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Nürnberg Medical School: Streit um Neues Modell

Medizin studieren, 3/2014: 24

Richter-Kuhlmann, Eva

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Foto: picture alliance [m]
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Eine österreichische Privathochschule bietet ab dem Wintersemester ein Medizinstudium in Nürnberg an.

Ein neues Modell des Medizinstudiums steht in Deutschland am Start und schlägt schon vor der Immatrikulation der ersten Studierenden Wellen: 50 Abiturienten werden ab August am städtischen Krankenhaus Nürnberg, das mit der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg (PMU) kooperiert, Medizin studieren. Kostenpunkt: 67 500 Euro. Nach fünf Jahren sollen sie mit einem österreichischen Studienabschluss und nach österreichischem Recht die Approbation erhalten. Nach dem EU-Niederlassungsrecht können sie dann in jedem Mitgliedsstaat als Arzt arbeiten. Kann dies helfen, den Ärztemangel zu mindern, oder sinkt die Qualität der Ausbildung zum Arzt – darüber scheiden sich die Geister.

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Der Medizinische Fakultätentag (MFT) jedenfalls hat diesem Studiengang gegenüber starke Vorbehalte. Es fehle vor Ort die Vorklinik, in der die Studierenden an einer Universität die naturwissenschaftlichen und medizinischen Grundlagen erlernen können, erläutert Dr. Volker Hildebrandt, Generalsekretär des MFT. Eine enge Verzahnung von Theorie und Praxis sei somit nicht möglich. Die klinische Lehre würden im besten Fall außerplanmäßige Professoren ohne die für Lehre und Forschung notwendigen Ressourcen übernehmen.

In der Tat werden die Studierenden von Nürnberg die Vorlesungen in den naturwissenschaftlichen Grundfächern von Professoren der Technischen Hochschule Nürnberg, einer ehemaligen Fachhochschule, hören. Der Geschäftsführer der Klinikum Nürnberg Medical School GmbH, Dr. Stephan Kolb, verteidigt gegenüber Medizin Studieren die Organisation des Medizinstudiums in Nürnberg: „Die Professoren der Technischen Hochschule Nürnberg sind nicht nur sehr lehrerfahren und können den Stoff kompetent vermitteln, sie haben teilweise auch an anderen medizinischen Fakultäten gelehrt“, sagt er. „Es ist nicht anders bei uns als an staatlichen Universitäten. Dort werden auch verschiedene Lehrende tätig. Nicht jede Vorlesungsstunde und jedes Seminar werden vom Klinik-Chef und Lehrstuhlinhaber persönlich gehalten.“ Für die Fächer Anatomie und Physiologie entstehen am Nürnberger PMU-Standort Professuren und Abteilungen, die Kolb zufolge „eine forschungsgeleitete Lehre“ praktizieren und von Salzburg aus fachlich geleitet werden. „Grundsätzlich gelten in Nürnberg vergleichbare Voraussetzungen für die Durchführung eines Medizinstudiums wie in Salzburg, weshalb wir neben der Genehmigung aus Wien auch vom Wissenschaftsministerium in München die schriftliche „Feststellung“ erhalten haben, dass alle Auflagen erfüllt sind“, betont Kolb.

Derzeit läuft an der PMU ein intensives Auswahlverfahren. Trotz der Gebühren gab es für beide Standorte reichlich Bewerber: Von den mehr als 1 000 Interessenten für Nürnberg und Salzburg, die bereits schriftliche Eignungsprüfungen absolvierten, wurden jeweils 150 zu Gesprächen geladen. Ende Juni soll feststehen, wer in Nürnberg oder Salzburg ab August studieren darf. Wie für Nürnberg werden auch für Salzburg 50 Studierende zugelassen; ein Wechsel zwischen den Standorten ist nicht vorgesehen.

Die Bayerische Lan­des­ärz­te­kam­mer beobachtet die Etablierung von Medical Schools, insbesondere von der in Nürnberg, kritisch. „Nach unserem derzeitigen Eindruck scheint für die praktisch-klinische Ausbildung der Studierenden ausreichend Personal zur Verfügung zu stehen“, sagt der Präsident der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, Dr. med. Max Kaplan, gegenüber Medizin Studieren. Künftige Ärztinnen und Ärzte müssen nach seiner Ansicht jedoch wissenschaftlich fundiert an einer Hochschule ausgebildet sein – auch wenn sie vielleicht keine universitäre Karriere, sondern eine praktische Tätigkeit zum Beispiel als Hausarzt anstreben. „Medizinische Ausbildung braucht eine forschungsbasierte Lehre durch hauptamtlich tätige Professoren.“ Auf keinen Fall dürfe es eine Zweiklassengesellschaft im Medizinstudium geben: „Damit meine ich sowohl die Wissenschaftsbasierung der Lehre als auch die Finanzierung des Studiums.“

Andere Studien-Modelle

Die Idee und die Möglichkeiten, Medizin zum Teil an ausländischen Universitäten zu studieren und so den deutschen Numerus clausus zu umgehen, sind nicht neu.

Asklepios Medical School Hamburg

Bereits seit 2008 kooperieren die privaten Asklepios-Kliniken in Hamburg mit der Semmelweis-Universität in Budapest. Die Studierenden absolvieren dort für etwa 7 000 Euro Gebühr die Vorklinik. Die klinische Ausbildung findet bei einer Studiengebühr von 7 500 Euro pro Semester in Hamburg statt. Das Studium endet mit mit einem ungarischen Uni-Abschluss.

European Medical School Oldenburg-Groningen

Mit Oldenburg und Groningen bieten seit zwei Jahren eine deutsche und eine niederländische staatliche Universität gemeinsam mit regionalen Kliniken ein grenzüberschreitendes Medizinstudium an. 40 Studierende pro Jahrgang schließen mit dem deutschen Staatsexamen ab. Es fallen keine Studiengebühren an.

Kassel School of Medicine

Das kommunale Klinikum Kassel kooperiert seit letztem Jahr mit der University of Southampton, wo die Studierenden die Vorklinik absolvieren. Nach fünf Jahren und der Zahlung von 12 000 Euro jährlich erhalten sie den Bachelor of Medical Science.

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