ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2014Perioperative Prophylaxe kardiovaskulärer Komplikationen: ASS perioperativ reduziert nicht die Herzinfarktrate

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Perioperative Prophylaxe kardiovaskulärer Komplikationen: ASS perioperativ reduziert nicht die Herzinfarktrate

Dtsch Arztebl 2014; 111(25): A-1144 / B-983 / C-930

Heinzl, Susanne

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Myokardinfarkte sind die häufigste vaskuläre Komplikation nach nichtkardialen Operationen, verursacht durch eine Thrombozytenaktivierung und dem Risiko für Thromben in den Koronarien. Mit Acetylsalicylsäure (ASS) soll die Thrombozytenaggregation während und nach der Operation gehemmt werden. Es gibt zwar deutliche Hinweise, dass ASS kardiovaskuläre Ereignisse nach nichtkardialen Operationen verhindern kann, aber Unsicherheit zum Nutzen-Risiko-Verhältnis. In der POISE-2-Studie* wurden Wirksamkeit und Sicherheit von perioperativer ASS in niedriger Dosierung im Vergleich zu Placebo untersucht. 10 010 Patienten im Alter über 45 Jahren wurden aufgenommen. Sie wurden operiert (nicht am Herzen) und hatten eine koronare Herzkrankheit oder eine periphere arterielle Verschlusskrankheit, einen Schlaganfall in der Anamnese oder schon eine Gefäßoperation. Die Patienten erhielten randomisiert Placebo oder 200 mg ASS direkt vor der Operation und dann 100 mg/Tag über 30 Tage. Patienten, die schon vor der Operation regelmäßig ASS eingenommen hatten, stoppten die Einnahme spätestens 72 Stunden vor der Operation, nahmen dann 200 mg Acetylsalicylsäure direkt vor der Operation, dann für 7 Tage 100 mg und anschließend in der Dosis wie vor der Operation. Die Patienten wurden danach stratifiziert, ob sie bislang schon ASS nahmen oder nicht.

Der primäre Endpunkt, die Kombination von Tod oder nichttödlichem Myokardinfarkt in den ersten 30 Tagen nach Operation, trat bei 7,0 % (351/4 998) der Patienten der ASS-Gruppe und bei 7,1 % (355/5 012) in der Placebo-Gruppe auf (Hazard-Ratio 0,99; 95-%-Konfidenzintervall [KI] 0,86–1,15; p = 0,92). Schwere Blutungen waren in der ASS-Gruppe häufiger als unter Placebo (HR 1,23; 95-%-KI 1,01–1,49; p = 0,04), die Myokardinfarkt-Rate in beiden Strata ähnlich.

Primärer kombinierter Endpunkt der POISE-2-Studie nach 30 Tagen (Kaplan-Meier-Schätzungen)
Primärer kombinierter Endpunkt der POISE-2-Studie nach 30 Tagen (Kaplan-Meier-Schätzungen)
Grafik
Primärer kombinierter Endpunkt der POISE-2-Studie nach 30 Tagen (Kaplan-Meier-Schätzungen)

Fazit: Die perioperative Gabe von ASS verringert im Vergleich zu Placebo die Häufigkeit von Todesfällen und nichttödlichen Myokardinfarkten nicht, erhöht jedoch das Risiko für schwere Blutungen. „Das kann in der Versorgungsforschung passieren: Wenn eine in den Empfehlungen und Leitlinien anerkannte Regel – in diesem Fall die peri-operative Fortführung von Acetylsalicylsäure zur Sekundärprävention bei arteriellen Gefäßerkrankungen – aus einer anderen Perspektive betrachtet und untersucht wird, wird diese infrage gestellt,“ so der Kommentar von Prof. Dr. med. Michael Spannagl, Klinikum der Universität München, zu den Ergebnissen dieser Studie. Seiner Meinung nach unterstützen diese eine individuelle Risikoeinschätzung des perioperativen Blutungs- und Thromboembolierisikos und nicht ein pauschales Vorgehen: „Eine signifikante Risikoerhöhung für perioperative Blutungskomplikationen durch ASS ist bekannt, entscheidend ist jedoch der kombinierte Endpunkt aus Blutung und Thromboembolie.“ Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

Devereaux PJ, et al.: Aspirin in patients undergoing noncardiac surgery. NEJM 2014; 370: 1494–503. MEDLINE

*POISE-2-Studie: Perioperative Ischemic
Evaluation Study 2

Primärer kombinierter Endpunkt der POISE-2-Studie nach 30 Tagen (Kaplan-Meier-Schätzungen)
Primärer kombinierter Endpunkt der POISE-2-Studie nach 30 Tagen (Kaplan-Meier-Schätzungen)
Grafik
Primärer kombinierter Endpunkt der POISE-2-Studie nach 30 Tagen (Kaplan-Meier-Schätzungen)

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