ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2014Körperbilder: Cindy Sherman (*1954) – Weibliche Rollenspiele

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Cindy Sherman (*1954) – Weibliche Rollenspiele

Dtsch Arztebl 2014; 111(25): [84]

Schuchart, Sabine

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Cindy Sherman: „Untitled #216“, 1989, Chromogener Farbabzug, 221,3 × 142,5 cm: Mit Spaß an der eigenen Kostümierung persifliert die Künstlerin ein mehr als 550 Jahre altes Gemälde des französischen Hofmalers Jean Fouquet. Den kugelförmigen Busen der „Melun-Madonna“ befestigte sie als künstliche Attrappe über ihrer Brust. © Cindy Sherman. Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York
Cindy Sherman: „Untitled #216“, 1989, Chromogener Farbabzug, 221,3 × 142,5 cm: Mit Spaß an der eigenen Kostümierung persifliert die Künstlerin ein mehr als 550 Jahre altes Gemälde des französischen Hofmalers Jean Fouquet. Den kugelförmigen Busen der „Melun-Madonna“ befestigte sie als künstliche Attrappe über ihrer Brust. © Cindy Sherman. Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York

Sie ist in so viele verschiedene Rollen geschlüpft, dass niemand sagen kann, wer Cindy Sherman wirklich ist – eine von der Künstlerin beabsichtigte Wirkung: „Ich mag über eine bestimmte Geschichte oder Situation nachdenken, aber ich bin nicht diese Person, auch wenn ich in der Arbeit vorkomme.“ „Untitled #216“ gehört zu ihren 1989 und 1990 entstandenen History Portraits, einer Serie von 35 Kompositionen, die zu hoch bezahlten Klassikern der Fotokunst avancierten. Darin führt sie ihren Körper wie in einer Performance in schriller Künstlichkeit und aufwendiger Verkleidung vor – inspiriert von den Porträts Alter Meister, um konstruierte Realitäten von Schönheit und Weiblichkeit aufzudecken.

Eine Bildikone des 15. Jahrhunderts, Jean Fouquets Madonna von Melun, die die Gesichtszüge von Agnès Sorel, der Mätresse König Karls VII. tragen soll, diente ihr in „Untitled #216“ zum glamourösen Auftritt als neuzeitlicher Himmelskönigin. Während Fouquets Jungfrau jedoch als blasse, versteinert wirkende Gestalt in grauem Satin und weißem Hermelin Weltmacht verkörpert, präsentiert sich Sherman – seitenverkehrt – als moderne Variante sonnengebräunt in leuchtendem Türkis und Gold. Beide kennzeichnet dieselbe majestätische Haltung. „Fouquets modern anmutende Farbkomposition und die Eleganz und Schönheit dieses Gemäldes scheinen für Sherman eine besondere Herausforderung gewesen zu sein. Fouquets Gemälde ist künstlich wie Shermans exakte Nachstellung“, argumentiert die Kunsthistorikerin Christa Döttinger in ihrer Bildanalyse.

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Ein gravierender Unterschied fällt ins Auge: In ihrem Foto-Remake eliminierte die Amerikanerin die religiösen Merkmale des Gemäldes wie die Schar roter und blauer Engel und versteckte das zuvor nackte Christuskind in weißem Tuch. Bildgetreu formte sie die üppige nackte Brust nach, die aus dem Mieder ragt – in der christlichen Tradition der „Virgo lactans“, der Jungfrau als nährender Mutter, die Verkörperung göttlicher Gnade, bei Sherman dagegen ein Plastikteil wie von einer Sexpuppe. Ohne jede Ehrfurcht vor der Kunstgeschichte kritisierte die Künstlerin die spätgotische Darstellung der weiblichen Anatomie in der Bild-Vorlage: „Der Busen sieht aus wie die Hälfte einer Pampelmuse.“ Sabine Schuchart

Ausstellung

„Cindy Sherman – Untitled Horrors“

Kunsthaus Zürich, Heimplatz 1, Zürich, www.kunsthaus.ch;

Fr.–So. + Di. 10–18, Mi./Do. 10–20 Uhr;

bis 14. September

Döttinger C: „Cindy Sherman. History Portraits“, gebundene Ausgabe, 72 Seiten, 100 Abbildungen, Schirmer/Mosel 2012; 24,80 Euro

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