POLITIK

Hauptstadtkongress: Krankenhäusern geht es schlechter

Dtsch Arztebl 2014; 111(27-28): A-1234 / B-1066 / C-1010

Osterloh, Falk

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Der auf dem Hauptstadtkongress vorgestellte „Krankenhaus Rating Report“ zeigt: 2012 schrieben noch mehr Krankenhäuser rote Zahlen als im Vorjahr. Ein weiteres Thema war die Integrierte Versorgung, der die Bundesregierung mit dem Innovationsfonds neues Leben einhauchen will.

Staatssekretär Stroppe zog auf dem Hauptstadtkongress ein positives Fazit der integrierten Versorgung. Foto: WISO/Schmidt-Dominé
Staatssekretär Stroppe zog auf dem Hauptstadtkongress ein positives Fazit der integrierten Versorgung. Foto: WISO/Schmidt-Dominé

Bis zum Jahresende wollen Bund und Länder Eckpunkte für eine Krankenhausreform erarbeiten. Ein Grund: Seit einigen Jahren rutschen immer mehr Krankenhäuser in die roten Zahlen. Dieser Trend wurde jetzt durch den „Krankenhaus Rating Report 2014“ bestätigt. „2011 war für Krankenhäuser in wirtschaftlicher Hinsicht ein schwieriges Jahr, 2012 war noch schwieriger.“ Mit diesem Satz fassen die Autoren des Reports die Lage im stationären Bereich zusammen. 35 Prozent der Häuser hätten im Jahr 2012 auf Konzernebene einen Jahresverlust geschrieben – 16 Prozent mehr als zwei Jahre zuvor. Zudem habe sich die Umsatzrendite in diesem Zeitraum von 2,6 Prozent auf 1,1 Prozent verringert. 16 Prozent der 976 untersuchten Krankenhäuser wiesen dem Report zufolge im Jahr 2012 daher eine erhöhte Insolvenzgefahr auf – doppelt so viele wie 2010.

Ohne einen Anstieg der erbrachten Leistungen steige der Anteil der von einer Insolvenz gefährdeten Häuser bis 2020 auf mehr als 30 Prozent, prognostizieren die Autoren des Reports. Mit einem jährlichen Produktivitätsfortschritt von 0,8 Prozent könne sich die Lage langfristig stabilisieren. „Da dieser Wert nur schwer erreichbar sein dürfte, werden nicht alle Krankenhäuser überleben“, heißt es weiter. „Wir rechnen damit, dass ohne Marktaustrittsbarrieren bis 2020 etwa 13 Prozent der Häuser aus dem Markt ausscheiden würden.“

Ampelklassifikation und Jahresüberschuss nach Trägerschaft
Grafik
Ampelklassifikation und Jahresüberschuss nach Trägerschaft

Länder zahlen zu wenig

Einer der Gründe für die schlechte wirtschaftliche Lage vieler Häuser seien die vielerorts zu niedrig ausfallenden Investitionsförderungen durch die Bundesländer. „Ohne Berücksichtigung der Universitätskliniken besteht ein Investitionsbedarf von 5,4 Milliarden Euro pro Jahr zur Erhaltung der aktuellen Substanz der Krankenhäuser“, sagte Dr. rer. pol. Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, einer der Autoren des Reports bei dessen Präsentation Ende Juni auf dem Hauptstadtkongress in Berlin. „Genau die Hälfte davon kommt von den Ländern.“ Die andere Hälfte müssten die Häuser auf andere Weise füllen. Bei 44 Prozent der Häuser reiche die Ertragskraft dafür jedoch nicht aus. „Langfristig können nicht alle Krankenhäuser aus eigener Kraft bestehen“, sagte Augurzky.

Ost-West-Diskrepanz

Zwischen den Krankenhäusern gibt es „eine deutliche Ost-West-Diskrepanz“, erklärte Dr. med. Sebastian Krolop von der Accenture GmbH, ein weiterer Autor des Reports. „Je weiter Sie nach Westen kommen, desto höher ist die durchschnittliche Ausfallwahrscheinlichkeit der Krankenhäuser.“ Die Gründe dafür reißt der Report an: So sei sowohl die Krankenhausdichte als auch der Anteil kleiner Krankenhäuser in den Bundesländern am höchsten, deren Häuser ein erhöhtes Insolvenzrisiko aufweisen.

„Bei den privaten Trägern sind Ketten besser aufgestellt als Solisten“, so Krolop weiter. „Bei freigemeinnützigen hält es sich die Waage, und bei kommunalen Trägern sind Solisten besser aufgestellt als Ketten.“ Eine reine Bildung von Ketten generiere insofern keinen Erfolg, wenn nicht die Möglichkeit des „Durchregierens“ bestehe, wenn man also nicht in der Lage sei, die notwendigen Schritte durchzuführen. Insofern bestehe auch eine Korrelation zwischen der Größe des Aufsichtsrates und der Gefahr der Insolvenz für ein Haus: je größer der Aufsichtsrat, desto größer die Ausfallwahrscheinlichkeit. Zudem betonte Krolop, dass sich die Wirtschaftlichkeit eines Krankenhauses und dessen erbrachte Qualität gegenseitig bedingten: „Je wirtschaftlicher ein Krankenhaus ist, desto höher sind auch die Qualität und die Patientenzufriedenheit.“

Die Lage der Krankenhäuser könnte sich den Autoren des Reports zufolge durch vier Maßnahmen verbessern: höhere Preise für Krankenhausleistungen, mehr Kapital für Investitionen, eine höhere Produktivität sowie Marktaustritte von weniger produktiven Einrichtungen.

