Kinder vorgesehen sind. – Dies gebietet nicht nur das Gesetz, sondern auch unsere ärztliche Verpflichtung gegenüber den schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft – den Kindern. Ein Umstand, dem eigentlich gerade Kinderärzte wie die Autoren Rechnung tragen sollten!
  • Die rechtmäßigen Grundlagen für altersdiagnostische Untersuchungen mittels Röntgen sind wiederholt dargestellt worden. Es gibt eben nicht nur eine streng medizinische Indikation für derartige Untersuchungen, sondern auch eine Rechtfertigung auf gesetzlicher Grundlage.
  • Das sogenannte Fazit dieses unter „Themen der Zeit“ publizierten Beitrags geht an der Realität der Zeit vorbei. Insbesondere haben die Autoren offenbar nicht realisiert, dass in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche sehr detaillierte Publikationen zu dieser Problematik vorgelegt worden sind, die im Literaturverzeichnis des Beitrages keinerlei Erwähnung finden.
  • Dass die Ärzte, die derartige altersdiagnostische Beurteilungen vorzunehmen haben, für sich genauso reklamieren, „Untersuchungen ohne Vorurteil“ durchzuführen, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Diese verantwortungsvolle ärztliche Tätigkeit mit Begrifflichkeiten wie „Irrglauben“, „ignorieren“, „ungeeignet“, „entwürdigend“, „obsolet“ zu belegen, ist eine respektlose persönliche Herabwürdigung durch Nowotny, Eisenberg und Mohnike und diskreditiert Kollegen, die von Justiz und den Behörden Fragestellungen zugewiesen bekommen, die unsere Gesellschaft erhebt.

Abschließend noch ein Hinweis:

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Die Arbeitsgemeinschaft für Forensische Altersdiagnostik hat seit dem Jahr 2000 neben der Entwicklung von Empfehlungen für die Gutachtenerstattung regelmäßige Ringversuche zur Qualitätssicherung der Gutachten sowie jährliche internationale wissenschaftliche Tagungen organisiert. – Die Beiträge und Empfehlungen der AGFAD zur forensischen Altersdiagnostik finden auch international starke Beachtung. In praktisch allen Rechtssystemen auf der ganzen Welt spielt die zutreffende Einordnung des Lebensalters eines Menschen eine erhebliche Rolle und ist unverzichtbar im Hinblick auf zahlreiche behördliche und gesetzliche sowie gesellschaftliche Entscheidungen.

Literatur bei den Verfassern

Prof. Dr. med. Klaus Püschel, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, 22529 Hamburg

Prof. Dr. Michael Tsokos, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Charité, 10559 Berlin

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