ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2014Gerichtsgutachten: Wird die Tendenz wirklich vorgegeben?
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Die Autoren präsentierten die Ergebnisse einer Befragung von medizinisch-psychologischen Gutachtern, wonach nahezu jeder vierte Sachverständige bei einem vom Gericht in Auftrag gegebenen Gutachten zumindest in Einzelfällen eine Tendenz signalisiert bekam, wie er zu entscheiden habe . . . Die Ergebnisse fanden inzwischen auch in den Medien breite Resonanz, wobei die Unabhängigkeit von Gutachtern infrage gestellt wurde.

Um einen Anhalt für die Stichhaltigkeit der Vorwürfe zu erhalten, wurden die Teilnehmer einer unlängst in Aschaffenburg stattgehabten Tagung der Deutschen Gesellschaft für Neurowissenschaftliche Begutachtung (DGNB) e.V. gebeten, einen Fragebogen mit vergleichbaren Fragen auszufüllen. Von den 56 Teilnehmern, die den für die Vergabe von Fortbildungspunkten erforderlichen Evaluationsbogen ausfüllten, bearbeiteten 51 (94 Prozent) den Fragebogen. Beim überwiegenden Teil der Teilnehmer handelte es sich um Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie (Nervenärzte), so dass die Ergebnisse mit denen der 52 in der Studie von Jordan und Gresser zitierten Psychiater verglichen werden können . . .

Während in der Befragung von Jordan und Gresser 28 Prozent der psychiatrisch tätigen Gutachter angaben, es sei ihnen zumindest „in Einzelfällen“ bei einem Gutachtenauftrag schon einmal eine Tendenz vorgeben worden, waren es in unserem Kollektiv gerade einmal zwei (!) Kollegen, die über eine derartige Erfahrung im seltenen Einzelfall (Häufigkeit < 1:1 000) in einem Zeitraum von jeweils mehr als 20 Jahren Gutachtentätigkeit berichteten. Eine konkrete Beeinflussung der Gutachtenergebnisse aufgrund der Intervention wurde dabei von beiden Kollegen ausdrücklich ausgeschlossen. Darüber hinaus verwies ein Kollege darauf, dass er vor einigen Jahren einmal persönlich vom Richter eines Oberlandesgerichts – allerdings erst nach Erstattung seines Gutachtens – „attackiert“ worden sei, als das Ergebnis nicht der Einschätzung des Richters entsprach.

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Zusammenfassend können die Ergebnisse unserer Stichprobe an einem vergleichbaren Kollektiv neurologisch-psychiatrisch tätiger Ärzte die von Jordan und Gresser geäußerten Vorwürfe einer erheblichen „Schieflage“ im Begutachtungswesen zumindest für das nicht strafrechtlich tätige nervenärztliche Fachgebiet nicht erhärten – inwieweit bei Jordan und Gresser forensisch tätige Psychiater befragt wurden, geht aus der Arbeit nicht hervor. Ein wesentlicher Unterschied mag dabei darin begründet sein, dass bei unserer Befragung nach einer signalisierten Tendenz ausdrücklich darauf verwiesen wurde, dass damit nicht die „Leitung der Tätigkeit des Sachverständigen“ gemeint ist, wie sie in der Zivilprozessordnung (§ 404 a ZPO) gesetzlich vorgegeben ist. Entsprechend ist nicht auszuschließen, dass Jordan und Gresser ein schlichtes Missverständnis der Befragten zu einer „Krise“ stilisierten.

§ 404 a ZPO Leitung der Tätigkeit des Sachverständigen:

(1) Das Gericht hat die Tätigkeit des Sachverständigen zu leiten und kann ihm für Art und Umfang seiner Tätigkeit Weisungen erteilen.

(2) Soweit es die Besonderheit des Falles erfordert, soll das Gericht den Sachverständigen vor Abfassung der Beweisfrage hören, ihn in seine Aufgabe einweisen und ihm auf Verlangen den Auftrag erläutern.

Literatur beim Verfasser

Prof. Dr. Dr. med. Bernhard Widder, Sekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurowissenschaftliche Begutachtung (DGNB) e.V., Bezirkskrankenhaus Günzburg,
89312 Günzburg

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