ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2014Zur Fussball-Weltmeisterschaft: Brasiliens Gesundheitswesen – keine runde Sache

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Zur Fussball-Weltmeisterschaft: Brasiliens Gesundheitswesen – keine runde Sache

Dtsch Arztebl 2014; 111(25): A-1126 / B-968 / C-916

Schmitt-Sausen, Nora

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König Fußball soll Brasilien in kollektives Entzücken versetzen. Doch abseits des Fußballfestes gerät die soziale Schieflage des Landes in den Blickpunkt. Vor allem im Gesundheitswesen sind die Defizite groß.

Es gärt in Brasilien: Die Bürger beklagen die hohen Ausgaben für die Fußball-Weltmeisterschaft, von der nur einige wenige profitieren. Foto: picture alliance
Es gärt in Brasilien: Die Bürger beklagen die hohen Ausgaben für die Fußball-Weltmeisterschaft, von der nur einige wenige profitieren. Foto: picture alliance

Sonne, Samba, Partystimmung: Der Plan des Fußballweltverbandes Fifa und der brasilianischen Regierung war eigentlich ganz einfach. Ihrer Ansicht nach war kein Land besser als WM-Austragungsort geeignet als das der fußballverrückten Brasilianer. Doch der Plan ging nicht auf. Das Mega-Event wird seit vergangenem Sommer von sozialen Unruhen begleitet. Zu Hunderttausenden gingen Brasiliens Bürger damals auf die Straße. Selbst Brasilienexperten waren von der Dynamik des Protests überrascht. Seitdem gärt es im Land. Brasiliens Bürger beklagen die hohen Ausgaben für das Turnier. Sie kritisieren, dass nur einige wenige von dem Spektakel profitieren, während das Gros der Bevölkerung keinen Nutzen daraus ziehen kann. Viele sähen das Staatsgeld statt in Mega-Stadien lieber in das marode Bildungswesen des Landes investiert oder – ein Kernpunkt der Proteste – in das Gesundheitssystem.

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Mehr Ärzte für das Land

Zumindest mit Blick auf die Defizite im Gesundheitswesen wurde der Ruf der Bürger erhört. Als Reaktion auf die Proteste legte Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff im vergangenen Jahr das ambitionierte Programm „Mais Médicos“ (Mehr Ärzte) auf. Sie öffnete das Land für ausländische Mediziner, um dem chronischen Ärztemangel zu begegnen, mit dem Brasilien seit Jahren kämpft. Mehr als 50 000 Ärzte fehlen im Land. Die Mediziner aus dem Ausland sollen helfen, die massiven Versorgungslücken zu schließen, die vor allem in ländlichen Regionen in Brasilien herrschen.

Die Initiative war erfolgreich: Innerhalb weniger Monate sind 13 000 ausländische Ärzte nach Brasilien gekommen. Die meisten von ihnen stammen aus Kuba. Der sozialistische Inselstaat ist bekannt für seine gut ausgebildeten Ärzte und die Bereitschaft, diese bei Bedarf zu Hilfseinsätzen ins Ausland zu schicken. Bei der brasilianischen Ärzteschaft löste das Programm der Regierung heftigen Protest aus (wir berichteten), die Bevölkerung aber nahm den unkonventionellen Schritt zur Soforthilfe wohlwollend auf. Laut Umfragen sind 80 Prozent der Brasilianer mit dem Programm zufrieden. Die ausländischen Mediziner haben zunächst eine Arbeitserlaubnis für drei Jahre.

Doch Brasiliens Regierung weiß, dass die Kuba-Initiative nur ein Zwischenschritt ist, um die vielen Defizite im staatlichen Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen. Debatten, das System grundlegend zu reformieren, laufen. Eine Überlegung: Junge brasilianische Ärzte, die im staatlichen System ausgebildet werden, sollen künftig dazu verpflichtet werden, zwei Jahre im öffentlichen Sektor Dienst zu tun. Es gibt Rufe, das System – Sistema Unico de Saude – zu privatisieren.

