ArchivMedizin studieren3/2014Fehler einer Medizinstudentin: Koma nach falscher Infusion

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Fehler einer Medizinstudentin: Koma nach falscher Infusion

Medizin studieren, 3/2014: 10

Hibbeler, Birgit

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Foto: Fotolia/jannoon028
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Nach einer Schönheitsoperation hat sich in Mainz ein schwerer Fehler ereignet. Die Klinik, der operierende Arzt und eine Medizinstudentin sollen nun haften. Der Fehler zeigt Parallelen zu einem Fall in Bielefeld.

Zunächst läuft alles ohne Komplikationen: Lidstraffung, Halsstraffung, Facelifting – ein Routineeingriff. Die Patientin soll nach der OP in Vollnarkose noch ein bis zwei Tage in der privaten Schönheitsklinik in Mainz bleiben. Doch dann gibt es Probleme. Die Patientin ist Diabetikerin und hat Schwierigkeiten mit ihrem Blutzuckerspiegel. Sie muss sich außerdem mehrfach übergeben. Die einzige Nachtwache der Abteilung, eine Medizinstudentin, ist offenbar überfordert. In der Akte ist als Medikation „Infusionsrest aus Op iv“ eingetragen. Die Studentin entscheidet sich, die angebrochene Infusion zu verabreichen, die sich noch im Operationssaal befindet . Diese hat ein Etikett mit der Aufschrift „NaCl“. Allerdings ist in der Flasche nicht nur Kochsalzlösung, sondern auch das Narkosemittel Propofol. Der Inhalt ist milchig. Die Patientin erleidet daraufhin einen Atem- und Kreislaufstillstand und muss vom alarmierten Notarzt reanimiert werden. Seither liegt die zweifache Mutter im Koma.

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Das war im Juni 2011. In einem Urteil vom 15. April 2014 hat das Landgericht Mainz nun entschieden: Die Klinik, der operierende Arzt und die Studentin müssen für den Fehler haften (Az.: 2 O 266/11). In welcher Höhe, wird jetzt mit einer weiteren Beweisaufnahme festgelegt. Der Ehemann verlangt Schadensersatz von mehr als 800 000 Euro für die Pflege seiner Frau.

Nach Einschätzung des Gerichts haben strukturelle Probleme in der Organisation der Klinik den Fehler verursacht. Die Betreuung einer frisch operierten Patientin habe nicht allein einer Studentin anvertraut werden dürfen. Der operierende Arzt und Geschäftsführer der Klinik hätte nach Meinung des Gerichts erkennen müssen, dass die Studentin für die Nachtwache ungeeignet war. Auch diese sei aber haftbar zu machen, so der Richter. Sie habe „gravierende Fehlentscheidungen“ getroffen. So habe sie eine angebrochene Infusion verabreicht, von der sie nicht sicher wissen konnte, worum es sich handelt. Der Anästhesist hingegen muss laut Gericht nicht für den Vorfall haften. Er hatte argumentiert, seine Anweisung in Bezug auf den Infusionsrest habe sich auf die Flasche bezogen, die noch anhing, als die Patientin aus dem OP kam. Dass die Studentin eine andere Infusion angehängt habe, sei unverständlich.

Der Fall ist mittlerweile am Oberlandeslandesgericht Koblenz anhängig. Neben dem zivilrechtlichen Verfahren wird die strafrechtliche Relevanz des Vorfalls überprüft. Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung eingeleitet; Klinik und Operateur haben Rechtsmittel eingelegt. Mit Verhandlungsergebnissen ist nicht vor Ende des Jahres zu rechnen.

Der Fall in Mainz hat Parallelen zu einem Fehler, der sich im Sommer 2011 in einem Krankenhaus in Bielefeld ereignete. Dort hatte ein Student im praktischen Jahr (PJ) einem Säugling versehentlich ein orales Antibiotikum intravenös gespritzt. Das Baby starb. Der Student wurde wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilt. Das Ermittlungsverfahren gegen die Klinik wurde unterdessen kürzlich eingestellt. In dem Bielefelder Fall hatte eine Krankenschwester die milchig aussehende Injektion ins Patientenzimmer gebracht, die in den Mund des Säuglings geträufelt werden sollte. Der Student war zu diesem Zeitpunkt in dem Zimmer mit einer Blutabnahme beschäftigt. Genau wie die Mainzer Studentin war der Bielefelder PJler davon überzeugt, er habe den Auftrag gehabt, das Präparat zu verabreichen.

Fehler in der Medizin passieren. Manchmal ist das Versagen eines Einzelnen der Grund. Häufig aber trägt die Organisation, in der der Fehler stattfindet, eine Mitschuld. Das letzte Glied in der Kette sind dann immer wieder auch Studierende.

Grundsätzlich gilt: Ein Studierender darf alle möglichen Aufgaben übernehmen. Sie müssen seinem Ausbildungsstand entsprechen und der Ausbilder muss sich vergewissern, dass der Studierende zur Übernahme der Aufgabe in der Lage ist. Trotzdem haben auch Studierende eine Verantwortung. Wer bei einer Tätigkeit unsicher ist, sollte sie nur unter Aufsicht durchführen. Und: Besser einmal zu viel fragen als einmal zu wenig!

Die Urteile

Kann man als Medizinstudierender für Fehler zur Verantwortung gezogen werden? Die Antwort lautet: Ja. Studierende können strafrechtlich verurteilt werden und müssen gegebenenfalls für Fehler haften – obwohl sie noch in der Ausbildung sind. Deshalb müssen sich auch Studierende ihrer Verantwortung bewusst sein. Sie sollten sich und das Verhalten anderer hinterfragen.

@Die Gerichtsurteile aus Mainz und Bielefeld:
www.aerzteblatt.de/st14310

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