ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2014Hochschulmedizin: Die Skepsis bleibt

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Hochschulmedizin: Die Skepsis bleibt

Dtsch Arztebl 2014; 111(25): A-1113 / B-957 / C-905

Richter-Kuhlmann, Eva

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Eva Richter-Kuhlmann, Politische Redakteurin in Berlin
Eva Richter-Kuhlmann, Politische Redakteurin in Berlin

Es ist fünf vor zwölf“ – mit Vehemenz warnen die deutschen Universitätsklinika und die Medizinischen Fakultäten schon seit Jahren vor einem finanziellen „Ausbluten“ der Universitätsmedizin, unterstützt jüngst vom 117. Deutschen Ärztetag in Düsseldorf. Nun endlich haben auch die Ministerpräsidenten der Länder mit ihrem Beschluss vom 12. Juni die Sondersituation und damit den finanziellen Mehrbedarf der Hochschulmedizin anerkannt. Sie betrachteten mit Sorge, dass die deutschen Universitätsklinika für das Jahr 2013 ein Rekorddefizit verzeichnen, heißt es darin. Gleichzeitig fordern die Länder-Regierungschefs die Bundesregierung auf, die im Koalitionsvertrag in Aussicht gestellten finanziellen Verbesserungen bei den Extremkostenfällen, den Hochschulambulanzen und der Notfallversorgung „zeitnah zu realisieren“. Zudem müssten die Sonderaufgaben der Hochschulmedizin im System der Krankenhausfinanzierung künftig berücksichtigt werden.

Diese Rückendeckung mag für die Hochschulmedizin ein Hoffnungsschimmer sein. Doch jubeln mögen deren Organisationen vorerst nicht. Daran ändert auch die jüngste Ankündigung von Bun­des­for­schungs­minis­terin Johanna Wanka (CDU) nichts. Sie erklärte Ende Mai, der Weg sei jetzt frei, den Artikel 91 b des Grundgesetzes zu ändern. Mit dem Fall des Kooperationsverbotes soll – wie vor der Föderalismusreform – wieder ein dauerhaftes Engagement des Bundes in Forschung und Lehre an den Hochschulen möglich werden. Zudem will der Bund künftig die Verantwortung bei den Bafög-Zahlungen übernehmen. Die Länder wollen im Gegenzug die dadurch jährlich freiwerdenden rund 1,17 Milliarden Euro den Hochschulen und Schulen zur Verfügung zu stellen.

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Der Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT), Prof. Dr. rer. nat. Heyo K. Kroemer, sieht in dieser Bund-Länder-Vereinbarung jedoch noch keinen Erfolg: „Die Koalitionsparteien haben bisher ja nur ein Eckpunktepapier vorgelegt, das die im Koalitionsvertrag zugesicherten Gelder für Bildungs- und Forschungsausgaben neu regeln soll. Wie dieses Geld dann verteilt wird, und ob auch die Universitätsklinika und Fakultäten einen Teil davon erhalten, ist weiterhin noch völlig unklar“, sagte er dem Deutschen Ärzteblatt. Fest steht für ihn auch, dass der Formulierungsvorschlag keinen flächendeckenden Wiedereinstieg des Bundes in die Hoch­schul­finan­zierung vorsieht. Auch die 1,17 Milliarden Euro, die die Länder in Hochschulen und Schulen investieren wollen, müssten von der Hochschulmedizin sicherlich offensiv eingefordert werden, meint er.

Trotz aller Skepsis: Insgesamt biete der Kompromiss Chancen, räumt Kroemer ein. Entscheidend sei die konkrete Umsetzung. Hier stehen wichtige Entscheidungen noch aus. Ein nächster Meilenstein könnte die Eröffnungsrede der Bun­des­for­schungs­minis­terin zum 75. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentag am 19. Juni in Frankfurt/Main sein. Kroemer: „Wir sind sehr gespannt darauf.“

Eva Richter-Kuhlmann
Politische Redakteurin in Berlin

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 24. Juni 2014, 21:54

MFT mit 36 Medizinfakultäten o h n e hausärztliche Perspektive?

Zum 75. Medizinischen Fakultäten-Tag (MFT) in Frankfurt und seinem Präsidenten, Prof. Dr. rer. nat. Heyo K. Kroemer, kann man nur eine Richtung angeben: Macht es doch so, wie die 18 Profi-Vereine der 1. Fußball-Bundesliga, incl. Nürnberg und Braunschweig, die in die 2. Liga absteigen mussten. Pflegt wie der schwarz-gelbe "BV. Borussia 09 e.V. Dortmund" den Breiten- u n d den Spitzensport g l e i c h e r m a ß e n. Tragt in Lehre, Krankenversorgung und auch Forschung Eure Meisterschaften, Rang- und Hackordnungen nach festen Regeln, einschließlich Torlinien-Kamera und Abseitsfalle bzw. Schieds- und Linienrichter-Entscheidungen aus.

Von mir bekommen a l l e diejenigen 36 Standorte, die den Startschuss zur Einrichtung von Lehrstühlen für Allgemeinmedizin verpasst haben, "gelbe" und "rote" Karten wegen "Blutgrätsche", "gestrecktem Bein", "Abseits", "unfairem Zweikampf", "Notbremse" im Strafraum und "Meckerns" gegen den Schiri.

Liebe Dekane des MFT in Euren erhabenen Elfenbeintürmen, "durchlauchte Spektabilitäten", erleuchtete Kapazitäten, Eminenzen und Magnifizienzen, nehmt Euch doch ein Beispiel an der Fußball-Bundesliga und steigt herab in die Niederungen der ärztlichen Ausbildung und Propädeutik, des medizinischen "Breitensports" mit Anamnese, Untersuchung, (Differenzial)-Diagnostik, Therapie und Palliation.

Vertraut darauf, dass sich Spitzenforschung, Nobelpreise und hochkarätige Innovationen ohne einen soliden Unterbau nun mal nicht entwickeln können. Was nützen die schönsten epidemiologischen, diagnostischen und kurativen "Tools" in OP-, Verfahrens-, Mess- und Medizintechnik, Pharmakotherapie und REHA, wenn sie von der breiten Masse der hausärztlich Tätigen nicht aufgegriffen, akzeptiert, umgesetzt und angewandt werden?

Wie soll die "conditio humana" verbessert und humanisiert werden, wenn nur noch von Ehrgeiz und zu Frustration geronnener Sinnlichkeit zerfressene Gipfelstürmer, Ego- und Monomanen alle Sicherungshaken hinter sich lassend als Erstbesteiger eines bis dato unerforschten Gipfels gefeiert und bewundert werden wollen?

Eine Medizin mit Menschlichkeit, Fortschritt mit Augenmaß und ökonomisch wie ökologisch intelligente Forschung, Wissenschaft und Technologie kann nur gelingen, wenn an der Basis umsichtige Lotsen, "gate- und goal-keeper", vitale und freudvolle Mitarbeiter im "Gesundheits- und Krankheitswesen" als Haus- und Familienärzte in den verschiedenen originären Fachrichtungen empathisch und vernünftig zugleich tätig sind.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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