ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2014Große Patientengruppe unauffindbar
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Herausforderung in Diagnostik und Therapie der PTBS fußt auch auf der ungenügenden Differenzierung des ICD-10-Abschnitts F43.- (Reaktionen auf schwere Belastungen …), da dieser nur drei Diagnosen beinhaltet: Die akute Belastungsreaktion (F43.0), die PTBS (F43.1) und die Anpassungsstörungen (F43.2).

Eine große Patientengruppe ist in diesem ICD-Abschnitt F43.- unauffindbar und erhält daher eine dieser drei verfügbaren aber falschen Diagnosen. Es sind Patienten mit einer „kumulativen traumatischen Belastungsstörung“ (KTBS) (1). Das traumatische Ereignis ist nicht abgeschlossen, sondern dauert in einer Täter-Opfer-Konstellation meist mit psychischem Gewaltcharakter an. Diese Patienten sind einem Täter fortgesetzt ausgeliefert und können sich dessen Psychoterror kaum entziehen. Innerhalb dieser KTBS finden sich die Subdiagnosen „Mobbings-Syndrom“ (2), „StalkingSyndrom“, „Häusliches-Gewalt-Syndrom“ usw.

Patienten mit einer KTBS erfüllen entweder nicht alle Kriterien der PTBS oder überschreiten das Zeitlimit der Dauer der akuten Belastungsreaktion oder werden gar von ihren Therapeuten mit der Diagnose „Anpassungsstörung“ beschuldigt, sich dem Psychoterror des „Mobbing“, „Stalking“ oder der „häuslichen Gewalt“ nicht anzupassen. Im Widerspruch zur Fehldiagnose einer Anpassungsstörung beinhaltet die KTBS eine traumatische Komponente und weist keine Diskrepanz zwischen einem (niedrigen) Auslöser und einem (starken) Leiden auf. Für Patienten mit einer KTBS ist die Non-Compliance und die Therapieresistenz vorprogrammiert, wenn sie aufgrund eines ungenügenden Diagnose- und Therapiespektrums fehldiagnostiziert oder gar als Opfer beschuldigt werden. Wie sollen Therapien auch wirken, wenn Patienten fortwährend „Psychische-Gewalt-Traumata“ erleiden, die auch von Therapeuten nicht unterbunden, sondern sogar noch verstärkt werden können?

Eine Aufnahme der KTBS im ICD-10 könnte das Ausmaß der Erkrankungshäufigkeiten im Abschnitt F43.- dokumentieren und hierdurch die Dringlichkeit einer Intervention durch den Gesetzgeber unterstreichen (3).

DOI: 10.3238/arztebl.2014.0489b

Dr. med. Argeo Bämayr

Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Coburg

drbaemayr@ungwana.de

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Fischer G, Riedesser P: Lehrbuch der Psychotraumatologie. München, Basel: Reinhard-Verlag 1998: 332.
2.
Bämayr A: Das Mobbingsyndrom, Diagnostik, Therapie und Begutachtung im Kontext zur in Deutschland ubiquitär praktizierten psychischen Gewalt. Europäischer Universitätsverlag 2012: 136–9.
3.
Bämayr A: Kumulative traumatische Belastungsstörung, Verworrene Diagnostik bei Patienten mit Mobbing- und Stalkingsyndrom, Neurotransmitter 2013; 24: 43–5 CrossRef
4.
Frommberger U, Angenendt J, Berger M: Post-traumatic stress disorder—a diagnostic and therapeutic challenge. Dtsch Arztebl Int 2014; 111: 59–65. VOLLTEXT
1.Fischer G, Riedesser P: Lehrbuch der Psychotraumatologie. München, Basel: Reinhard-Verlag 1998: 332.
2.Bämayr A: Das Mobbingsyndrom, Diagnostik, Therapie und Begutachtung im Kontext zur in Deutschland ubiquitär praktizierten psychischen Gewalt. Europäischer Universitätsverlag 2012: 136–9.
3.Bämayr A: Kumulative traumatische Belastungsstörung, Verworrene Diagnostik bei Patienten mit Mobbing- und Stalkingsyndrom, Neurotransmitter 2013; 24: 43–5 CrossRef
4.Frommberger U, Angenendt J, Berger M: Post-traumatic stress disorder—a diagnostic and therapeutic challenge. Dtsch Arztebl Int 2014; 111: 59–65. VOLLTEXT

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Anzeige