ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2014Veit Krenn: Eine Kunst von wissenschaftlicher Schönheit

KULTUR

Veit Krenn: Eine Kunst von wissenschaftlicher Schönheit

Dtsch Arztebl 2014; 111(26): A-1218 / B-1052 / C-994

Schnalke, Thomas

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Der Trierer Pathologe zeichnet, malt und fertigt handliche Skulpturen, die er oftmals in Bronze übertragen lässt.

Niere auf Steinsockel; Bronze, Originalgröße 5×5×10 cm
Niere auf Steinsockel; Bronze, Originalgröße 5×5×10 cm

Unter der Haut öffnet sich eine eigene Welt: merkwürdig geformte Organe, die sinnreich ineinandergreifen; weitverästelte Strukturen, die alles miteinander verbinden sowie Versorgung und Bewegung sicherstellen; dichte Gewebe, die – mal loser, mal fester – Zusammenhalt gewährleisten und basale Austauschvorgänge fördern; Millionen von Zellen, ewig gleich und doch in ihrem Vermögen grundverschieden; schließlich in und um die Zellen wässrige Milieus, die mit ihren Molekülen alles das bewirken, was organisches Leben auszumachen scheint, im Gesunden, wie in der Antwort auf das Kranke.

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Blicke unter die Haut bieten von jeher eine Quelle der Inspiration, für Künstler wie für Wissenschaftler, für Leonardo da Vinci und Andreas Vesal. In den Künstlerateliers wie in den anatomischen Theatern an den Universitäten oder in den Metropolen und Residenzen der frühen Neuzeit fragten diese Forscher beim Blick nach innen – hinter die Kulissen des Integuments –, was den Menschen formt, was ihn bewegt, bedingt und letztlich auch bestimmt. Sie eröffneten den Körper, sezierten, manche lernten bald auch schon das Mikroskopieren. Sie beobachteten, bestimmten und beschrieben, was sie sahen. Nicht wenige von ihnen bildeten zudem ab, was sie erkannten und darüber hinaus, oft spekulativ zunächst, vermuteten. Wie Nikolaus Kopernikus. Wie Galileo Galilei. Im Zeichnen, Formen, Präparieren und Modellieren erwarben sie Wissen, kamen weiter und immer weiter: dem Leben auf der Spur.

Auf diesen Spuren wandelt seit 1990 auch Veit Krenn. Der Trierer Pathologe mit österreichischen Wurzeln kommt 1960 in Philadelphia, an der Ostküste der USA, zur Welt. Ein künstlerisches Gen ist ihm in die Wiege gelegt. Sein Vater Hans Krenn (1932–2007) wirkt sehr erfolgreich als Maler im Umkreis der Wiener Fantastischen Realisten. Den Sohn, Veit Krenn, zieht es zunächst jedoch in die Medizin. Er studiert in Wien und Bochum. Wissenschaftlich faszinieren ihn Embryo und Epithelien, vor allem jedoch Strukturen und Mechanismen in und um die Synovialmembran bei chronisch degenerativen Gelenkerkrankungen. Veit Krenn wird Immunologe und Rheumapathologe. Einer ersten Promotion in Wien folgt eine zweite in Würzburg. Schließlich akzeptiert er im Jahr 2000 einen Ruf in das von Rudolf Virchow begründete Institut für Pathologie an die Berliner Charité. Als Professor für experimentelle Infektionspathologie entwickelt er mit Kollegen unter anderem einen Synovialitis-Score für die Praxis und geht schließlich selbst auch in die Praxis. 2005 wechselt er an das Trierer Institut für Pathologie. Soweit sein Leben für die Medizin.

Orientierung schaffen

Was aber bewegt Veit Krenn in der Kunst? Krenn zeichnet, malt und fertigt handliche Skulpturen, die er oftmals in das dauerhafteste Material übertragen lässt, das die Kunst nach wie vor bis heute kennt – Bronze. In seinem künstlerischen Schaffen folgt er einem Impuls, den er auch als wissenschaftlich ambitionierter Diagnostiker verspürt. Der Blick durch das Mikroskop in die Tiefen menschlichen Gewebes, in die kleinen und kleinsten Strukturen des Körpers offenbart – das weiß jeder Mediziner aus seinen Lehr- und Wanderjahren – ein weites Land zunächst irritierend schillernd-vielgestaltiger Formationen: Gehöfte, Buchten und Lakunen.

