ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2014Militärmedizin: Medizinische „Dolchstoßlegende“

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Militärmedizin: Medizinische „Dolchstoßlegende“

Dtsch Arztebl 2014; 111(27-28): A-1262 / B-1086 / C-1030

Jachertz, Norbert

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Vorweg: Das Buch behandelt nicht die herausragenden Leistungen der Ärzte an und unmittelbar hinter der Front, die körperlich verwundeten oder erkrankten Soldaten das Leben retteten und/oder sie wieder „verwendungsfähig“ machten. Die Autoren, alle Medizinhistoriker, untersuchen vielmehr den Umgang mit psychiatrisch, neurologisch oder psychosomatisch/internistisch erkrankten Soldaten, insbesondere „erschöpften“ Soldaten, und deren Beurteilung durch den Arzt, aber auch durch die Gesellschaft. Die zentrale Frage lautet: Werden „Kriegsneurosen“, um diesen vagen Sammelbegriff aus dem Ersten Weltkrieg zu nehmen, primär durch das Kriegserleben verursacht oder sind sie konstitutionell bedingt? Die Frage ist bis heute aktuell, hängt davon doch zum Beispiel die Berentung versehrter Kriegsteilnehmer ab.

Im Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit war sie zudem national aufgeladen. Militär wie führende Ärzte verübelten den „Kriegsneurotikern“ geradezu ihre „Schwäche“, ja, den „Simulanten“, „Drückebergern“ und „minderwertigen Elementen“ schoben sie eine Mitschuld an der Niederlage im Ersten Weltkrieg zu – eine Variante der „Dolchstoßlegende“ (Livia Prüll, Seite 129). Es fällt freilich auf, dass solche Einstellungen eher in der Etappe, bei ärztlichen Gutachtern weit hinter den Linien und in der Fachliteratur verbreitet waren, während Ärzte an der Front weitaus verständnisvoller urteilten: Sie wussten, was Krieg bedeutete (Philipp Rauh, Seite 111, 125).

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Im Zweiten Weltkrieg spielte die rassistische Ideologie der Nazis auch in die Medizin hinein. So kam es bei „grundsätzlich gesund veranlagten Soldaten“ zu einer gestuften Behandlung, beginnend mit Ruhe und Erholung, über Verabreichung von Beruhigungsmitteln bis hin zu heroischen Therapien wie der Elektro-, Insulin- oder Cardiazolschocktherapie. Therapieresistente, „Minderwertige“, „Abnorme“ hingegen wurden ausgesondert. Ihre Behandlung galt nicht als ärztliche, sondern als disziplinarische Angelegenheit. Solche Patienten wurden in Sonderabteilungen, Feldsonderbataillone mit Strafcharakter oder gar in Konzentrationslager überwiesen (Peter Steinkamp, Seiten 198 ff).

Die Autoren stützen sich auf eine Fülle von Lazarettakten und Obduktionsberichten, dazu auf einschlägige zeitgenössische Fachliteratur. Sie behandeln systematisch die herrschenden medizinischen Konzepte und die ärztlichen Vorgehensweisen im Ersten Weltkrieg, veranschaulicht auch durch Fallgeschichten (Petra Peckl), die Debatte in der Weimarer Zeit und schließlich die auf den Erfahrungen 1914/1918 aufbauende Therapie und deren Radikalisierung im Zweiten Weltkrieg. Ein abschließendes Kapitel geht auf Kontinuitäten in der neu begründeten Bundeswehr ein.

Das Buch – Extrakt eines DFG- Forschungsprojektes in den Jahren 2006 bis 2010 – bringt ein wenig Licht in ein wenig bekanntes, gerne verschwiegenes Kapitel der Kriegführung. Norbert Jachertz

Livia Prüll, Philipp Rauh (Hg.): Krieg und medikale Kultur. Patientenschicksale und ärztliches Handeln in der Zeit der Weltkriege 1914–1945. Wallstein-Verlag, Göttingen 2014, 283 Seiten, broschiert. 24,90 Euro

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