ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/201475. Ordentlicher Medizinischer Fakultätentag: Kritik an Medical Schools

POLITIK

75. Ordentlicher Medizinischer Fakultätentag: Kritik an Medical Schools

Dtsch Arztebl 2014; 111(27-28): A-1244 / B-1070 / C-1014

Richter-Kuhlmann, Eva

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Neben der unzureichenden Finanzierung der Hochschulmedizin beschäftigte die medizinischen Fakultäten in diesem Jahr vor allem eins: Wie kann die Qualität der Ausbildung aufrechterhalten werden? Kritik wurde am Academic Franchising laut.

Die hundertjährige Goethe-Universität in Frankfurt/Main war Gastgeber für den diesjährigen 75. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentag. Fotos: MFT
Die hundertjährige Goethe-Universität in Frankfurt/Main war Gastgeber für den diesjährigen 75. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentag. Fotos: MFT

Etwa 400 einen Meter hohe Goethe-Figuren schmücken derzeit aus Anlass des 100. Geburtstages der Goethe-Universität Frankfurt/Main in den historischen Farben der Universität den Frankfurter Campus Westend. Auf Johann Wolfgang von Goethe wurde dort beim 75. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentag (oMFT) am 19. und 20. Juni auch reichlich verwiesen, unter anderem von Bun­des­for­schungs­minis­terin Prof. Dr. rer. nat. Johanna Wanka (CDU).

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„Wir müssen gemeinsam versuchen, erfolgreich zu sein und die Probleme zu lösen“, betonte Wanka in ihrem Grußwort zur Eröffnung des diesjährigen Fakultätentages. Konkrete Zusagen gab sie aber keine. Grundsätzlich sei der von der Hochschulmedizin geforderte Systemzuschlag jedoch eine „gute Überlegung“, sagte die Bundesministerin. MFT-Präsident Prof. Dr. rer. nat. Heyo K. Kroemer forderte hingegen erneut ein konkretes, koordiniertes politisches Handeln von Bund und Ländern zur Verbesserung der Finanzsituation der Universitätsmedizin. Sowohl im investiven Bereich als auch in der Finanzierung universitärer Krankenversorgung sei dringender Handlungsbedarf gegeben.

Harmonisch, jedoch ohne konkrete Zusagen verlief der Austausch der Argumente zwischen MFT-Präsident Heyo K. Kroemer und Bun­des­for­schungs­minis­terin Johanna Wanka auf dem 75. oMFT
Harmonisch, jedoch ohne konkrete Zusagen verlief der Austausch der Argumente zwischen MFT-Präsident Heyo K. Kroemer und Bun­des­for­schungs­minis­terin Johanna Wanka auf dem 75. oMFT

Grundgesetz wird geändert

Wanka verwies die Dekane der medizinischen Fakultäten auf die jüngste Verpflichtung der Länder, die durch die Übernahme der BAföG-Zahlungen durch den Bund jährlich freiwerdenden etwa 1,17 Milliarden Euro für Hochschulen und Schulen zur Verfügung zu stellen. „Nun müssen Sie sich bei Ihren Landesregierungen dafür einsetzen, dass diese Gelder auch an die Hochschulen kommen“, sagte sie. Es bestehe jetzt die Chance, dauerhaft Mittel zu erhalten, die beispielsweise für eine kontinuierliche Finanzierung von Nachwuchswissenschaftlern eingesetzt werden könnten.

Ferner lobte Wanka die geplante Grundgesetzänderung, die ein dauerhaftes Engagement des Bundes für Forschung und Lehre an den Hochschulen ermöglichen soll. „Der Artikel 91 b des Grundgesetzes soll bis Ende des Jahres neu gefasst werden“, kündigte sie an. Konkrete Formulierungen lägen bereits vor. „Der Weg für eine Grundgesetzänderung ist jetzt nach Kontroversen während der Koalitionsverhandlungen frei. Das ist ein wichtiger Schritt“, betonte die Ministerin. Zudem finanziere der Bund außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, den Hochschulpakt, den Pakt für Forschung und Innovation und die Exzellenzinitiative weiter. Zusätzlich zu den seit 2005 ständig wachsenden Ausgaben des Bundes für die Forschung stünden in dieser Legislaturperiode drei Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung zur Verfügung. Damit sei der Anteil von drei Prozent am Bruttoinlandsprodukt auch in Zukunft sichergestellt.