Bundesregierung setzt auf IV

Auf einer weiteren Veranstaltung des Hauptstadtkongresses diskutierten Experten die Möglichkeiten und Grenzen der integrierten Versorgung (IV). Die Bundesregierung habe sich als einen gesundheitspolitischen Schwerpunkt vorgenommen, die sektorenübergreifende Versorgung voranzubringen, sagte dazu der beamtete Staatssekretär im
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Lutz Stroppe. Die IV nehme dabei eine Schlüsselrolle ein. Schon heute führe an der Kooperation im Gesundheitswesen kein Weg mehr vorbei. Die Gründe dafür seien unter anderem der Wandel des Krankheitsspektrums hin zu mehr chronischen Erkrankungen und Multimorbidität sowie die wachsenden Möglichkeiten der Medizin.

„Kooperation ist der Schlüssel, um die medizinische Versorgung zu verbessern“, sagte Stroppe. „Auch, wenn vielen die Entwicklung der IV nicht schnell genug geht, bin ich doch der Meinung, dass wir in den letzten Jahren deutliche Schritte
vorangekommen sind.“ Die Potenziale der IV seien jedoch bei weitem nicht ausgeschöpft. Um dies zu ändern, habe sich die Koalition vorgenommen, einen Innovationsfonds aufzulegen, mit dem Innovationen in der IV gefördert werden sollen, die die Chance haben, in die Regelversorgung übernommen zu werden. Stroppe kündigte für den Herbst ein neuerliches Versorgungsstrukturgesetz an, in dem über die genaue Ausgestaltung des Fonds entschieden werden solle.

Bewertet die Politik die Fortschritte in der integrierten Versorgung positiv, ist die Stimmung bei Krankenkassen und Industrie weniger gut, wie Prof. Dr. med. Bertram Häussler vom IGES-Institut referierte. Nach deren Ansicht hat die IV die Erwartungen nicht erfüllt, die mit ihr verbunden worden waren. Das Institut hatte Vertreter von Kassen und Industrie danach befragt, wie sie die IV heute bewerteten. Vor zehn Jahren hätten Befragte eher gesagt, dass die IV eines Tages die Regelversorgung ersetzen solle, meinte Häussler. Heute herrsche hingegen die Auffassung, dass die integrierte Versorgung lediglich als eine Ergänzung zur Regelversorgung fungiere.

Zu starke Regulierung

Auch wenn sie die Erwartungen nicht erfüllt habe, habe allein die Idee der integrierten Versorgung „Integrationsbrücken in die Regelversorgung“ geschaffen, befand Häussler. So kommunizierten Ärzte heute viel stärker miteinander als noch vor zehn Jahren. „Die Integration findet subkutan statt mit Hilfe technologischer Mittel“, sagte Häussler. „Dabei sind wir gar nicht richtig darüber informiert, was sich in den letzten zehn Jahren alles an Integration vollzogen hat.“

Als Gründe für die Stagnation der IV nannten die Befragten vor allem eine zu starke Regulierung. So müsse das Gebot der Beitragssatzstabilität in diesem Bereich aufgehoben werden, forderten sie – zumal IV-Verträge kaum zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge beitrügen. Problematisch sei auch, dass die Genehmigungsverfahren durch die Aufsichtsbehörden als sehr aufwendig erlebt würden, so Häussler. Ungerecht sei zudem, dass es Unterschiede in der Genehmigungspraxis auf Bundes- und Landesebene gebe. Zudem sei die Budgetbereinigung zu komplex und bringe den Kassen sehr wenig.

Gründe für eine Stagnation sind Häussler zufolge auch Berührungsängste zwischen Krankenkassen und Industrie. So hätten Vertreter der Industrie angegeben, mehr in die IV eingebunden werden zu wollen, während Kassenvertreter erklärt hätten, sie seien offen für die Industrie, die jedoch keine guten Ideen liefere. „Es gibt also keine Blockade, die durch neue gesetzliche Regelungen aufgehoben werden könnte, sondern hier müssten Geschäftsmodelle auf den Tisch gelegt werden. Dann kann man erwarten, dass noch etwas geht“, sagte Häussler. Nichtsdestoweniger gehe die Mehrzahl der Befragten davon aus, dass die integrierte Versorgung auch in Zukunft stagnieren werde. Wenige glaubten, dass es noch so komme, wie man es sich bei Inkrafttreten der gesetzlichen Regelungen zur IV vorgestellt habe.

Beim Thema Beitragssatzstabilität in IV-Verträgen zumindest verbreitete Staatssekretär Stroppe vorsichtigen Optimismus. Zwar solle zunächst die Entwicklung abgewartet werden, die mit dem GKV-Finanzstruktur- und Qualitäts-Weiterentwicklungsgesetz angestoßen worden sei. Aber dennoch: „Die Beitragssatzstabilität ist nicht in Stein gemeißelt“, so Stroppe.

Falk Osterloh

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