Brasiliens staatliches Versorgungsnetz kämpft seit vielen Jahren mit tiefen strukturellen Problemen. Zu dem chronischen Ärztemangel gesellt sich ein chronischer Geldmangel. Das System leide sowohl unter einer schlechten Ausstattung von Krankenhäusern und Gesundheitsstationen als auch unter einer ineffektiven Verwaltung, die das Geld nicht dort einsetze, wo es benötigt wird, ergeben Analysen. Auch Korruption ist immer wieder ein großes Thema. In einem Bulletin der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) beklagt Francisco Eduardo de Campos, einer der versiertesten Gesundheitsexperten Brasiliens und ehemaliger Regierungsmitarbeiter, die „immense Unterfinanzierung“ und den „prekären Zustand“ einiger Krankenhäuser. Im Jahr 2007 ist das Budget für das staatliche Versorgungsnetz auf Grund von weggefallenen Steuereinnahmen um ein Viertel reduziert worden.

Die Missstände sind für die Bürger deutlich spürbar. Medienberichten zu Folge leben in den abgelegenen Regionen oder auch in den sozial schwachen Randgebieten der Großstädte Menschen, die seit Jahren keinen Arzt zu Gesicht bekommen haben. In den Städten gehören monatelange Wartezeiten für Behandlungstermine zum Alltag. Laut Meinungsumfragen ist „in keinem anderen Politikfeld die Unzufriedenheit der Brasilianer größer als in der Gesundheitspolitik“, analysiert die deutsche Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing GTAI.

Dennoch: Grundsätzlich gilt Brasiliens Gesundheitswesen als vergleichsweise fortschrittlich. Das Land hat verstanden, dass ein intaktes Gesundheitswesen ein Grundpfeiler für eine Gesellschaft ist. Der Zugang zum System ist für alle Brasilianer frei. Bei einer Bevölkerung von knapp 200 Millionen Menschen eine Mammutaufgabe. Brasiliens Regierung hat in der Vergangenheit stark in das System investiert, etwa mit Blick auf die Krebsvorsorge und –therapie. Auch bei der Ausbildung von medizinischem Personal wie Krankenschwestern hat das einstige Entwicklungsland seit den 70er Jahren viel erreicht, um dem wachsenden Versorgungsbedarf seiner Bevölkerung gerecht zu werden.

Elite flieht in privaten Sektor

Der Health Data Report der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beziffert die Gesundheitsausgaben Brasiliens auf 8,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (Jahr 2011). Damit liegt das Land nur geringfügig unterhalb des OECD-Durchschnitts von 9,3 Prozent. Allerdings: Brasilien schneidet laut OECD unterdurchschnittlich bei den Gesundheitsausgaben je Bürger ab. Hier stehen 1 043 US-Dollar einem Durchschnitt von 3 339 Dollar gegenüber. Der Mangel an medizinischem Personal ist eklatant: Auf 1 000 Einwohner kommen in Brasilien nur 1,8 Ärzte (OECD-Durchschnitt: 3,2). Gerade einmal 1,5 Krankenschwestern stehen statistisch gesehen für dieselbe Anzahl von Einwohnern bereit (8,7 sind es im OECD-Durchschnitt). Es gibt nur halb so viele Krankenhausbetten, wie es durchschnittlich in den OECD-Ländern der Fall ist.

Von einem „universalen und gleichberechtigten Zugang“ zur Gesundheitsversorgung, wie ihn Brasiliens Gesetz vorsieht, ist man in der Realität weit entfernt. Wer es sich leisten kann, flüchtet in den aufstrebenden privaten Sektor. Doch dies gilt auch in Brasilien, wie üblich, nur für die Elite.

