ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2014Schach: „Abgemagert, gelb und nahezu stumpfsinnig“

SCHLUSSPUNKT

Schach: „Abgemagert, gelb und nahezu stumpfsinnig“

Dtsch Arztebl 2014; 111(26): [64]

Pfleger, Helmut

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Was ist der Unterschied zwischen den besten Spielern der Welt und den Teilnehmern des Deutschen Ärzteschachturniers? Es gibt keinen. Die einen wie die anderen reisen voller guter Vorsätze zum Turnier an, gar nicht selten schon vorher, um sich einzuspielen. Da kann man beispielsweise Dr. med. Volker Klein aus Sonthofen und Dr. med. Ulrich Zimmermann aus Marburg das Schachbrett einmal in einem Café in Bad Neuenahr, das andere Mal in Ahrweiler zwischen sich aufbauen und dann, Ort und Zeit vergessend, in der Zauberwelt von Springern, Läufern und Türmen versinken sehen. Wie unrecht hatte doch Goethe: „Ich wollte lieber das Geheul der Totenglocke, lieber das Gebell des knurrigen Hofhunds hören als von Läufern, Springern und anderen Bestien das ewige ‚Schach dem König!’“ (Götz von Berlichingen). Nun, immerhin lehrte er seinen Sohn August Schach und befand, dass dieses Spiel ein „Probierstein des Gehirns“ sei.

Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer

Dummerweise will das Gehirn gelegentlich nicht so, wie man sich das vorstellt, zerschellen die guten Vorsätze an der harten Wirklichkeit und der List des Gegners. Abhilfe tut not. Also eilt man in den Rundenpausen an den Mädlerschen Buchstand im Foyer des Kursaals und ersteht dort die letzten Geheimnisse der Königsindischen Verteidigung oder den „Tigersprung“ des großartigen Artur Jussupow (Dr. med. Friedemann Mack weiß, wovon ich schreibe).

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Sollte aber alles nichts helfen, so kann man sich immer noch mit großen Geistern trösten, die auch vor Misserfolgen nicht gefeit waren.

So studierte zwar Karl Marx in seiner Londoner Zeit oft nächtelang das „Königsgambit“, um dann doch ein ums andere Mal gegen Karl Liebknecht zu verlieren, so dass schließlich seine Haushälterin im Namen von Frau Marx diesen aufsuchte und darum bat, nicht mehr zum Schachspielen zu kommen, denn „Mohr“ (der Spitzname von Marx) sei danach immer furchtbar aufgebracht.

Vielleicht sei auch an Voltaire erinnert, der ausgerechnet gegen Père Adam, einen katholischen Priester, immer wieder verlor. Am Hofe Friedrichs des Großen war Voltaire gefürchtet, weniger seiner Spielstärke wegen, sondern weil er bei Verlusten leicht auch all seinen philosophischen Gleichmut verlor und mit Figuren um sich warf.

Noch etwas Rousseau gefällig? Nachdem dieser im legendären Pariser Café de la Régence Diderot besiegte hatte, wollte er unbedingt selbst Philidor, den damals stärksten Spieler der Welt übertrumpfen: „Ich schloss mich in meinem Zimmer ein und verbrachte die Tage und Nächte damit, alle Spielmöglichkeiten meinem Kopf einzutrichtern und ohne Ende mit mir selber zu spielen. Nach zwei oder drei mit dieser ,schönen Arbeit‘ (sic!) unter ungeheuren Anstrengungen verbrachten Monaten begab ich mich, abgemagert, gelb und nahezu stumpfsinnig, ins Kaffeehaus.“

Natürlich wurde es ein Desaster. Doch Gott sei Dank kann all dies nur Philosophen passieren. Schnell reines Ärzteschach.

Scheinbar sind im weißen Lager von Dr. med. Albrecht Scharkowski alle Einbruchsfelder, vorrangig c1, bestens abgedeckt. Doch mit einem listigen Manöver konnte Dr. med. Lutz Schäfer als Schwarzer am Zug trotzdem gewinnen, wobei sein Bauer b3, dieser „Pfahl im weißen Fleische“, Unterpfand des Sieges war. Wie kam’s?

Lösung:

Nach dem unscheinbaren Läuferrückzug 1. . . . Lf8! drohte furchtbar 2. . . . Lxa3! Selbst 2. a4 konnte diese Gefahr nicht mehr abwenden, nach 2. . . . La3! gab Weiß schon auf, weil nach 3. bxa3 b2 der Freibauer sich in eine neue Dame verwandelte, ansonsten aber der wichtige Bauer b2 fiele.

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