Während ihres Jahrestreffens diskutierten die Dekane schwerpunktmäßig die Weiterentwicklung des Medizinstudiums, die Erstellung des Nationalen Lernzielkatalogs sowie die Qualitätssicherung der Ausbildung. Dabei forderten sie, das Wissen der medizinischen Fakultäten bei der Konzeption des im Koalitionsvertrag verankerten „Masterplans Medizinstudium 2020“ frühzeitig einzubeziehen. Bund und Länder beabsichtigen, neben einer stärker zielgerichteten Auswahl der Studienplatzbewerber unter anderem auch die Praxisnähe im Studium zu stärken.

Ein Nationaler Kompetenzbasierter Lernzielkatalog Medizin solle auf dem 76. oMFT 2015 verabschiedet werden, sagte Prof. Dr. med. Martin R. Fischer, Vorsitzender des Vorstandes der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung. Er soll die Approbationsordnung und die Gegenstandskataloge nicht ersetzen, sondern ergänzen und Kompetenzen definieren. Momentan existiere für diesen Katalog ein Entwurf, den die Wissenschaftlichen Fachgesellschaften überarbeiten und mit Hilfe der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften zusammenführen.

Bei seinem diesjährigen Jahrestreffen forderte der MFT Bund und Länder insbesondere auf, das Niveau der wissenschaftlich-fundierten Ärzteausbildung in Deutschland zu sichern. Hierfür sollten die Länder vergleichbare Gesetze zur Qualitätssicherung neu entstehender Medical Schools ausländischer Anbieter verabschieden, heißt es in einer Resolution. Hintergrund für diese Forderung ist die Zunahme der Anzahl der medizinischen Fakultäten. Nach Schätzung der Welt­gesund­heits­organi­sation beträgt der weltweite Zuwachs 20 bis 30 Prozent in den letzten fünf Jahren. „Als Grund für diesen Anstieg wird offiziell oft der Mangel an Medizinern, insbesondere in ländlichen Gebieten, genannt“, sagte Prof. Dr. rer. nat. Peter Dieter, Präsident der Association of Medical Schools in Europe. Es sei aber davon auszugehen, dass auch die Profilierung von Politikern und die Nachwuchsanwerbung von Krankenhäusern und privaten Trägern zu dem Anstieg führten.

Zahl der Anbieter wächst

In Deutschland war die Anzahl der medizinischen Fakultäten über Jahrzehnte konstant. In den letzten Jahren wurde in Oldenburg in Kooperation mit Groningen (Niederlande) eine neue Medizinische Fakultät gegründet, die European Medical School Oldenburg-Groningen. Geplant sind zudem neue Fakultäten in Hamburg, Brandenburg und Augsburg. Ferner existieren hierzulande staatenübergreifende Modelle der Ärzteausbildung (Academic Franchising genannt), wie Kooperationen zwischen Budapest, Ungarn – Hamburg, Kassel – Southampton, England, sowie ab dem kommenden Wintersemester Nürnberg – Salzburg, Österreich. Bei diesen Modellen finden das Medizinstudium und der Abschluss unter dem Dach einer ausländischen Universität und den Rechtsbedingungen dieses Landes statt. Die Absolventen können nach der Berufsanerkennungsrichtlinie der EU jedoch auch in Deutschland den Arztberuf ausüben.

Heftige Kritik äußerten die Hochschullehrer und Dekane an der neu entstehenden Medical School in Nürnberg, bei der das Nürnberger Klinikum mit der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg zusammenarbeitet. „Bei der Gründung wurde auf die Beratung durch ärztliche Institutionen verzichtet“, sagte Prof. Dr. med. Josef Pfeilschifter, Dekan des Fachbereiches Medizin an der Universität Frankfurt/Main. Weder werde eine forschungsbasierte Ausbildung angeboten noch eine Lehre durch ausreichend hauptberufliche Professoren.

