ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2014Placebo: Mehr Raum für intensive persönliche Betreuung

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Placebo: Mehr Raum für intensive persönliche Betreuung

Dtsch Arztebl 2014; 111(27-28): A-1259 / B-1084 / C-1027

Jäger, Helmut

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Herr Prof. Jütte und Frau Prof. Thürmann beschreiben, dass alle Wirkungen, die mit der Gabe von Medikamenten verbunden sind, inklusive des „Placeboeffektes“, auch messbar sind. Damit können alle Auswirkungen medizinischer Interventionen transparent und überprüfbar zum Wohl der Patienten eingesetzt werden. Die Erforschung der Systemzusammenhänge, die „Placeboeffekten“ zugrunde liegen, erlaubt es, künftig auf diesen missverständlichen Begriff aus dem 19. Jahrhundert zu verzichten. Systemwirkungen werden nicht nur durch eine Veränderung der Erwartungshaltung im Rahmen gelungener Kommunikation ausgelöst, sondern auch durch Pharmaka, die sehr spezifisch „nicht spezifische Reaktionen“ triggern. Der Verzicht auf den Placebobegriff zugunsten einer exakten, wissenschaftlichen Bezeichnung komplexer, systembezogener Wirkungen würde zu mehr Klarheit und praktischen Konsequenzen führen:

  • Den Patienten täuschende „Placebologie“ oder „Hokuspokus“, ausufernde unnötige Behandlungen und kommerziell motivierte IGeL, Gaben von Pseudo-Placebo könnten als unnötig, unprofessionell, unethisch und oft auch gefährlich weitgehend aus dem ärztlichen Handlungsrahmen verdrängt werden.
  • Die Aus- und Weiterbildung der Ärztinnen/Ärzte könnte intensiver so gestaltet werden, dass sich die Kommunikation mit den Patientinnen/Patienten verbessert und möglichst starke Systemwirkungen erreicht werden. Damit könnte sich der ärztliche Bedarf reduzieren, in bestimmten Situationen unreine Placebo/nicht spezifische Behandlungen einzusetzen.
  • In der Medizin könnte und sollte mehr Raum entstehen für eine empathische Kommunikationskultur und intensive persönliche Betreuung über technische Behandlungsaspekte hinaus.
  • Der Goldstandard „Placebo-kontrollierter“ RCT müsste überprüft werden.

– In modernen RCT können Verum- und Kontrollgruppen gleichermaßen pharmakologisch aktive Wirksubstanzen enthalten. Der Vergleich unterschiedlicher Zusammensetzungen spezifischer und nicht spezifischer Wirksubstanzen unterscheidet sich aber methodisch deutlich vom klassischen Vergleich „Verum gegen Zuckerpille“ und darf nicht irreführend als „Placebo-kontrolliert“ bezeichnet werden.

– Die Messung der Verum-Wirkungen mit Surrogatmarkern erschwert die klassische Beurteilung der Wirksamkeit (Senkung des relativen Risikos von Morbidität oder Mortalität) . . . In Postmarketingstudien ist es daher oftmals schwierig, spezifische, nicht spezifische und indirekte Wirkungen exakt und getrennt voneinander zu beschreiben.

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– Für die Beobachtung komplexer Auswirkungen steht ein neuer Studientyp zur Verfügung, der auch in Deutschland angewandt und weiterentwickelt werden könnte.

Literatur beim Verfasser

Dr. Helmut Jäger, Am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, 20359 Hamburg

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