Ob König Fußball das soziale Ungleichgewicht im Land überstrahlen kann? Die Antwort auf diese Frage gibt es erst nach dem Abpfiff des Endspiels am 13. Juli.

Nora Schmitt-Sausen

Hilfe aus Kuba

Der Vorstoß der brasilianischen Regierung, den Ärztemangel im Land mithilfe ausländischer, insbesondere kubanischer Mediziner auszugleichen, machte über die Landesgrenzen hinaus Schlagzeilen. Kritik wurde laut, als bekannt wurde, dass der Löwenanteil des Honorars, das Brasilien für den Hilfseinsatz zahlt, nicht bei den Ärzten aus Kuba ankommt. Der kubanische Staat kassiert bei der Aktion kräftig mit. In der Debatte um die Honorierung wurden gar Sorgen laut, dass einige kubanische Ärzte ihren Aufenthalt in Brasilien als Sprungbrett nutzen würden, um sich aus dem sozialistischen Staat abzusetzen. In den USA wurden vereinzelt Fälle bekannt, dass kubanische Ärzte aus Brasilien heraus Asyl beantragt haben. Bisher sind dies jedoch Einzelfälle geblieben, und die Sorgen, die brasilianische Regierung habe sich durch „Mais Médicos“ ein Eigentor geschossen, bestätigten sich nicht.

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Sergio Dani
am Sonntag, 29. Juni 2014, 15:59

Die tatsächlichen Ursachen für die Proteste

Oft ergeben Meinungsumfragen die Ergebnisse, die die Fragesteller erzielen. Somit werden manche Experten oft von der Realität überrascht. Die Proteste in Brasilien sind nicht an das marode Gesundheitswesen und an das schlechte öffentliche Bildungswesen Brasiliens, sondern an die Korruption, der regierenden Inkompetenz und der getarnten Diktatur des PT, der Arbeiterpartei von Frau Dilma Rousseff und Herrn Lula da Silva, gerichtet. Uter dem PT wurde der brasilianische Staat zunehmend von privaten Körperschaften wie z.B. dem Fußballweltverband FIFA übernommen, eine Staatspolitik gibt es solange nicht mehr. In einem großen Land wie Brasilien liegt die Hauptstadt Brasilia zu weit von der Bevölkerung entfernt, dafür aber zu nah der beruflichen Politiker und Lobbyisten. Die Weltmeisterschaft und die damit verbundene globale Öffentlichkeit ergeben sich als einzigartige Gelegenheit für die Bekanntmachung der Unzufriedenheit des brasilianischen Volks. Bei der Eröffnung der WM 2014 in einem Fußballstadium in São Paulo wurden die dort anwesenden Regierungschefin Dilma Rousseff und FIFA Vertreter mit schlimmsten Schimpfwörtern von tausenden von Fußballfans beschimpft. Laut Itamaraty, das brasilianische Ministerium für Außenpolitik, verließen über 3 Millionen Brasilianer unsere Heimat, davon 20% hoch qualifizierte Arbeitskräfte, darunter viele Ärzte, die jetzt in Länder wie USA und Deutschland beruflich tätig sind. Tausende von kubanischen Ärztinnen und Ärzte fliehen nicht aus der Sklaverei in Brasilien oder Kuba in andere Länder wie USA oder Deutschland vielmehr, weil ihre in Kuba erworbene Ausbildung in solchen Länder nicht als medizinische Ausbildung anerkannt wird. In Brasilien hingegen, unter der getarnten Diktatur Rousseffs und gegen die Entscheidung unserer Ärztekammer dürfen sie ungestört weiter arbeiten. Weder die Gesundheitslage, noch die Volkswirtschaftslage Brasiliens werden dadurch besser, sondern eher schlechter, wie die Proteste vehement gezeigt haben. (Beigetragen von LD Dr.med. DSc. Sergio Ulhoa Dani, der seit 2010 in Deutschland ärztlich und wissenschaftlich tätig ist).

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