Für kooperierende deutsche Krankenhäuser entstehe durch die Beteiligung an den ausländischen Ausbildungsmodellen nicht etwa eine Art „rechtsfreien Raums“, betonte Prof. Dr. jur. Max Emanuel Geis, Jurist an der Universität Erlangen und Autor des für den MFT erstellten Gutachtens „Rechtliche Anforderungen an Gründungen ärztlicher Ausbildungs- und Forschungsstätten in Deutschland“. „Staatliche Aufsichtsbehörden haben darauf zu achten, dass keine Kooperationsverträge abgeschlossen werden, die nicht den Erfordernissen einer wissenschaftlichen Ausbildung gerecht werden“, sagte er bei einer Podiumsdiskussion auf dem 75. oMFT. Notwendig sei aber auch eine konkretere Fassung der Anforderungen an die wissenschaftliche Lehre im europäischen Kontext.

Länder sind in der Pflicht

Die Akkreditierung von Krankenhäusern durch ausländische Agenturen sei keine ausreichende Qualitätssicherung für die Universitätsmedizin, meinte Prof. Dr. jur. Dr. h.c. Georg Sandberger, Jurist an der Universität Tübingen. „Die Bundesländer haben auch die Aufsicht über private Hochschulen“, betonte er. Die Hochschulrektorenkonferenz habe deshalb die Kultusministerien aufgefordert, einheitliche Qualitätsanforderungen für akademische Franchising-Modelle gesetzlich zu verankern.

Die verschiedenen Studiengänge und eine fehlende wissenschaftliche Grundausbildung sieht auch die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) kritisch. Der bvmd-Präsident Christian Kraef sprach sich unter anderem dafür aus, die Struktur des Medizinstudiums bundesweit einheitlich zu regeln. Die Studierenden wünschten sich eine stärkere wissenschaftliche Orientierung mit einer verpflichtenden wissenschaftlichen Arbeit, sagte er.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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Dr. Merkl
am Donnerstag, 10. Juli 2014, 11:17

Konzeptlos

Eine befremdliches Frösteln scheint sich zumindest formal durch die überfüllten deutschen medizinischen Regelhochschulen angesichts der privaten und nach Sachlage und Gutachten juristisch einwandfreien Konkurrenz zu ziehen. Verständlich einerseits der neidische Blick auf die ebenfalls private Finanzausstattung, die kleineren Gruppen, die ergebnisorientierte Ausbildung nahe an der Praxis und einer Nähe zum Lehrer, die der Normalstudent nur in Harvard oder Oxford vermutet. Andererseits drängt sich die Frage auf, mit welcher Hybris solche Verhältnisse kritiklos als unakademisch verteufelt werden, zumal an der geforderten Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Arbeit Studenten der deutschen Medizin eher einer Minderheit angehören. Was spricht denn gegen eine Ausbildung, die sich an der zukünftigen Anforderung orientiert ? Es wird sich eine Art duales Studium entwickeln, wo der Jungmediziner Theorie und Praxis zu verknüpfen lernt und in die Lage versetzt wird, Schritt für Schritt wissend und handeln in den Arztberuf zu wachsen, wie viele andere Ausbildungsgänge das schon längst erfolgreich praktizieren. Statt Polemik ex cathedra verlangt die neue Zeit auch neue Konzepte mit Raum für die jungen Menschen, die mit Freude und vielen Opfern den Arztberuf gut ausgebildet und selbstbewusst ergreifen und sich eines Tages mit ganzer Kraft auch um die kümmern werden, die eine kompakte und transparente Ausbildung heute unter dem fadenscheinigen Vorwand einer mangelnden wissenschaftlichen Kontrolle zu verhindern suchen. Ein Festhalten an bröckelnden Strukturen diskreditiert die unersetzlichen Ausbildungskliniken, Lehrkrankenhäuser und akademischen Lehrer aus der zweiten Reihe und versucht universitäre Gebilde auf ein Niveau zu heben, das in vielen Fällen weder vorhanden, noch sinnvoll und nützlich im Hinblick auf die wichtigste Kunst des Arztes ist : die Beratung und Betreuung eines menschlichen Patienten. Alles andere ist Beiwerk.

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