Raues endoplasmatisches Retikulum auf Steinsockel; Bronze; Originalgröße 3×3×25 cm
Raues endoplasmatisches Retikulum auf Steinsockel; Bronze; Originalgröße 3×3×25 cm

Hierin gilt es, den Blick festzusetzen, Orientierung zu schaffen und Ordnung zu stiften, Elemente der Einheit und basale Strukturen zu entdecken und wieder und wieder zu erkennen. Es geht um Zellen, Matrizen, Gefäße und Oberflächen, darum, deren Funktionen zu ergründen, im Einzelnen, wie auch im komplexen Zusammenspiel. Ziel ist es, den dahinter liegenden Bauplan sowie die Entwicklungsprozesse und Verläufe zu begreifen und die Formung aller Teile in räumlich-dreidimensionaler Fassung bis hinauf zur Ebene komplexer Gewebe und Organe nachzuvollziehen, das Leben sozusagen in seiner inneren Gestaltung zu rekapitulieren und in seinem momentanen Status festzustellen, um letztlich das normale Gesunde vom abweichend Kranken unterscheiden zu lernen.

Aus dem millionenfach geübten Blick ins Mikroskop, der Betrachtung und Befundung des niemals immer Gleichen zeichnen sich für Veit Krenn Muster ab, nehmen einzelne Gebilde Form und Farbe an, die einen schemenhaft und instabil, die anderen deutlicher und dauerhaft. Kleine Sonnen, Schlösser, Seitenstraßen; Wälle, Wände. Krenn hält diese Bilder in kleinformatigen Mischarbeiten fest, rasch ausgeführt in zwei intensiven Werk- und Arbeitsstunden: überall, zu Hause oder unterwegs. B-Zellen, T-Zellen, Molekülkaskaden, die gesamte Immunologie gelangt hier zum Ausdruck. Und noch viel mehr: Es ist der gesamte Kosmos im Inneren des Organischen, der sich zur Gestalt verdichtet, Inspiration verleiht und auch gleich weiterführt über das konkret Gesehene und abgeleitet Vermutete hinaus ins Freie, ins Imaginär-Visionäre der reinen Kunst.

Immer in Bewegung

Krenns kleine Mischarbeiten sind Werke eigener Güte. Komplementär setzen sie allerdings voraus, was der Medizinerkünstler auf makroskopischer Ebene aufgreift und bis ins Skulpturale weiterführt. Sein Verstehen und Erahnen von Formen, Farben und Funktionen zieht er letztlich exemplarisch hoch ins Große: Eine Zellmembran, ein Chromosom, 20 Zentimeter lang gestreckt, zunächst in Aeroplast modelliert, in Bronze schließlich umgegossen auf schmalen, schlanken Sockeln. Dramatischer noch ein gewagter nahezu architektonisch anmutender Entwurf – ein endoplasmatisches Retikulum mit Ribosom. Um körpernahe Stücke handelt es sich dabei zweifellos, direkt abgegriffen aus der lebendigen Struktur. Doch es ist immer auch noch mehr: Stets sind die Formationen bei Krenn weitergedacht, in das Räderwerk, die Häuserwelt, in den Tanz und die Bewegungen, in die Utopien des Menschseins hinein. In Krenns Werken lässt sich hin und wieder auch die ganz offensichtliche Makroskopie wiederfinden – eine Niere, ein Gehirn, ein Kniegelenk. Doch all diese Stücke spiegeln nie die reine Morphologie wider. Diese Werke, obwohl in starren Materialien arretiert, sind immer in Bewegung. Dynamisch gespannt oder rasant und explosiv.

Rezeptor-Ligand-Interaktion auf Metallsockel (Metallsockel von Steinmann-Design); Bronze, Originalgröße 5×5×8 cm. Fotos: www.classteinmann.com
Rezeptor-Ligand-Interaktion auf Metallsockel (Metallsockel von Steinmann-Design); Bronze, Originalgröße 5×5×8 cm. Fotos: www.classteinmann.com

So schließen sich im wissenschaftlichen und künstlerischen Schaffen die Kreise bei Veit Krenn. Was er in seinen grafischen und plastischen Werken herausstellt, ist eine Art inneres Gesicht, ein Porträt des Ens humanum in seinen zentralen Konfigurationen, Bewegtheiten, Krümmungen und Verwerfungen. Zutage kommen tiefe Einsichten, gepaart mit kühnen Visionen in einer Kunst von wissenschaftlicher Schönheit.

Prof. Dr. med. Thomas Schnalke,
Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité

@Kontakt zum Künstler:
www.veitkrenn.de

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